Die Nacht, in der die Lautsprecher die Wahrheit sagten

Als Alexander das Tablett mit Lauras Kosmetik vom Schminktisch fegte, zerbrach nicht nur Glas.

Parfüm lief über das Holz, Puder staubte auf den Teppich, Cremetiegel rollten unter den Sessel. Alexander stand vor ihr, rot im Gesicht, schwer atmend. Hinter ihm blockierte seine Mutter die Tür: Elisabeth von Hohenfeld, makellos gekleidet, mit Seidentuch und diesem kalten Blick, der Menschen zu Gegenständen machte.

— Laura, erspar uns dieses Theater — sagte sie. — Morgen ist wichtig.

In der Villengegend am Starnberger See galt die Familie Hohenfeld als vorbildlich. Immobilien, Stiftungen, elegante Empfänge, Fotos mit Politikern. Alexander war der Sohn, Laura die schöne Ehefrau. Niemand sah, dass in diesem Haus Würde nur für diejenigen galt, die den Namen trugen.

— Du ziehst heute ins Gästehaus — erklärte Elisabeth. — Sophie kommt morgen. Offiziell wegen der Gartengestaltung. Ihr Vater unterzeichnet mit uns. Wir brauchen keinen Skandal.

Sophie war die Tochter eines Geschäftspartners. Und Alexanders Geliebte.

Laura hatte die Schlüssel zur Münchner Wohnung gefunden, die Schmuckrechnung, die Nachrichten. Als sie Alexander stellte, sagte er nur:

— Eine Frau in deiner Position muss Diskretion lernen.

— Ich gehe nicht ins Gästehaus — sagte Laura. — Ich lasse mich scheiden.

Alexander lachte.

— Scheidung? Von uns?

Er packte ihren Arm.

— Morgen stehst du neben mir und lächelst. Wenn du Schwierigkeiten machst, erklärt dich ein befreundeter Arzt für instabil. Erschöpfung, Wahnideen, geschlossene Privatklinik. Niemand glaubt dir.

Elisabeth nickte.

— Es wäre zu deinem Schutz.

Sie schlossen Laura im Schlafzimmer ein. Doch unter der Matratze lag ihr zweites Handy. Sie hatte monatelang Gespräche aufgenommen. Früher war sie Anwältin gewesen. Bevor Alexander entschied, dass Hohenfeld-Frauen nicht arbeiten mussten.

Am nächsten Abend füllte sich der Garten mit Gästen. Champagner, Jazz, weiße Tischdecken. Sophie lachte neben Alexander.

Elisabeth wählte Lauras Kleid selbst, hochgeschlossen, um die blauen Flecken zu verbergen.

— Lächle — flüsterte sie. — Und sei dankbar.

Ein Gast fragte laut:

— Laura, wir hörten, Sie ruhen im Gästehaus wegen einer Erkältung?

Laura sah in die Runde.

— Ich bin nicht krank. Mein Mann will unser Schlafzimmer für seine Geliebte räumen. Und als ich die Scheidung erwähnte, drohte er, mich mit falscher Diagnose einweisen zu lassen.

Stille.

Elisabeth trat vor.

— Meine Schwiegertochter ist überlastet.

Laura drückte auf Play.

Aus den Gartenlautsprechern kam Alexanders Stimme:

„Du bleibst, du lächelst. Ein Anruf, und du bist offiziell instabil…”

Sophies Vater wurde bleich.

— Mit solchen Leuten soll ich investieren?

Alexander wollte auf Laura zu, aber Gäste hielten ihn zurück.

— Die Dateien liegen bei meiner Anwältin — sagte Laura. — Auch die Gespräche über Ihre Scheinfirmen. Wenn mir etwas passiert, gehen sie an Staatsanwaltschaft und Presse.

Elisabeth setzte sich langsam. Ihr perfektes Gesicht war zum ersten Mal leer.

Laura ging durch den Garten zum Tor. Die Nachbarn sahen zu.

Früher hätte sie sich geschämt.

Jetzt war sie froh, dass endlich jemand hinsah.

 

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