Tara Reid am Strand von Binz

Ich sitze auf der Strandpromenade von Binz, Kaffee in der Hand, und sehe sie zum ersten Mal an diesem Morgen. Der Wind von der Ostsee drückt die Strandkörbe flach, Möwen kreisen über dem Wasser, und irgendwo klappert ein Fischbrötchenstand mit der Frühschicht, Krabbenbrötchen für 4,50 Euro, handgeschrieben auf einer Tafel. Sie geht barfuß durch den Sand, die Hosenbeine hochgekrempelt, ein ausgeblichenes Leinenhemd flattert um sie. Niemand sonst scheint sie zu erkennen. Oder vielleicht tut niemand so.

Was mich stutzig macht, ist ihr Gang. Sie läuft nicht wie eine Frau, die am Urlaubsort anonym spazieren will. Sie läuft wie jemand, der jeden Quadratzentimeter dieses Strandes mit Absicht betritt. Langsamer als nötig. Als müsse sie dem Boden etwas beweisen.

Zwanzig Jahre ist es her, dass die Klatschblätter sie wöchentlich zerlegten. Die Rolle in der Highschool-Komödie, die sie über Nacht zum Star machte, hatte einen Preis, den niemand auf dem Plakat gedruckt sah. Ich erinnere mich an ein Titelbild aus den frühen Zweitausendern, das ich als Studentin an einem Kiosk in Rostock in der Hand hielt, eine Mark neunzig hat das Heft gekostet, glaube ich, oder war es schon Euro. Sie lachte darauf, aber die Bildunterschrift zählte Kalorien, Spekulationen über ihre Eingriffe, die Frage, ob sie „zu viel gemacht" habe. Ich habe das Heft damals zurückgelegt.

Vier Jahre nach diesem Titelbild lag sie irgendwo in Kalifornien auf einem OP-Tisch. Eine Fettabsaugung am Bauch, wie sie in jeder zweiten Praxis beworben wurde. Ein Routineeingriff, sagte man ihr. Kleiner Schnitt, große Wirkung. Was dann geschah, las ich später in einem Interview: Die Kanüle drang zu tief ein, Gewebe wurde geschädigt, die Wunde öffnete sich, und der Körper, den die Industrie ihr zum Markenzeichen gemacht hatte, blieb dauerhaft verunstaltet. Sie war zweiundzwanzig.

Jetzt ziehl sie das Hemd aus. Darunter trägt sie einen Badeanzug, schwarz, ohne Raffinesse, sieht aus wie einer aus dem Sportgeschäft für zwanzig Euro. Und dort, wo die Kameras früher nach Perfektion suchten, liegt eine unregelmäßige Narbe quer über den Bauch. Die Haut ist an einer Stelle eingezogen, an einer anderen verdickt. Ich will wegschauen, aus Höflichkeit, aus dem Instinkt, der uns beibringt, körperliche Makel anderer nicht zu bemerken. Aber sie dreht sich nicht weg. Sie steht einfach da, Gesicht der Sonne zugewandt, als wäre das Meer ein Publikum, das sie endlich selbst gewählt hat.

Ein Junge von vielleicht zehn Jahren rennt mit einem Schwimmbrett vorbei und stolpert beinahe über ihre Strandtasche. Sein Vater ruft irgendwas von den Dünen. Sie hebt die Tasche auf, wortlos, und hängt sie über die Schulter. Dann geht sie weiter Richtung Seebrücke, durch den feuchten Sand, wo die Wellen auslaufen.

Ich bestelle einen zweiten Kaffee, nur um sitzen zu bleiben. Drei Euro zwanzig, die Bedienung tippt es auf einem kleinen Kartengerät ein, ohne mich anzusehen.

Nicht die Narbe ist es, die mich am Platz hält. Es ist die Tatsache, dass sie hierhergekommen ist. Nicht nach Sylt mit Absperrband, nicht in ein abgeschirmtes Hotel. Sondern an einen Strand, an dem Schulklassen Ausflug machen und Rentner ihre Thermoskannen auspacken. Sie musste wissen, dass Handys gezückt werden. Dass ein Teenager das Foto später in irgendeinem Netzwerk hochlädt. Dass die Kommentare kommen: Was ist mit ihrem Bauch passiert? Warum versteckt sie das nicht?

Sie wusste es. Und hat ihr Handtuch trotzdem ausgebreitet.

Um viertel nach zwei passiert, worauf ich gewartet habe, ohne es mir einzugestehen. Zwei junge Frauen auf einer Decke, vielleicht zwanzig, zeigen ungeniert mit den Fingern, tuscheln, eine filmt mit dem Handy quer über die Decke hinweg. Ein Mann mit Teleobjektiv wechselt den Standort, tut so, als würde er Vögel fotografieren, das Objektiv aber zeigt geradewegs auf ihren Bauch. Eine Frau Mitte vierzig zischt den beiden Frauen etwas zu, das wie „Schämt euch!" klingt, aber es hilft nichts, die Handys bleiben oben.

Tara Reid setzt sich auf. Nicht hastig. Sie steht auf, geht die zehn, zwölf Schritte zu dem Mann mit dem Teleobjektiv, barfuß, ohne das Hemd überzuziehen. Ich höre die Worte nicht, nur den Ton, ruhig, tief, ohne Zittern. Der Mann senkt die Kamera. Sagt etwas zurück, ein Schulterzucken, dann packt er zusammen, klappt das Stativ ein, geht Richtung Dünen davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die zwei jungen Frauen auf der Decke stecken ihre Handys weg und tun, als würden sie ins Wasser schauen.

Tara Reid geht zurück zu ihrem Handtuch. Setzt sich, cremt sich in aller Ruhe die Schultern ein, trinkt aus einer Wasserflasche, die Marke kann ich nicht lesen. Ihre Hand zittert dabei nicht. Einmal lacht sie über einen kleinen Hund, der einen Tangbüschel apportiert, ein Lachen, das ihr aus dem Bauch kommt, nicht gespielt für irgendwen.

Am Spätnachmittag, als die Strandkörbe leerer werden und der Kiosk die letzten Bismarckheringe für halben Preis raushaut, packt sie zusammen. Die Narbe ist längst trocken von der Sonne. Sie zieht das Hemd wieder an, diesmal offen, Knöpfe bleiben unberührt. Ich sehe, wie sie den Reißverschluss der Tasche zuzieht, die Träger des Badeanzugs unter dem Hemd richtet, eine Haarsträhne hinter ihr Ohr streicht. Keine dieser Bewegungen ist hektisch.

Beim Gehen kreuzt sie meinen Blick. Ich hebe nicht die Hand, sage nichts. Sie auch nicht.

Als sie an der Uferpromenade verschwindet, bleibt nur der Abdruck ihrer Fersen im nassen Sand, jeder einzelne Schritt einzeln nachzuzeichnen. Eine Welle läuft aus, kriecht bis zur ersten Reihe der Abdrücke, zieht sich zurück. Die zweite Welle erreicht die nächsten. Ich zähle mit, wie viele es noch braucht, bis auch der letzte Abdruck verschwunden ist, komme bis vier, dann höre ich auf zu zählen und gehe selbst zum Wasser hinunter, tauche die Füße hinein, bis der Sand unter meinen eigenen Sohlen nachgibt.

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Odissea
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