Ich arbeite seit sechzehn Jahren als Kellnerin im Café Lindenhof, direkt am Marktplatz von Lindau, und man glaubt gar nicht, wie viel man von so einem Tisch aus mitbekommt. Die Gäste reden, als wäre man Luft. Man bringt den Kaffee, man wischt die Krümel weg, und nebenbei hört man ganze Familiengeschichten, die einem eigentlich nichts angehen.
An diesem Freitagnachmittag im August saß Frau Brenner wieder an ihrem Stammplatz unter dem großen roten Sonnenschirm, dem einzigen, der an diesem Tag noch Schatten warf, weil die anderen beiden kaputt waren und der Hausmeister sie erst zur nächsten Lieferung ersetzen wollte. Sie war eine Frau um die siebzig, immer mit derselben beigen Strickjacke, auch wenn es fünfundzwanzig Grad hatte. Ich brachte ihr wie jeden Freitag den Milchkaffee mit wenig Schaum und ein Stück Zwetschgenkuchen, den sie nie ganz aufaß.
Ihre Tochter Katharina kam mit dem Kinderwagen dazu, das Baby schlief, die Räder quietschten leicht auf dem Kopfsteinpflaster. Katharina war eine dieser jungen Mütter, die aussehen, als hätten sie seit drei Nächten nicht durchgeschlafen, mit einem Kaffeebecher zum Mitnehmen in der einen Hand und dem Wagen in der anderen. Sie setzte sich, bestellte nur Leitungswasser, weil sie sparen musste, das hörte ich, als sie es mir sagte, fast entschuldigend.
Ich brachte das Wasser und blieb, wie man das manchmal tut, wenn ein Tisch daneben frei geräumt werden muss, ein bisschen länger stehen, ohne dass es auffiel.
Frau Brenner fragte, wie das Baby heißen solle. Katharina sagte, sie und ihr Mann Lukas hätten sich für Mathilda entschieden, nach der Urgroßmutter mütterlicherseits. Frau Brenner stellte die Tasse ab, so dass es auf der Untertasse klapperte, und sagte, das sei kein Name für ein Kind aus dieser Familie, in ihrer Familie habe seit vier Generationen jede erste Enkelin Elisabeth geheißen, und das werde sich jetzt nicht ändern, nur weil Katharina plötzlich romantisch werde.
Katharina wurde rot im Gesicht, dieses fleckige Rot, das man bei jungen Frauen manchmal sieht, wenn sie sich zusammenreißen wollen und es nicht schaffen. Sie sagte, das Kind sei bereits standesamtlich als Mathilda gemeldet, das stehe fest. Frau Brenner sagte, dann müsse man das eben ändern lassen, das gehe, sie kenne da jemanden beim Standesamt Lindau, eine alte Bekannte, die könne das beschleunigen.
Ich stand mit dem leeren Tablett da und tat, als würde ich die Speisekarte auf dem Nachbartisch geraderücken.
Katharina sagte, mit leiser, aber fester Stimme, dass Elisabeth der zweite Vorname sei, das habe man extra so gemacht, als Kompromiss. Frau Brenner sagte, ein Kompromiss sei kein Name, ein Kompromiss sei eine Fußnote, und dass Lukas offenbar zu weich sei, um sich in seiner eigenen Familie durchzusetzen. Das Baby wachte auf und fing an zu weinen, dieses hohe, dünne Weinen von Neugeborenen, und Katharina nahm es hoch, wiegte es, ohne hinzusehen, ihre Augen blieben auf ihrer Schwiegermutter gerichtet.
Ich brachte in dem Moment einer anderen Gästin an einem Tisch weiter hinten die Rechnung, ein älterer Herr mit Hund, der jeden Tag um diese Zeit kam und immer nur einen Espresso trank und mir dann trotzdem zwei Euro Trinkgeld gab, egal was ich sagte.
Als ich zurückkam, war es zwischen den beiden Frauen still geworden, nur das Baby schniefte noch leise. Frau Brenner sagte dann etwas, das ich seither nicht vergessen habe. Sie sagte, solange sie lebe und solange sie das Haus in Bad Schachen bezahle, in dem Katharina und Lukas mit dem Baby wohnten, mietfrei, seit über einem Jahr, habe sie ein Wort mitzureden, wie ihre Enkelin heiße. Katharina sagte nichts mehr. Sie stand auf, legte einen Fünf-Euro-Schein unter die Untertasse, obwohl das Wasser nur zwei Euro fünfzig gekostet hatte, und schob den Wagen weg, ohne sich umzudrehen.
Frau Brenner blieb sitzen, aß noch zwei Bissen vom Zwetschgenkuchen und bestellte sich noch einen Milchkaffee, als wäre nichts gewesen.
Ich dachte, das wäre die Geschichte gewesen, so eine Nachmittagsszene, wie man sie öfter sieht, Familien, die sich am Kaffeetisch zerlegen und dann getrennt nach Hause gehen. Aber es kam anders, weil ich in den folgenden Wochen mitbekam, wie es weiterging, denn Frau Brenner erzählte es teilweise selbst, wenn sie freitags kam, manchmal auch der Herr mit dem Hund, der die Familie aus der Nachbarschaft kannte.
Drei Wochen später, an einem Dienstag, an dem ich eigentlich frei hatte, aber für eine Kollegin eingesprungen war, kam Lukas allein ins Café, ohne Katharina, ohne Baby. Er bestellte ein Bier, was um vier Uhr nachmittags ungewöhnlich war, und setzte sich nicht unter den Sonnenschirm, sondern drinnen an die Theke. Er erzählte mir nichts direkt, aber er telefonierte, während er auf sein Bier wartete, und sprach so laut, dass man es im ganzen Raum hörte. Er sagte zu jemandem, vermutlich seinem Bruder, dass seine Mutter angekündigt habe, die Mietfreiheit für das Haus in Bad Schachen zum Monatsende zu beenden, wenn die Geburtsurkunde nicht geändert werde, und dass Katharina daraufhin die Koffer gepackt und mit dem Baby bei ihrer eigenen Mutter in Wasserburg Zuflucht gesucht habe.
Er legte auf, trank sein Bier in drei Schlucken und starrte auf die Theke, als läge dort eine Antwort, die er nicht finden konnte.
Ich dachte, das Kind würde am Ende irgendwie doch Elisabeth heißen, so wie diese Geschichten meistens enden, weil die Älteren das Geld haben und die Jungen die Erschöpfung. Aber es kam anders.
Vier Wochen später saß Frau Brenner wieder unter dem roten Sonnenschirm, der inzwischen leicht verblasst war von der Sommersonne, und sie war allein. Sie bestellte den Milchkaffee, aber keinen Kuchen. Ich brachte ihn ihr und sie sagte, fast beiläufig, während sie in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie kramte, dass Katharina einen Anwalt eingeschaltet habe. Nicht wegen des Namens, sondern wegen des Hauses. Katharina und Lukas hätten, wie sich herausstellte, in den letzten anderthalb Jahren einen Teil der Nebenkosten und sogar kleinere Reparaturen selbst bezahlt, mit Belegen, alles ordentlich abgeheftet, weil Lukas von seinem Vater, der Steuerberater gewesen war, gelernt hatte, nie etwas ohne Quittung zu lassen. Der Anwalt habe daraus etwas gemacht, das sich nannte faktisches Mietverhältnis, mit Kündigungsschutz, und Frau Brenner könne das Paar jetzt nicht mehr einfach so vor die Tür setzen, auch wenn sie wollte.
Sie sagte das mit einem Gesicht, das ich nicht recht deuten konnte, zwischen Wut und etwas, das vielleicht Respekt war, obwohl sie das Wort nie benutzt hätte.
Ich fragte, mehr aus Höflichkeit als aus Neugier, was jetzt mit dem Namen sei. Frau Brenner rührte in ihrem Kaffee, obwohl da nichts mehr zu rühren war, der Zucker hatte sich längst aufgelöst, und sagte, das Kind heiße Mathilda Elisabeth, und dabei werde es wohl auch bleiben, denn beim Standesamt könne man ohnehin nichts mehr ändern, das habe ihre Bekannte dort ihr inzwischen auch bestätigt, es sei alles rechtskräftig.
Sie fragte mich dann etwas, das mich überraschte. Sie fragte, ob ich einen Namen kenne, den ich immer für besonders schön gehalten hätte. Ich sagte, ich mochte den Namen meiner eigenen Großmutter, Frieda, weil er nach jemandem klang, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Sie nickte kurz und sagte nichts weiter dazu.
Im Oktober kam Katharina wieder ins Café, mit Lukas und dem Baby, aber sie setzten sich nicht unter den roten Sonnenschirm, sondern an einen Tisch am anderen Ende der Terrasse, in der Sonne, ohne Schatten. Sie bestellten Kuchen, alle drei Stück, und blieben über eine Stunde. Katharina hatte einen Ordner dabei, blau, mit einem Aufkleber vom Amtsgericht Lindau darauf, den sie zwischendurch aus der Tasche zog, um Lukas etwas zu zeigen, eine Seite mit Unterschriften.
Als ich die Rechnung brachte, fragte ich, wie es Frau Brenner gehe, weil ich sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Katharina sagte, ihre Schwiegermutter wohne jetzt allein im Haus in Bad Schachen, sie selbst und Lukas hätten eine eigene Wohnung in der Bahnhofstraße gefunden, mit sechshundertzwanzig Euro Miete im Monat, was knapp sei, aber ihnen gehöre die Tür, sagte sie, und den Schlüssel dazu habe niemand außer ihnen beiden.
Sie zahlte, gab mir Trinkgeld, mehr als sonst, und stand auf, um den Wagen zurechtzurücken. Bevor sie ging, sagte sie noch, fast wie einen Nachsatz, dass sie der Großmutter die Geburtsurkunde geschickt habe, in Kopie, mit der Post, ohne Brief dazu. Nur das Papier, sagte sie, mit dem Namen, der jetzt für immer feststehe.
Der rote Sonnenschirm stand an diesem Nachmittag leer, mit seinem verblassten Rot über dem freien Tisch, während am anderen Ende der Terrasse, in der vollen Nachmittagssonne, ein Kind namens Mathilda Elisabeth mit den Fingern nach einem Stück Kuchen griff, das seine Mutter ihm hinhielt.
