Der Sonnenschirm am Timmendorfer Strand

Immer wieder frage ich mich in letzter Zeit: Wo ist sie eigentlich, die echte Freundschaft? Die, die dir die Hand reicht, genau dann, wenn das Leben dich in den Schlamm zieht. Die dich in den Arm nimmt, wenn die Tränen einfach nicht mehr aufhören und du keine Kraft mehr hast, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Die sich wie eine Wand neben dich stellt, wenn dir scheint, die ganze Welt käme mit Vorwürfen, Verurteilung und Gleichgültigkeit auf dich zugerannt. Die dir die Wahrheit sagt, auch wenn diese Wahrheit unbequem ist, und die dir das nicht übelnimmt. Die spürt, wann man einfach nur schweigend danebensitzen muss – und wann man kräftig an den Schultern rütteln sollte, damit die rosarote Brille endlich runterfällt. Die nicht nach dem ersten Streit verschwindet, nicht bei der ersten Krise, nicht in der ersten schweren Zeit. Die bleibt. Nicht zur Schau gestellt, nicht nur für hübsche Fotos und Geburtstagsreden. Sondern wirklich. Bis zum Schluss. Immer irgendwie in der Nähe, selbst wenn hunderte Kilometer dazwischenliegen. So eine Freundschaft zu finden, wird heute immer schwerer. Wer so einen Menschen an seiner Seite hat, kann sich glücklich schätzen. Denn ein echter Freund ist nicht der, der mit dir lacht, wenn es gut läuft. Ein echter Freund ist der, der deine Hand nicht loslässt, wenn es für dich am dunkelsten ist.

Ich heiße Bettina Vogler, bin achtundvierzig, arbeite seit sechzehn Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum in Lübeck, und die Frau, von der ich erzählen will, kenne ich seit dem ersten Schultag der ersten Klasse. Renate Brummer. Wir haben zusammen Vokabeln gepaukt, uns die Ohrringe zum Abitur geliehen, und als mein Mann mich nach zweiundzwanzig Jahren Ehe für eine Kollegin aus der Steuerkanzlei verließ, war Renate diejenige, die um halb zwölf nachts mit einer Flasche Rotwein und einer Packung Taschentücher vor meiner Tür stand, ohne dass ich sie angerufen hatte. Sie hat einfach gespürt, dass etwas nicht stimmt.

Vor drei Jahren kaufte Renate mit ihrem Mann Jürgen ein Ferienhaus in Timmendorfer Strand, direkt an der Ostsee, mit Blick auf die Seebrücke. Kein Prunkbau, aber ein solides Reetdachhaus mit Garten, das die beiden aus der Erbschaft von Jürgens Vater und einem Kredit über hundertzehntausend Euro finanziert hatten. Jeden Sommer lud Renate mich für ein Wochenende ein. Wir saßen unter dem großen roten Sonnenschirm auf der Terrasse, aßen Fischbrötchen vom Kutter und redeten über alles, was in einem Jahr passiert war. Dieser Sonnenschirm war irgendwie unser Ding geworden – Renate hatte ihn extra bestellt, weil Rot meine Lieblingsfarbe ist, und jedes Mal, wenn ich ankam, stand er schon aufgeklappt bereit, noch bevor ich die Handbremse angezogen hatte.

Im Frühjahr wurde es kompliziert. Jürgens Firma, ein kleiner Betrieb für Sanitärinstallationen mit sieben Angestellten, geriet in Schieflage, nachdem ein Großkunde insolvent gegangen war und eine offene Rechnung über achtzigtausend Euro nicht mehr beglichen wurde. Jürgen wollte das Ferienhaus verkaufen, um die Löhne der Angestellten weiterzahlen zu können und die Kreditrate bei der Sparkasse Lübeck nicht zu gefährden. Renate rief mich an einem Dienstagabend an, ihre Stimme war belegt, fast rau, sie hatte offensichtlich vorher geweint, aber sie sagte es nicht direkt, sie fragte nur, ob ich am Wochenende Zeit hätte, vorbeizukommen.

Als ich ankam, roch es im Haus nach kaltem Kaffee und nach dem Deo, das Jürgen sich sonst nie so früh am Tag aufsprühte – er hatte offensichtlich schon Termine mit Maklern gehabt. Auf dem Küchentisch lag ein Aktenordner mit dem Aufkleber „Immobilie Timmendorf“, halb geöffnet, Blätter ragten heraus wie zerknitterte Fahnen. Renate saß am Tisch und drehte einen Teelöffel zwischen den Fingern, immer wieder, ohne dass in der Tasse noch etwas drin war zum Umrühren.

„Er will es wirklich tun", sagte sie, ohne mich richtig anzusehen. „Er hat schon mit einem Makler aus Scharbeutz gesprochen. Vierhundertfünfzigtausend soll es bringen."

Ich setzte mich ihr gegenüber und sagte erst mal nichts. Draußen bellte der Nachbarshund, dieser kleine Dackel, der jeden Radfahrer auf der Strandpromenade für einen persönlichen Feind hielt, und irgendwie war das in diesem Moment das Einzige, was noch normal klang.

„Und was willst du?", fragte ich schließlich.

„Ich weiß es nicht mehr. Das Haus war das erste Mal in meinem Leben, dass wirklich etwas nur uns gehört hat. Nicht geerbt, nicht geliehen. Unseres." Sie stellte den Löffel ab. „Aber wenn die Firma pleitegeht, verlieren sieben Familien ihre Existenz. Und Jürgen sagt, dann verlieren wir am Ende sowieso alles, nur eben mit Schulden obendrauf."

Ich fragte sie, ob sie mit Jürgen wirklich gesprochen hätten – nicht übereinander, sondern miteinander, in Ruhe, mit Zahlen auf dem Tisch. Sie schüttelte den Kopf. Sie hatten nur gestritten, immer wieder, in der Küche, im Auto, sogar einmal im Baumarkt in Bad Schwartau, mitten zwischen den Farbeimern, bis eine Verkäuferin sie fragend ansah.

Am nächsten Morgen kam Jürgen von einem seiner Baustellentermine zurück, unrasiert, mit dieser Erschöpfung im Gesicht, die man bekommt, wenn man drei Nächte hintereinander um vier Uhr aufwacht und Zahlen im Kopf durchrechnet. Ich hatte eigentlich vorgehabt, mich rauszuhalten – schließlich war ich Gast, nicht Familie. Aber als er anfing, im Stehen Kaffee zu trinken und dabei sagte, „das Haus ist nur Stein, die Firma sind Menschen", konnte ich nicht schweigen.

„Jürgen", sagte ich, „hast du mit der Sparkasse gesprochen, ob es eine andere Lösung gibt als Verkauf? Eine Umschuldung, eine Bürgschaft, irgendwas?"

Er sah mich an, als hätte ich ihm etwas Selbstverständliches vor die Füße geworfen. Er hatte nicht gefragt. Er war direkt zum Makler gegangen, weil er dachte, das sei der schnellste Weg, und weil er, wie er später zugab, Angst hatte, bei der Bank als jemand dazustehen, der sein Geschäft nicht im Griff hat.

Ich sagte ihm, dass ich niemanden bei der Sparkasse kenne, aber dass mein Bruder als selbstständiger Steuerberater in Bad Oldesloe genau mit solchen Fällen zu tun hat, mit Betrieben in Schieflage, mit Sanierungskonzepten. Ich rief ihn noch am selben Abend an. Er sagte, ohne die genauen Zahlen zu kennen, könne er nichts versprechen, aber ein Beratungsgespräch koste erst mal nichts außer Zeit.

Zwei Wochen später saß Jürgen mit meinem Bruder und einem Kollegen von der IHK Lübeck zusammen. Es stellte sich heraus, dass es ein staatliches Förderprogramm für Betriebe gab, die durch die Insolvenz eines Großkunden in Bedrängnis geraten waren – ein zinsgünstiges Überbrückungsdarlehen der KfW, verbunden mit einer Bürgschaft der Bürgschaftsbank Schleswig-Holstein. Jürgen hatte davon noch nie gehört, weil er, wie er selbst sagte, „einfach zu stolz war, um jemanden zu fragen, der sich damit auskennt".

Das Ferienhaus blieb. Die Firma auch, mit allen sieben Angestellten. Und der Sonnenschirm steht immer noch auf der Terrasse in Timmendorf, mittlerweile etwas verblasst vom Salzwind, die Farbe nicht mehr ganz so leuchtend rot wie am Anfang.

Vergangenen Samstag saß ich wieder dort, mit Renate, während Jürgen drüben am Grill stand und mit dem Nachbarn über den nächsten Winter redete. Sie schenkte mir Kaffee nach, aus dieser alten Thermoskanne mit dem Sprung im Deckel, die sie einfach nicht wegwerfen will, weil sie noch von ihrer Mutter ist.

„Weißt du", sagte sie und schaute auf die Segelboote draußen auf der Ostsee, „ich hätte das Haus verkauft. Ohne dich hätte ich es einfach verkauft, weil ich zu müde war, um weiterzukämpfen."

Ich sagte nichts dazu. Ich trank meinen Kaffee, sah dem Dackel vom Nachbarn zu, der wieder mal einem Jogger auf der Promenade hinterherbellte, und dachte, dass manche Dinge eben genau so bleiben sollen, wie sie sind – ohne großes Wort darüber.

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Odissea
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