Diese letzten zwei Nächte

Ich arbeite seit sechzehn Jahren in der Notaufnahme der Uniklinik Freiburg. Man könnte meinen, man gewöhnt sich an alles. Das stimmt nicht. Man lernt nur, sich die Dinge nicht mehr so nah heranholen zu lassen. Aber es gibt Nächte, die kommen trotzdem durch.

Die Frau hieß Marianne Berger. Vierundsechzig Jahre alt, wohnhaft in der Wiehre, zugezogen vor elf Jahren aus der Pfalz. Das stand auf dem Aufnahmebogen. Was nicht darauf stand, war das, was ich sah, als ich das Behandlungszimmer betrat: Sie saß auf der Kante der Liege, die Beine baumelten nicht, sie standen fest auf dem Boden, als müsste sie jeden Moment aufspringen. Sie hielt eine Stofftasche auf dem Schoß, so eine mit Blumenmuster, die Omas tragen. Darin lag ein Zettel, den sie mit beiden Händen umklammerte wie einen Pass.

Der diensthabende Assistenzarzt hatte die Angehörigen auf den Flur geschickt. Zwei Kinder, beide über dreißig, die sich nicht ansehen wollten. Der eine stand am Fenster und tippte auf seinem Handy. Die andere lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, den Blick auf die Uhr über der Tür gerichtet. Wenn man lange in diesem Beruf arbeitet, erkennt man die Familien, die sich hassen, bevor sie ein Wort gesagt haben.

„Frau Berger“, sagte ich, während ich mir ihre Werte auf dem Tablet ansah. 128 zu 84, Puls unregelmäßig, Sauerstoffsättigung 91. Sie antwortete nicht sofort. Stattdessen schob sie mir den Zettel hin, den sie die ganze Zeit festgehalten hatte. Ich nahm ihn. Es war keine Patientenverfügung. Es war ein Brief, handschriftlich, die Tinte an einigen Stellen verwischt, als hätte jemand darüber gehustet oder geweint.

„Für meine Kinder“, sagte sie. „Falls ich heute Nacht nicht mehr aufwache.“

Man hört solche Sätze oft in der Notaufnahme. Meistens sind sie Floskeln, gesagt im Schock, verflogen, sobald der Kreislauf sich stabilisiert. Aber bei ihr war das anders. Sie sagte es so, wie jemand einen Termin bestätigt. Ruhig. Endgültig.

Der Brief begann mit einer Frage. Nicht an mich, sondern an die zwei Menschen auf dem Flur, die nicht miteinander sprechen wollten: „Was passiert, wenn ich nicht mehr da bin?“

Weiter kam ich nicht. Ich musste raus, die Herzultraschallwerte besprechen, der Pflege die Anweisung geben, den Zugang zu wechseln, weil die Vene schon anfing, sich zu entzünden. Aber diese eine Zeile blieb hängen, während ich durch die Gänge lief, vorbei an der Rezeption, wo ein Betrunkener lautstark nach seiner Jacke verlangte, und an der Tür, durch die gerade ein Rettungswagen eine ältere Dame schob, die nach Kaffee und kaltem Rauch roch.

Zwei Stunden später stand ich wieder vor ihrem Zimmer. Die Tochter war verschwunden. Der Sohn telefonierte auf dem Parkplatz, man sah seine Silhouette durch die Jalousie. Frau Berger lag jetzt flach, der Tropf tropfte im Sekundentakt, die Maschine neben ihr zeichnete ihren Herzschlag als zitternde grüne Linie auf. Sie hatte die Augen geschlossen, aber ich wusste, dass sie wach war, denn ihre Lippen bewegten sich, als würde sie etwas auswendig lernen.

Ich setzte mich auf den Hocker neben ihr Bett. Meine Schicht endete in zwanzig Minuten, Übergabe um sieben. Draußen zog der Morgen schon grau über den Schwarzwald.

„Ihre Kinder haben sich gestritten“, sagte ich. „Soll ich jemanden reinholen?“

Da machte sie die Augen auf und drehte den Kopf zu mir. Die Pupillen weit von den Medikamenten.

„Seit dem Tod meines Mannes“, sagte sie, „streiten die sich um das Haus in der Wiehre. Um jedes Möbelstück. Um die Briefmarkensammlung. Um viertausend Euro, die er bar im Nachttisch liegen hatte.“ Pause. „Wissen Sie, was ich glaube? Die streiten sich nicht um das Haus. Die streiten sich darum, wer von uns beiden damals mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Das Haus ist nur der Vorwand, damit sie nicht sagen müssen, dass sie einander vermissen.“

Ich sagte nichts. Manchmal ist Schweigen das Einzige, was eine Patientin braucht.

„Mein Mann hat immer gesagt“, fuhr sie fort, „dass man Geschwister nicht zu Freunden erziehen kann. Aber man kann ihnen beibringen, dass niemand sonst dieselbe Geschichte mit ihnen teilt.“ Sie griff nach der Stofftasche. „Der Brief. Haben Sie ihn noch?“

„Ihre Tochter hat ihn mitgenommen.“

Sie schloss die Augen wieder, und für einen Moment dachte ich, sie wäre eingeschlafen. Dann sagte sie: „Gut.“

Um sieben Uhr übergab ich an die Tagschicht, mündlich am Bett, dazu der Zettel mit den Laborwerten für die Kollegin aus der Kardiologie. Im Umkleideraum zog ich mein Fach auf, an der Tür klebte noch der alte Aufkleber „Dr. S. Reiter“, halb abgelöst. Ich wollte nach Hause. Stattdessen ging ich zurück auf den Flur. Die Tochter saß auf einer Bank am Ende des Gangs, neben sich eine Thermoskanne und eine Tüte vom Bäcker gegenüber, auf der noch der Preis stand, 2,80 Euro, mit Kugelschreiber durchgestrichen. Der Brief lag auf ihren Knien, aber sie las nicht. Sie hielt ihn mit einer Hand fest und starrte auf den Boden.

Ich setzte mich zwei Plätze weiter, nicht zu nahe. Tat so, als würde ich etwas auf dem Telefon nachschlagen.

„Arbeiten Sie hier schon lange?“, fragte sie.

„Sechzehn Jahre.“

„Dann haben Sie sicher schon viele Familien gesehen, die sich zerstreiten.“ Sie drehte den Brief um, die beschriftete Seite nach unten. „Was würden Sie machen, wenn Sie gleichzeitig Ihre Mutter verlieren und Ihren Bruder nicht mehr ertragen könnten?“

Ich zögerte. Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, Familien zu beraten. Aber ich blieb sitzen, weil meine Beine schwer waren nach zwölf Stunden Stehen, und weil ihre Frage klang, als wäre sie nicht an mich gerichtet, sondern an den leeren Gang.

„Ich würde lesen, was Ihre Mutter geschrieben hat“, sagte ich schließlich. „Nicht, um zu entscheiden, wer recht hat. Sondern weil es wahrscheinlich das Letzte ist, was sie Ihnen sagen wollte.“

Sie sah mich an. Dann faltete sie den Brief auseinander.

Ich sah, wie sich ihr Gesicht veränderte, Zeile für Zeile. Nicht, weil sie weinte – die Tränen kamen erst später, bei einer bestimmten Stelle. Sondern weil sie plötzlich langsamer las, den Zeigefinger unter jeder Zeile, so wie man liest, wenn man Angst hat, ein Wort zu verlieren. Ihre Schultern sanken herab, als hätte jemand ein Gewicht von ihnen genommen, von dem sie nicht wusste, dass sie es trug.

„Sie hat geschrieben, dass wir uns anrufen sollen“, sagte sie, ihre Stimme brüchig wie die eines Kindes, das eine Aufgabe erklärt bekommt. „Nicht wegen des Geldes oder des Hauses. Weil niemand sonst weiß, wie es war, als wir klein waren. Wie Mama morgens die Bleistifte für uns gespitzt hat, bevor wir zur Schule sind. Wie Papa uns sonntags Pfannkuchen mit Apfelmus gemacht hat, immer zu viele, nie genug Teig übrig.“

Sie brach ab. Auf dem Gang ging die automatische Tür auf, eine junge Pflegerin kam herein, die Sohlen ihrer Schuhe quietschten auf dem Linoleum. Es roch nach Desinfektionsmittel und angebranntem Toast aus der Cafeteria im Erdgeschoss.

Da stand der Sohn in der Tür. Das Telefon in der Jackentasche, die Hände tief vergraben, wie ein Junge, der nicht weiß, ob er zur Schule muss oder nicht.

Die Schwester hielt den Brief hoch, die Hand zitterte dabei sichtbar. „Lies das.“

Er kam näher, zögernd, als wäre der Gang breiter geworden. Nahm den Brief. Las. Setzte sich auf den Stuhl gegenüber der Bank, die Ellenbogen auf die Knie, das Papier dicht vor dem Gesicht, so nah, als würde er kurzsichtig lesen, obwohl ich wusste, dass er das nicht war.

Ich wollte gehen, und ich wäre beinahe gegangen. Aber dann sah ich, wie er aufstand, zu seiner Schwester ging und sich neben sie setzte. Er gab ihr den Brief zurück. Keiner sagte etwas. Aber ihre Schultern berührten sich, als sie den Kopf senkte, und er legte seine Hand auf die Bank zwischen ihnen, die Handfläche nach oben.

Marianne Berger starb an diesem Morgen nicht. Ihr Herz stabilisierte sich, die Werte wurden besser, und drei Tage später wurde sie auf die kardiologische Station verlegt. Ich habe sie nicht wiedergesehen.

Eine Kollegin von der Kardiologie erzählte mir Wochen später beiläufig, beim Kaffee am Automaten im dritten Stock, dass Sohn und Tochter sich mit ihrer Mutter in einem Besprechungsraum der Palliativstation getroffen hätten, zusammen mit einem Notar aus der Kaiser-Joseph-Straße. Das Haus in der Wiehre hätten sie nicht verkauft. Sie hätten es sich gemeinsam überschreiben lassen, als Erbengemeinschaft, zu gleichen Teilen.

Das habe ich nicht gesehen. Was ich gesehen habe, war der Gang um kurz nach sieben Uhr morgens, das Quietschen der Schuhsohlen, der Geruch von altem Toast, und zwei Geschwister auf einer Bank, seine Hand mit der Handfläche nach oben, ihre Schulter an seiner.

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Odissea
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