Werkstatt in Bremerhaven, September

Ich heiße Jonas Vahrenkamp, ich bin vierunddreißig, und ich habe elf Jahre lang die Autowerkstatt meines Schwiegervaters geführt, bevor meine Schwiegermutter sie mir wieder wegnahm.

Ich weiß, wie das klingt. Aber lass mich das mal von meiner Seite erzählen, denn so einfach war das nicht.

Meine Frau Katharina und ich haben uns 2015 kennengelernt, in Bremerhaven, in der Fischereihafenstraße, ganz in der Nähe von der Werkstatt ihres Vaters. Herbert Rehse, ein knorriger Kerl, roch immer nach Bremsenreiniger und Filterkaffee, hatte diese Werkstatt 1987 aufgemacht. Zwei Hebebühnen, eine Grube, ein Büro mit Kalender von einer Reifenfirma, der seit 2009 nicht mehr ausgetauscht wurde. Als Herbert 2019 starb — Herzinfarkt, mitten in der Mittagspause, mit einem Wurstbrötchen in der Hand — hat er die Werkstatt mir vermacht. Nicht Katharina. Mir. Weil er wusste, dass ich der einzige war, der wirklich was davon verstand. Katharina konnte keinen Ölwechsel von einer Inspektion unterscheiden, das hat sie selbst immer gesagt und dabei gelacht.

Meine Schwiegermutter Ingrid hat das nie verwunden.

Ingrid Rehse ist zweiundsechzig, wohnt in einer Doppelhaushälfte in Wulsdorf, direkt am Stadtpark, und sie hat mich vom ersten Tag an wie einen Praktikanten behandelt, der zufällig ihre Tochter geheiratet hat. Kein böses Wort direkt, nie. Aber diese Art, wie sie beim Kaffeetrinken sagte: "Herbert hätte sich das sicher anders überlegt, wenn er gewusst hätte, wie es kommt." Wie es kommt — womit sie meinte, dass ich die Werkstatt zwar am Laufen hielt, aber angeblich nie richtig investiert habe. Dabei habe ich 2021 für achtzehntausend Euro eine neue Diagnosesoftware und eine dritte Hebebühne angeschafft. Aus eigener Tasche, mit Kredit von der Sparkasse Bremerhaven.

Der Punkt ist: Ingrid hatte nach Herberts Tod noch fünfundvierzig Prozent der Anteile an der Werkstatt. Das stand im Testament so drin, eine Art Absicherung für sie, hat der Notar gesagt, damit sie im Alter nicht komplett von uns abhängig ist. Ich fand das in Ordnung. Ehrlich. Ich habe nie verstanden, warum sie das als Waffe benutzt hat.

Im Frühjahr, im März, kam sie eines Nachmittags in die Werkstatt, in ihrem grünen Lodenmantel, mit dieser Aktentasche, die noch Herbert gehört hatte, und sagte, sie hätte mit einem Anwalt gesprochen. Sie wolle ihre Anteile zurück in die Familie holen — ihre Formulierung — und zwar so, dass die Geschäftsführung neu geregelt wird. Ich sollte nur noch angestellt sein. Mit Gehalt, versteht sich, ein ordentliches sogar, hat sie betont. Aber die Entscheidungen sollte künftig ein von ihr eingesetzter Geschäftsführer treffen. Ein gewisser Herr Brammer, Steuerberater aus Lehe, den ich nie im Leben gesehen hatte, der aber angeblich "die Zahlen besser im Griff" hätte als ich.

Ich habe an dem Tag draußen vor der Werkstatt gestanden, an der Ecke wo Herbert immer seine Kippen ausgedrückt hat, und mir die Zigarette angezündet, die erste seit vier Jahren. Der Nachbarhund vom Getränkemarkt gegenüber, ein räudiger Schäferhund-Mischling namens Attila, kam rüber und hat sich an mein Bein gelehnt, so wie er das immer macht, wenn irgendwer draußen steht und nicht reinwill. Ich hab ihm über den Kopf gestrichen und dabei gedacht: Elf Jahre. Elf Jahre habe ich diese Werkstatt am Laufen gehalten, habe an Weihnachten gearbeitet, habe Katharinas und meine Ersparnisse reingesteckt, als 2020 die Aufträge wegbrachen — und jetzt soll ein Steuerberater aus Lehe mir sagen, welche Ersatzteile ich bestellen darf.

Katharina stand zwischen den Stühlen. Das muss ich ihr lassen, sie hat nie versucht, mich schlechtzumachen bei ihrer Mutter. Aber sie hat auch nicht laut genug widersprochen, wenn Ingrid wieder anfing mit "das ist doch nur zu deinem Besten, Kathi, damit ihr im Alter abgesichert seid". Am Küchentisch, bei uns in Geestemünde, hat Katharina einmal gesagt: "Sie meint es nicht böse, Jonas, sie hat halt Angst, dass sie nach Papa nichts mehr zu sagen hat." Vielleicht stimmt das sogar. Ich habe Ingrid nie für böse gehalten. Nur dafür, dass sie nicht sehen wollte, was ich für diese Werkstatt getan habe, weil sie mich immer nur als den Mann sah, der zufällig neben ihrer Tochter aufgewacht ist.

Der Anwalt, den Ingrid beauftragt hatte, schickte im April ein Schreiben mit einer Frist: bis Ende Mai sollte ich einer Änderung der Geschäftsführung zustimmen, sonst würde sie eine Gesellschafterversammlung einberufen und mit ihren fünfundvierzig Prozent plus den Stimmen, die sie angeblich von Katharinas Bruder Malte dazubekommen hatte — noch mal zehn Prozent, die Herbert ihm vermacht hatte — eine Mehrheit gegen mich zusammenbekommen. Malte lebt in Oldenburg, kümmert sich um nichts, aber unterschreibt alles, was seine Mutter ihm vorlegt, wenn sie im Gegenzug seine Handwerkerrechnungen übernimmt. Fünfundfünzig Prozent gegen meine fünfundfünzig — nein, warte, gegen meine fünfundvierzig, sie hätten mich glatt überstimmt.

Ich erinnere mich an den Abend, als ich das Schreiben las, am Küchentisch, das Fenster stand offen, draußen hat irgendein Nachbar seinen Rasen zum letzten Mal vor dem Winter gemäht, dieser Geruch von frisch geschnittenem Gras, der so gar nicht zu dem passte, was ich in der Hand hielt. Katharina hat mir gegenüber gesessen und nichts gesagt, nur ihren Tee umgerührt, obwohl kein Zucker mehr drin war.

Ich hab überlegt, ob ich einfach klein beigebe. Angestellter bleiben, Gehalt kassieren, Feierabend machen um fünf und mich nicht mehr um Bestellungen und Buchhaltung kümmern. Eine Weile klang das sogar verlockend. Aber dann bin ich eines Morgens früh in die Werkstatt gegangen, noch vor Katharina wach war, hab die Rolltore hochgezogen, den Kaffee angemacht in der alten Maschine, die noch Herbert gehörte, und hab mich an den Schreibtisch gesetzt, wo dieser Reifenfirmen-Kalender von 2009 hing. Und ich hab gedacht: Wenn ich das jetzt aufgebe, war alles umsonst. Nicht die Werkstatt — die Jahre.

Ich bin dann selbst zu einem Anwalt gegangen, in die Bürgermeister-Smidt-Straße, ein junger Kerl namens Dr. Feddersen, der sich mit Gesellschaftsrecht auskannte. Er hat sich den Gesellschaftsvertrag angeschaut, den Herbert damals aufgesetzt hatte, und mir gesagt, dass da eine Klausel drinsteht, die Ingrid und ihr Anwalt entweder übersehen oder ignoriert hatten: eine Vorkaufsrechtsregelung für den geschäftsführenden Gesellschafter, also mich, falls ein anderer Gesellschafter seine Anteile veräußern oder — wichtig — durch Übertragung an Dritte wie diesen Herrn Brammer die operative Kontrolle abgeben wollte. Praktisch bedeutete das: Ich konnte Ingrids Anteile zu einem im Vertrag festgelegten Buchwert aufkaufen, bevor sie sie irgendwo anders hinschieben konnte.

Der Buchwert lag bei einundvierzigtausend Euro für ihre fünfundvierzig Prozent. Nicht wenig. Aber machbar, mit einem zweiten Kredit und dem, was Katharina und ich in den letzten Jahren zurückgelegt hatten für den Hausanbau, den wir dann eben verschoben haben.

Die Gesellschafterversammlung fand am 14. Juni statt, in Ingrids Wohnzimmer in Wulsdorf, weil sie darauf bestanden hatte, dass es "in familiärem Rahmen" stattfindet und nicht in einem drögen Anwaltsbüro. Auf dem Couchtisch stand noch der Kuchenteller von Kaffee vorher, halb abgeräumt, ein Stück Bienenstich lag noch drauf, das keiner angerührt hatte. Malte war extra aus Oldenburg gekommen, saß auf dem Sofa und guckte auf sein Handy. Herr Brammer, der Steuerberater, saß steif auf einem Stuhl, den Ingrid extra aus der Küche geholt hatte, mit einer Mappe auf dem Schoß.

Ingrid hat angefangen, ihre vorbereitete Erklärung vorzulesen, von wegen Neuordnung der Geschäftsführung, Wohl der Familie, Absicherung für ihre alten Tage. Ich hab sie ausreden lassen. Dann hab ich Dr. Feddersen das Wort gegeben, der die Vorkaufsrechtsklausel vorgelesen hat und das Angebot auf den Tisch legte: einundvierzigtausend Euro, sofort überweisbar, notariell beglaubigter Vertrag, den ich schon unterschrieben hatte, lag daneben in einer blauen Mappe.

Ingrid wurde blass. Nicht wütend — das hätte ich fast lieber gehabt. Sondern still, auf diese Art, wie sie immer still wird, wenn ihr klar wird, dass sie einen Schritt zu weit gegangen ist und es keinen Weg zurück gibt. Malte hat kurz aufgeschaut von seinem Handy und gefragt, ob das bedeute, dass er seine zehn Prozent behalten dürfe, was in diesem Moment so absurd war, dass sogar Katharina fast gelacht hätte, wenn die Stimmung nicht so angespannt gewesen wäre.

Herr Brammer hat seine Mappe zugeklappt, sich bedankt für den Kaffee und ist wortlos gegangen, noch bevor irgendjemand ihm die Hand geben konnte.

Ingrid hat drei Tage später unterschrieben. Der Notar in der Schleusenstraße hat den Anteilsübergang beurkundet, einundvierzigtausend Euro sind von unserem gemeinsamen Konto auf ihres gegangen, und seitdem gehört mir die Werkstatt zu neunzig Prozent, Malte hält noch seine zehn, meldet sich aber nie.

Ingrid und ich reden seitdem miteinander, aber anders. Sie kommt nicht mehr unangekündigt in die Werkstatt. Wenn sie Katharina besucht, bleibt sie meistens am Küchentisch, nicht im Büro. Neulich, im August, hat sie zum ersten Mal gefragt, wie die neue Diagnosesoftware sich macht, ob sich die Investition gelohnt hat. Ich hab ihr die Zahlen gezeigt, auf meinem Handy, die App vom Steuerbüro offen, schwarze Zahlen seit April. Sie hat genickt, nichts weiter gesagt, sich noch ein Stück von dem Kuchen genommen, den Katharina gebacken hatte, und dann gefragt, ob Attila, der Hund vom Getränkemarkt, immer noch da rumläuft.

Ich hab gesagt: ja, der liegt immer noch vor der Tür, wenn ich morgens aufmache.

Mehr haben wir dazu nicht gesagt. Aber sie ist zum ersten Mal seit dem Sommer wieder zum Mittagessen gekommen, letzten Sonntag, und hat mir, bevor sie ging, tatsächlich die Hand auf den Arm gelegt und gesagt, Herbert wäre stolz gewesen. Ich hab ihr die Tür aufgehalten, den Kies im Vorgarten unter ihren Schuhen knirschen hören, und nichts erwidert. Manche Sachen muss man nicht kommentieren. Man muss sie nur stehen lassen, so wie die Werkstatt jetzt steht: mit meinem Namen im Handelsregister und Attila vor der Tür.

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