Konstanze Brenner war siebenundsechzig, als sie beschloss, den alten Sonnenschirm vom Balkon endgültig zu verkaufen — nicht wegen des Geldes, sondern weil sie ihn nicht mehr ansehen wollte.
Der Schirm stand seit elf Jahren dort, gestreift in Rot und Weiß, mit einem Riss am Rand, den Wind und Regen im Laufe der Zeit ausgefranst hatten. Unter diesem Schirm hatte sie an Sommernachmittagen mit ihrer Enkelin Pia Puzzle gelegt, während unten auf der Straße die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof quietschte und aus der Bäckerei im Erdgeschoss der Geruch von frischen Brezeln bis in den vierten Stock zog. Konstanzes Wohnung lag in Freiburg, in einem Altbau mit knarrenden Dielen, und im Treppenhaus roch es immer nach dem Lavendelwaschmittel der Nachbarin aus dem zweiten Stock.
Ihr Sohn Jonas und seine Frau Vivien hatten Pia damals fast jedes Wochenende gebracht. Konstanze hatte gekocht, gespielt, vorgelesen, das Kind ins Bett gebracht, wenn die Eltern spätabends erst von der Arbeit kamen. Sie hatte nie eine müde Miene gezeigt, obwohl ihr Rücken nach jedem dieser Wochenenden schmerzte und sie montags kaum die Treppe hinaufkam.
Dann, vor drei Jahren, hatte Vivien angefangen, Pia seltener vorbeizubringen. Erst hieß es, das Kind sei erkältet. Dann, es gebe zu viel Programm in der Kita. Schließlich sagte Vivien es offen, an einem Sonntagabend am Telefon, während im Hintergrund der Fernseher lief: Pia solle "mehr Struktur" haben, und Konstanzes Wohnung sei "nicht kindgerecht genug" — zu viele Ecken, zu viel Staub, der alte Teppich im Flur.
Konstanze hatte damals nichts gesagt. Sie hatte den Hörer aufgelegt und sich an den Küchentisch gesetzt, vor sich eine Tasse Kaffee, die kalt wurde, während draußen die Kirchenglocken von St. Martin die volle Stunde schlugen.
Was Vivien nicht wusste — oder nicht wissen wollte —, war, dass Konstanze seit Pias Geburt monatlich vierhundertfünfzig Euro auf ein Sparkonto für die Kleine überwiesen hatte. Kein Testamentsversprechen, kein vages "irgendwann". Ein echtes Konto bei der Sparkasse Freiburg, eröffnet an Pias erstem Geburtstag, mit Konstanze als alleiniger Kontoinhaberin und Pia als Begünstigter im Todesfall. Über die Jahre waren es fast dreiunddreißigtausend Euro geworden. Für die Ausbildung, hatte Konstanze sich gedacht. Oder für die erste eigene Wohnung.
Jonas wusste von dem Konto. Vivien nicht.
Der Kontakt riss trotzdem nicht ganz ab. Weihnachten kam die kleine Familie noch vorbei, kurz, mit Geschenken, die man in zwanzig Minuten auspackte, während Vivien immer wieder auf die Uhr sah. Konstanze fragte nie, warum sie es so eilig hatten. Sie stellte nur den Zimtkuchen auf den Tisch, den niemand mehr richtig aß, und lächelte, wenn Pia ihr ein Bild in die Hand drückte.
Im Frühling dieses Jahres, an einem Dienstag im April, rief Jonas an. Seine Stimme klang anders — dünner, als würde er die Worte vorher im Kopf durchgehen. Er erklärte, Vivien und er hätten beschlossen, dass es "das Beste für Pia" sei, wenn der Kontakt zu Konstanze "reduziert" würde. Kein Streit, keine große Erklärung. Nur dieses eine Wort: reduziert. Als sei Konstanze ein Posten in einem Haushaltsbuch, den man kürzen konnte, wenn das Budget knapp wurde.
Konstanze fragte nur eines: "Reduziert auf wie viel?"
Jonas antwortete nicht direkt. Er sagte, Vivien meine, ein Kind brauche in diesem Alter "klare Bezugspersonen", nicht zu viele verschiedene Haushalte, nicht zu viele Regeln, die sich widersprächen. Konstanze hörte im Hintergrund, wie im Wohnzimmer der Fernseher lief — irgendeine Vorabendserie, die Melodie kannte sie, ohne sie benennen zu können. Sie dachte an den Nachbarshund unten im Hof, der jeden Abend um sechs anschlug, wenn der Postbote kam, und daran, dass sie heute vergessen hatte, ihm wie sonst ein Stück Wurst über den Balkon zuzuwerfen.
Sie legte auf, ohne zu widersprechen. Am nächsten Morgen ging sie zur Sparkasse in der Kaiser-Joseph-Straße.
Die Sachbearbeiterin, eine junge Frau namens Frau Ottinger, kannte Konstanze seit Jahren, weil sie regelmäßig die Überweisungen bearbeitet hatte. Konstanze legte ihren Ausweis auf den Tresen und sagte, sie wolle die Zweckbindung des Kontos ändern. Frau Ottinger sah kurz auf, druckte die nötigen Formulare aus, ohne Fragen zu stellen.
Konstanze strich Pias Namen als Begünstigte. Stattdessen trug sie den Namen ihrer Nichte Amelie ein, die Krankenpflegerin am Universitätsklinikum war und gerade für ein Fernstudium sparte. Die dreiunddreißigtausend Euro blieben, wo sie waren — nur die Richtung, in die sie eines Tages fließen würden, änderte sich.
Danach ging Konstanze noch zu ihrem Anwalt, Herrn Dr. Weisshaupt, dessen Kanzlei zwei Straßen weiter lag, über einer Apotheke, deren grünes Leuchtschild schon am Nachmittag brannte. Sie ließ eine notarielle Bestätigung der Kontoänderung erstellen und zusätzlich einen Vermerk im Testament, der klarstellte: Das Konto war nie Teil des Nachlasses, sondern ein eigenständiger Vertrag, unwiderruflich zugunsten der neuen Begünstigten, mit sofortiger Wirkung dokumentiert.
Sie kam nach Hause, stellte die Aktenmappe mit den Kopien in die oberste Schublade der Kommode im Flur, direkt unter dem Spiegel, in dem sie sich jeden Morgen beim Anziehen der Strickjacke betrachtete. Dann ging sie auf den Balkon und begann, den Sonnenschirm einzuklappen. Der Stoff war brüchig geworden, an manchen Stellen fast durchsichtig gegen das Nachmittagslicht.
Drei Wochen später rief Vivien an. Ihre Stimme klang anders als sonst — nicht kühl, sondern hastig, fast atemlos. Sie erzählte, sie hätten von der Sparkasse einen Brief bekommen, eine Mitteilung über eine "Vertragsänderung", die sie nicht verstünden. Ob Konstanze wisse, was da vorgefallen sei.
Konstanze stand in der Küche, den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, und rührte in einem Topf Linsensuppe. "Ich habe das Konto umgeschrieben", sagte sie. "Es gehörte mir. Ich habe entschieden, wem es jetzt gehört."
Am Telefon war es für einen Moment nur das Rauschen der Leitung zu hören. Dann Viviens Stimme, jetzt lauter: Das könne doch nicht sein, das Geld sei doch "für Pia gedacht gewesen", das hätten doch alle immer so verstanden.
"Verstanden hat das niemand außer mir", sagte Konstanze. "Es stand nirgendwo geschrieben. Und ihr habt beschlossen, dass ich zu wenig 'Bezugsperson' bin, um an eurem Sonntag teilzunehmen. Dann bin ich wohl auch zu wenig Bezugsperson, um Teil eures Sparplans zu sein."
Jonas kam eine Woche später vorbei, ohne anzurufen. Er stand vor der Wohnungstür, in der Hand ein Blumenstrauß, den er offensichtlich unterwegs noch gekauft hatte — die Verpackung war schon leicht zerknittert. Konstanze öffnete, ließ ihn aber nicht weiter als bis in den Flur.
Er sagte, es tue ihm leid, wie es gelaufen sei, dass Vivien "es vielleicht nicht so gemeint" habe, dass man doch reden könne. Konstanze hörte zu, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blumenstrauß nicht annehmend.
"Jonas", sagte sie schließlich, "ich habe elf Jahre lang jeden Samstag für euch gekocht. Ich habe vierhundertfünfzig Euro im Monat für Pia zurückgelegt, ohne dass ihr je danach gefragt habt. Und als es unbequem wurde, mich weiterhin einzuladen, war ich plötzlich zu viel Ecken, zu viel Staub. Ich reduziere jetzt auch etwas. Das Konto war meine Entscheidung — genau wie eure Entscheidung, mich zu reduzieren, eure war."
Sie legte ihm die Blumen zurück in die Hand, sanft, ohne Drama. Dann schloss sie die Tür, hörte, wie seine Schritte die Treppe hinuntergingen, langsamer als sonst.
Am Abend saß Konstanze auf dem Balkon, ohne Schirm jetzt, denn sie hatte ihn tags zuvor zum Sperrmüll gestellt. Die Sonne stand noch hoch genug, dass es kaum einen Unterschied machte. Unten bellte der Nachbarshund, pünktlich wie immer, und diesmal warf sie ihm ein Stück Wurst über das Geländer.
Amelie rief an diesem Abend an, um sich für das Fernstudium zu bedanken, das jetzt bezahlbar war. Konstanze hörte ihr zu, den Kaffee in der Hand, der diesmal nicht kalt wurde, weil sie ihn tatsächlich trank.
