Der Klavierzettel von Bad Ischl

Sechsunddreißig war er, und die Welt lag ihm seit Jahren zu Füßen. In den Salons von Baden-Baden flüsterte man seinen Namen, in Wien jubelte man ihm zu, und die Zeitungen druckten Legenden, die er selbst nie bestätigt hatte: manche behaupteten, er spiele auf zwei Flügeln gleichzeitig, andere, unter dem Namen Anton Reiner trete in Wahrheit eine ganze Schar von Pianisten auf. Hinter dem Applaus, den Hotelzimmern und den endlosen Abendgesellschaften aber steckte ein Mann, der müde war bis in die Knochen und der niemandem mehr traute, der ihm etwas Nettes sagte.

Das Konzert im Kurhaussaal von Bad Ischl sollte nur eine Station von vielen sein, ein Punkt auf der Liste zwischen Salzburg und Linz. Der Saal roch nach frisch gewachstem Parkett und kaltem Zigarrenrauch, draußen läuteten die Glocken der Pfarrkirche zur vollen Stunde, und ein Kellner balancierte ein Tablett mit Kirschwasser durch die Reihen, als die letzten Akkorde verklangen. Anton Reiner – so hieß der Pianist, den ganz Europa nur "den Zauberer" nannte – saß noch am Flügel, die Finger auf den Tasten, als sein Sekretär Julius Brenner zu ihm trat.

"Da war eine Dame", sagte Brenner, und man sah ihm die Verwirrung an. "Sie hat eine gewöhnliche Eintrittskarte gekauft. Zwei Gulden. Und bezahlt hat sie zweihundert."

Reiner drehte sich um. Der Erlös des Abends ging vollständig an das Waisenhaus am Stadtrand, das wusste jeder, der ihn eingeladen hatte. Zweihundert Gulden für eine Karte, die zwei kostete, das war kein Missverständnis, das war eine Botschaft. Er bat Brenner, den Namen der Frau in Erfahrung zu bringen, und er wartete darauf mit einer Ungeduld, die ihn selbst überraschte.

Die Wohltäterin hieß Amalie von Reventlow, geborene Sonnberg, und sie lebte auf einem Gut nahe Gmunden am Traunsee. Aus einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie stammend, war sie jung mit einem Grafen aus altem, aber verarmtem Adel verheiratet worden – eine Verbindung aus Kalkül, sein Titel gegen ihr Vermögen, ohne dass jemand nach Zuneigung gefragt hätte. Sie hatte eine Tochter großgezogen, sie führte ein Haus mit vierzehn Zimmern und kaltem Licht, und sie hatte längst aufgehört, auf etwas anderes als Bücher und Musik zu hoffen.

Zwei Tage später stand ihre Kutsche vor dem Gasthof, in dem Reiner abgestiegen war. Er nahm die Einladung an, mehr aus Neugier als aus Höflichkeit. Amalie war keine Schönheit, die einem den Atem nahm, aber als sie zu sprechen begann, vergaß er das binnen einer Minute. Sie sprach über Chopin, über die Psalmen, über eine Novelle, die sie gerade auf Französisch gelesen hatte, und ihre Sätze hatten eine Klarheit, die er seit Jahren bei keiner Frau in den Salons gefunden hatte.

"Als ich Sie spielen hörte", sagte sie, während der Diener Tee einschenkte, "habe ich zum ersten Mal seit langem geglaubt, dass es noch etwas Wahres gibt, das man nicht kaufen kann." Sie sagte es ohne jede Koketterie, fast beiläufig, während sie mit dem Löffel den Zucker in der Tasse umrührte, und genau das traf ihn tiefer als jedes Kompliment, das er je gehört hatte.

Er kam wieder. Und wieder. Im Herbst, als die Blätter am Traunsee schon rot waren und der See morgens Nebel über dem Wasser trug, verbrachte Reiner Wochen auf ihrem Gut. Es gab keine Bälle, keine Journalisten, nur die Küche, in der Amalies alte Köchin Krautfleckerl kochte, ein Hund, der ihm jeden Abend die Pantoffeln vor die Zimmertür trug, und Amalie, die ihm beim Lesen zusah, ohne ein Wort zu sagen.

Sie war es, die ihm eine Wahrheit ins Gesicht sagte, die er selbst noch nicht auszusprechen gewagt hatte: dass sein Talent nicht darin bestand, von Stadt zu Stadt zu reisen und applaudiert zu werden, sondern darin, etwas zu erschaffen, das ihn überdauern würde. Unter ihrem Einfluss wurden die Konzerte am Traunsee zu den letzten seiner Karriere als reisender Virtuose. Er zog sich zurück, komponierte in einem Zimmer mit Blick auf den See, und was in jenen Monaten entstand – Balladen, die von Salzburger Volksweisen durchzogen waren, eine Fantasie über ein Wiegenlied, das er von den Mägden im Haus gehört hatte – trug bis in seine letzten Lebensjahre ihren Namen mit sich, auch wenn niemand außer ihm das je wusste.

Amalie war Katholikin, ihre Ehe mit dem Grafen Reventlow kirchlich geschlossen und daher unauflöslich, solange er lebte – das wusste sie, seit sie mit siebzehn vor den Altar getreten war. Ein Auseinandergehen ohne kirchlichen Segen bedeutete: keine neue Trauung, kein Segen für ein zweites Leben, nur ein ziviles Getrenntleben, das Rom niemals anerkennen würde.

An einem Nachmittag im März 1849 saß der Graf am Kamin der Bibliothek und drehte einen Brief seines Anwalts zwischen den Fingern, faltete ihn auf, faltete ihn wieder zu. "Setz dich", sagte er, ohne aufzusehen. Amalie blieb stehen, die Hand auf der Lehne des Sessels, in dem sie sonst las.

"Ich habe gehört, du triffst dich mit dem Pianisten." Er sagte es, wie man das Wetter erwähnt.

"Ja."

Er legte den Brief auf den Tisch, glättete ihn mit der flachen Hand, als müsse er ihn bügeln. "Ich habe mit Doktor Fessler gesprochen. Sollte dir einfallen, dieses Haus zu verlassen, wird er binnen einer Woche eine Klage einreichen, die dein Erbe für zehn Jahre vor Gericht bindet. Zehn Jahre, Amalie. Deine Tochter wäre eine erwachsene Frau, bis ein Richter darüber entschieden hat, wem ein Silberlöffel gehört."

Sie sagte nichts. Ihre Finger fuhren über die Naht im Samt der Sessellehne, immer wieder dieselbe Stelle, bis der Stoff sich aufraute.

"Du bist meine Frau", sagte er, und jetzt sah er sie an. "Das Gut trägt meinen Namen. Die Kirche kennt keine andere Frau für mich als dich, solange ich atme. Das weißt du besser als ich."

"Ich weiß es", sagte sie. Mehr sagte sie nicht. Sie drehte sich um und ging aus dem Zimmer, und er rief ihr nicht nach, weil er, wie sie später schrieb, "nie geglaubt hätte, dass ich es ernst meinte".

Um Mitternacht saß Amalie noch am Sekretär in ihrem Ankleidezimmer, eine einzige Kerze brannte herunter, und sie schrieb den Satz sechsmal neu, bis die Feder nicht mehr kratzte: "Ich nehme nur mit, was mir gehört." Sie ließ den Ehering neben dem Blatt liegen, ihren Schmuck im Safe. In den einen Koffer legte sie drei Kleider, in den anderen die Noten, die Reiner ihr gewidmet hatte, und ein Bild ihrer Tochter, das sie aus dem Rahmen löste, weil der Rahmen ihrem Mann gehörte. Dreihundert Gulden aus dem eigenen Erbe nähte sie in das Futter ihres Reisemantels, mit denselben groben Stichen, die sie sonst nur beim Stopfen von Wäsche benutzte.

Um sechs Uhr früh, es war noch dunkel und der Kies vor dem Haus knirschte laut unter ihren Schritten, half ihr der Kutscher Fend beim Einsteigen, ohne ein Wort, ohne sie anzusehen. Vom Fenster der Kutsche aus sah sie das Licht in der Bibliothek noch brennen. Es brannte die ganze Fahrt bis Salzburg in ihrer Erinnerung weiter, obwohl sie es längst nicht mehr sehen konnte. In Salzburg wartete Reiner am Postamt, ein Billet für den Wagen nach München in der Innentasche seines Mantels, und als er sie sah, mit den zwei Koffern und dem Mantel, dessen Saum sich unter dem eingenähten Geld leicht wölbte, sagte er nur: "Du frierst." Er legte ihr seinen eigenen Schal um, und sie stiegen ein.

1851 verklagte der Graf sie wegen der Mitnahme des "beweglichen Familienvermögens" – dreihundert Gulden und ein gerahmtes Bild, wie es in der Klageschrift hieß, obwohl der Rahmen ja im Haus geblieben war. Der Prozess dauerte drei Jahre, ging durch zwei Instanzen, kostete am Ende mehr, als die dreihundert Gulden je wert gewesen waren, und Amalie gewann ihn. Was sie nicht gewann, war ihre Tochter. Die war beim Vater geblieben, war inzwischen fünfzehn, und auf jeden Brief, den Amalie ihr schickte, kam entweder nichts oder, ein einziges Mal, eine Zeile in fremder Handschrift: "Fräulein Reventlow wünscht keine weitere Korrespondenz." Amalie schrieb trotzdem weiter, jeden Freitagabend, an demselben Sekretär, an dem sie einst den Satz mit dem Ehering geschrieben hatte. Sie gab die Briefe nie zur Post. Sie faltete sie und legte sie in eine Kassette aus Nussbaumholz, die am Ende ihres Lebens über zweihundert Blätter enthielt, keines davon abgeschickt.

Was blieb, war die Frage, ob Rom die Ehe für ungültig erklären würde – nicht scheiden, das kannte die Kirche nicht, sondern annullieren, so als hätte sie nie bestanden, aus Gründen, die Reiners Kirchenanwalt in München mit dem Wort "mangelnder Ehewille" umschrieb. 1856 setzte sich Reiner selbst an den Schreibtisch ihrer kleinen Münchner Wohnung und schrieb sechs eng beschriebene Seiten an den zuständigen Bischof, in denen er darum bat, die Ehe der Amalie von Reventlow als von Anfang an ungültig anzuerkennen. Acht Monate später kam die Antwort, ein einziger Absatz, unterschrieben von einem Sekretär: Das Ersuchen werde "zur gegebenen Zeit" geprüft. Reiner faltete das Blatt, bis das Papier an den Kanten einriss, und legte es in dieselbe Schublade wie Amalies erste Briefe an ihn. Er komponierte zwei Wochen lang nichts, saß stattdessen mit einem Rechenbuch am Tisch und trug Anwaltshonorare ein, Zahl für Zahl, bis ihr gemeinsames Erspartes um mehr als die Hälfte geschmolzen war.

Neunundzwanzig Jahre nach jenem Morgen mit dem knirschenden Kies kam das Schreiben aus Rom. Es war ein Dienstag im Mai 1878, und Amalie saß am Frühstückstisch ihrer Münchner Wohnung, um sie herum fünf Enkel ihres verstorbenen Bruders, die Milch verschütteten und sich um das letzte Marmeladenbrötchen stritten. Das Mädchen brachte die Post herein, legte den Umschlag mit dem päpstlichen Siegel neben Amalies Teller, zwischen die Zuckerdose und einen Krug Kaffeesahne. Amalie schnitt ihn mit dem Buttermesser auf, weil das Brieföffnermesser im anderen Zimmer lag, und las die zwei Absätze zweimal.

Reiner, der ihr gegenüber saß und einem der Kinder gerade zeigte, wie man ein Ei aufklopft, ohne die Schale zu zersplittern, fragte: "Und?"

"Die Ehe war nie gültig", sagte sie. "Seit fünfundvierzig Jahren nicht."

Er legte den Löffel weg. "Dann können wir heiraten."

Amalie faltete den Brief einmal, dann noch einmal, bis er in die Größe einer Zigarettenschachtel passte. Draußen im Garten hörte man den Gärtner mit der Rosenschere arbeiten, ein trockenes, rhythmisches Klicken. "Wozu jetzt noch ein Ring", sagte sie und schob ihn unter die Untertasse, wo er von Kaffeeflecken langsam durchtränkt wurde. Sie stand auf, um dem jüngsten Neffen die Milch von der Bluse zu wischen, und redete kein Wort mehr davon, bis zum Abend.

Erst als die Kinder abgeholt worden waren und das Geschirr abgewaschen in der Küche stand, setzte sich Reiner neben sie aufs Sofa und nahm ihre Hand, die nach Spülwasser und Kernseife roch. "Ich frage trotzdem", sagte er. "Nicht wegen Rom. Wegen mir."

"Ich weiß." Sie ließ die Hand in seiner liegen. "Frag mich in einem Jahr noch mal. Wenn du dann noch willst."

Er fragte nicht noch einmal. Im Jahr darauf zog Amalie nach Rom, um dort, wie sie es nannte, "die zweite Hälfte meines Verstandes den Büchern zu widmen", und verfasste in den folgenden Jahren drei theologische Abhandlungen, die unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht wurden. Reiner trat wenige Monate später als Laienbruder in ein Kloster bei Wien ein, wo er die Orgel der Klosterkirche übernahm und jeden Sonntag für die Mönche spielte. An ihrem letzten gemeinsamen Abend in München hatte sie zu ihm gesagt, sie wolle "kein Anhängsel eines großen Mannes mehr sein, sondern noch einmal ganz für sich selbst etwas werden", und er hatte erwidert, dass er genau dasselbe für sich brauche, nur mit einer Orgel statt mit Büchern. Sie schrieben sich von da an jeden Sonntagabend, dreizehn Jahre lang, bis Amalie im Winter 1892 starb.

In ihrem Schreibtisch, den man nach ihrem Tod öffnete, fand sich neben der Kassette mit den ungeschickten, nie abgeschickten Briefen an die Tochter ein vergilbtes Konzertprogramm aus Bad Ischl, sorgfältig zwischen zwei Bögen Seidenpapier bewahrt. Am Rand stand, mit ihrer eigenen, inzwischen zittrigen Handschrift ein einziger Satz: "Zwei Gulden für die Karte."

Like this post? Please share to your friends:
Odissea
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: