Der Sonnenschirm vor dem Café Lindström

Marianne Ostholt stand jeden Morgen um sieben Uhr auf dem Balkon ihrer Wohnung in der Hafenstraße in Lübeck und sah auf die Trave hinaus, bevor sie den Kaffee aufsetzte. Ihre Tochter Pia wohnte seit drei Jahren in Hamburg, eine Stunde mit dem Zug, und in dieser Zeit hatte sie genau viermal angerufen. Einmal an Weihnachten, dreimal, um Geld zu leihen.

Marianne war zweiundsechzig, Witwe seit sechs Jahren, und hatte fast vierzig Jahre lang in der Näherei am Holstentorplatz gearbeitet, bis die Knie nicht mehr mitmachten. Pia war ihr einziges Kind. Als Pias Vater starb, hatte Marianne die Lebensversicherung – dreiundvierzigtausend Euro – ohne zu zögern in Pias Ausbildung zur Physiotherapeutin gesteckt. Kein Wort darüber, kein Vorwurf, nur die Quittungen in einem grünen Ordner im Küchenschrank, unter der Keksdose mit dem Storch drauf, die noch von der Kommunion stammte.

Der Bruch kam nicht mit einem Knall. Er kam schleichend, wie Feuchtigkeit in einer alten Mauer. Pia rief seltener an. Dann gar nicht mehr. Als Marianne sich vor zwei Jahren die Hüfte brach und drei Wochen in der Sana-Klinik lag, kam Pia einmal vorbei, blieb zwanzig Minuten, sah auf die Uhr, sagte, ihr Freund Jonas warte im Auto. Marianne hatte genickt und nichts gesagt – obwohl sie es hätte tun können, obwohl in ihr etwas zerriss wie ein zu fest gezogener Faden.

Im Treppenhaus roch es an diesem Tag nach Bohnerwachs, Frau Kaczmarek von unten hatte gerade gewischt, und aus der Wohnung gegenüber lief der Nachmittagsfilm im Ersten. Mariannes Nachbarin, die alte Ilse mit dem Dackel Rudi, hatte ihr auf der Treppe zugeraunt: „Kinder von heute, die haben keine Zeit mehr für ihre Mütter." Marianne hatte nur mit den Schultern gezuckt. Sie wollte nicht, dass man über Pia schlecht redete. Das war das Merkwürdige daran – selbst jetzt noch verteidigte sie sie in Gedanken.

Der eigentliche Bruch, der endgültige, kam im Frühling. Pia rief an, zum ersten Mal seit acht Monaten, und fragte nach Geld für eine Kaution – zwölfhundert Euro, für eine gemeinsame Wohnung mit Jonas in Altona. Marianne hatte gefragt, ob sie mal vorbeikommen wolle, einfach so, ohne Anlass, sie könne Grünkohl machen, wie früher. Pia hatte gelacht, kurz und ohne Wärme, und gesagt: „Mama, ich hab keine Zeit für Nostalgie. Kriege ich das Geld oder nicht?"

Marianne hatte das Geld überwiesen. Aber an jenem Abend, am Küchentisch, unter der Lampe mit dem Milchglasschirm, die schon ihre eigene Mutter besessen hatte, traf sie eine Entscheidung, die nichts mit Wut zu tun hatte, sondern mit einer Art nüchterner Klarheit, die sich über Jahre angesammelt hatte wie Kalk in einer Teekanne.

Sie holte den grünen Ordner aus dem Küchenschrank. Darin lag nicht nur die alte Quittung über die dreiundvierzigtausend Euro. Darin lag auch das Testament, das sie vor vier Jahren beim Notar Brenninkmeyer in der Königstraße hatte aufsetzen lassen – Pia als Alleinerbin der Eigentumswohnung, geschätzter Wert zweihundertfünfzigtausend Euro. Marianne rief am nächsten Morgen die Kanzlei an und machte einen Termin.

Beim Notar, in einem Büro mit Blick auf den Markt, wo gerade der Wochenmarkt aufgebaut wurde und ein Bäckerwagen sein Blech ausrollte, sagte Marianne ruhig, ohne Zittern in der Stimme: Sie wolle das Testament ändern. Nicht aus Rache. Sie sagte es genauso: „Nicht aus Rache, Herr Brenninkmeyer. Ich will nur nicht mehr für etwas bezahlen, das ich schon lange bezahlt habe."

Die Wohnung sollte zu gleichen Teilen an die Björn-Steffen-Stiftung für Physiotherapie-Ausbildung für Kinder aus einkommensschwachen Familien gehen und an ihre Nichte Franziska, die Tochter ihrer verstorbenen Schwester, die jeden zweiten Sonntag mit einer Thermoskanne Kaffee vorbeikam, ohne dass irgendjemand sie darum gebeten hätte. Marianne unterschrieb mit dem Kugelschreiber, den ihr der Notar reichte, und ihre Hand zitterte nicht.

Zu Hause öffnete sie noch am selben Abend ihr Konto bei der Sparkasse Lübeck auf dem Handy und richtete den Dauerauftrag ab, mit dem sie Pia seit zwei Jahren monatlich hundertfünfzig Euro „für Notfälle" überwiesen hatte, ohne dass Pia je danach gefragt hätte. Sie tippte die vierstellige PIN, wählte „Dauerauftrag löschen", bestätigte. Auf dem Display stand: „Löschung erfolgreich." Sie legte das Telefon neben die Keksdose mit dem Storch und trank ihren Tee, der inzwischen kalt geworden war, aber sie trank ihn trotzdem, in kleinen Schlucken, am offenen Fenster, durch das der Geruch von Frittiertem aus der Fritten-Bude an der Ecke hereinzog.

Drei Wochen später klingelte das Telefon. Pia, mit einer Stimme, die Marianne seit Jahren nicht mehr gehört hatte – dünn, fast kindlich. Die Kaution war überwiesen worden, ja, aber jetzt brauchte sie noch etwas für die Möbel, und außerdem, sagte sie, habe die Sparkasse ihr geschrieben, dass die Überweisung nicht mehr komme, ob das ein Fehler sei.

Marianne stand in der Küche, den Kochlöffel noch in der Hand, die Kartoffeln kochten. „Kein Fehler", sagte sie. „Ich habe es beendet."

Stille am anderen Ende, dann: „Beendet? Warum, was hab ich denn gemacht?"

„Nichts", sagte Marianne. „Genau das ist es."

Sie erzählte ihr von dem Testament, ganz ruhig, ohne Anklage in der Stimme, so wie man eine Rechnung vorliest. Die Wohnung geht an die Stiftung und an Franziska. Pia schrie ins Telefon, sie sei ihre Tochter, sie habe ein Recht darauf, das könne man nicht einfach so machen. Marianne hörte zu, rührte in den Kartoffeln, sagte dann nur: „Du hattest ein Recht auf meine Liebe, Pia. Die hast du bekommen, jeden Tag, seit du geboren bist. Ein Erbe ist kein Recht. Es ist ein Geschenk. Und Geschenke macht man denen, die einen sehen."

Pia legte auf. Zwei Tage später stand sie tatsächlich vor der Tür in der Hafenstraße, zum ersten Mal seit über einem Jahr ungefragt, das Gesicht verquollen, die Augen rot. Sie stand im Treppenhaus, in dem es nach Frau Kaczmareks frischem Bohnerwachs roch, und sagte, sie könne das mit dem Notar nicht verstehen, das sei doch ihre Mutter, das könne man ihr nicht antun.

Marianne ließ sie nicht herein. Sie stand in der offenen Tür, die Kette noch eingehängt, und sagte: „Du kannst gerne wiederkommen, Pia. Aber nicht wegen der Wohnung. Wegen mir. Wenn du das noch unterscheiden kannst, ruf an. Ich mache dir Grünkohl."

Dann schloss sie die Tür, hörte, wie Pias Schritte langsamer wurden, dann stehen blieben, dann sich schließlich die Treppe hinunter entfernten. Marianne ging zurück in die Küche, nahm den grünen Ordner, legte ihn zurück unter die Keksdose mit dem Storch, und setzte sich ans Fenster, wo unten auf der Straße ein Nachbarsjunge mit seinem Hund um die Ecke bog und der Wind den Sonnenschirm des Cafés Lindström gegenüber zusammenklappte, weil ein Gewitter aufzog.

Like this post? Please share to your friends:
Odissea
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: