Der Wettkampfanzug in der zweiten Schublade

Matthias Brenner hatte sich vier Jahre lang keine Gedanken über seine Schultern gemacht. Sie waren einfach da, um Ausrüstung zu tragen, um Kameraden aus einem Graben zu ziehen, um wach zu bleiben, wenn der Körper längst nach Schlaf schrie. Jetzt, in einer Kaserne bei Augustdorf, wo er für sechs Wochen in einer ruhigen Ausbildungsrotation eingeteilt war, wusste er plötzlich nicht mehr, wohin mit sich selbst.

Der Tagesablauf war fast lächerlich normal. Frühstück um sieben, ein Dienstplan mit klaren Grenzen, abends Ausgang. Kein Alarm um drei Uhr nachts. Kein Warten darauf, dass ein Funkgerät knistert. Am dritten Abend saß er auf seinem Bett, starrte auf die Zimmerdecke und merkte, dass seine Hände zitterten – nicht vor Angst, sondern vor Leerlauf. Der Körper war ausgeruht. Der Kopf nicht.

In der Kantine roch es nach Kartoffelsuppe und billigem Bohnenkaffee, und am Nebentisch lief im Fernseher die Tagesschau mit dem Ton auf halb drei. Ein Kamerad, ein untersetzter Typ aus Bielefeld mit einer Narbe über der Augenbraue, erzählte ihm von einem Kraftraum in der Stadt, wo ein ehemaliger Nationalkader-Trainer Kurse für Strongman und Kraftdreikampf anbot. "Der heißt Dominik Wessel. Kein Schnickschnack, aber er bringt Leute zu echten Ergebnissen." Matthias schrieb sich die Adresse auf einen Bierdeckel, weil er kein Papier dabeihatte.

Die Halle lag in einem umgebauten Gewerbehof am Stadtrand, zwischen einer Autolackiererei und einem Getränkegroßhandel. Drinnen roch es nach Kreide und Gummimatten, ein Ghettoblaster spielte irgendwas mit viel Bass, und in der Ecke lag ein Hund namens Keule, der niemanden störte und von niemandem gestört wurde. Wessel musterte ihn kurz, fragte nach seiner Diensteinheit, nickte einmal knapp und sagte: "Ein hartes Training pro Woche. Der Rest ist Erholung. Wer nicht schläft, hebt bei mir nicht."

Matthias hatte sich in den ersten Tagen selbst noch nicht ganz getraut, es laut auszusprechen, aber irgendwann, beim Abladen der Hantelscheiben, kam es raus: "Ich will den Meister im Kraftdreikampf schaffen. Beim Bund Deutscher Kraftdreikämpfer." Wessel hob eine Augenbraue, sagte nichts, stellte nur den nächsten Trainingsblock zusammen.

Er begann zu schlafen wie ein Stein, aß Quark mit Haferflocken zum Frühstück, weil es billig war und satt machte, und rechnete jede Kalorie in einem abgegriffenen Notizheft aus, das er von seiner Schwester bekommen hatte. Die Wettkämpfe des BVDK lagen, wie er hoffte, fast alle am Wochenende, und er nutzte jeden freien Samstag. Innerhalb von vier Wochen fuhr er zu zwei Meisterschaften in Hallen mit knarzendem Parkettboden und Kaffeeautomaten, die nie funktionierten, und erreichte die Norm für den Meistertitel und gleich vier weitere für die Leistungsklasse darunter. Ein Kampfrichter, eine ältere Frau mit randloser Brille, klopfte ihm nach dem letzten erfolgreichen Versuch auf die Schulter und sagte nur: "Sie sind spät dran mit dem Anfangen, junger Mann. Aber Sie holen's raus."

Am Abend vor dem dritten und letzten Wettkampf in diesem Zyklus saß Matthias in seinem Zimmer und packte den Wettkampfanzug ein – ein enges, giftgrünes Ding, das er sich in der zweiten Schublade seines Spinds aufbewahrte, gefaltet neben der Dienstuniform, weil er keinen anderen Platz dafür hatte. Draußen bellte irgendwo ein Nachbarshund, und aus dem Zimmer nebenan drang gedämpft ein Fußballkommentar. Er dachte kurz daran, dass drei Wettkämpfe in anderthalb Monaten vielleicht zu viel für den Körper waren. Der Kniegelenk knackte schon beim Treppensteigen. Aber er dachte auch daran, dass er mit neunzehn, kurz bevor alles anfing, in einem Kraftraum in Detmold gestanden und sich geschworen hatte, irgendwann Meister zu werden – und dass dieser Schwur seitdem in einer Schublade lag, so wie jetzt der Anzug.

Der Wettkampftag begann früh, mit grauem Himmel und Nieselregen auf dem Parkplatz vor der Halle. Wessel stand am Bühnenrand, die Arme verschränkt, und rief ihm eine knappe Anweisung zu, bevor Matthias zur ersten Hantel trat: "Nicht denken. Ziehen." Er verfehlte den zweiten Kniebeugenversuch, verbiss sich in den dritten, und als die drei weißen Lichter aufleuchteten, spürte er, wie sich etwas in seiner Brust löste, das er lange nicht mehr benannt hatte. Beim Bankdrücken zitterte die Stange auf den letzten Zentimetern, und ein Mann aus dem Publikum, den er nie zuvor gesehen hatte, brüllte seinen Namen, als würde es etwas bedeuten. Beim Kreuzheben, dem letzten Versuch des Tages, spürte er das Gewicht in den Handflächen wie einen Vertrag, den er endlich unterschrieb.

Als die Norm bestätigt wurde und der Kampfrichter mit der randlosen Brille ihm die Ergebniskarte reichte, ging Matthias nicht zu Wessel, nicht zu den Kameraden, die applaudierten. Er ging zu seiner Tasche, holte ein zerknittertes Foto heraus, das er seit Jahren mit sich herumtrug – er selbst mit neunzehn, dünner, vor genau jenem Kraftraum in Detmold – und steckte es zurück in die Innentasche, wo es hingehörte. Dann setzte er sich auf die Bank neben der Bühne, öffnete sein Notizheft und schrieb unter die letzte Kalorienrechnung ein einziges Datum, ohne Kommentar. Draußen hatte der Regen aufgehört.

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Odissea
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