Die Hündin, die jeden Abend um Punkt sechs vor Sankt Ludger saß

In Münster, direkt an der Promenade, steht die kleine Kirche Sankt Ludger. Jeden Abend, wenn die Turmuhr sechs schlug, kam sie die Stufen hoch. Graue Schnauze, trübe Augen, eine Pfote, die sie nachzog. Sie bellte nicht, winselte nicht. Sie setzte sich neben das schwere Holzportal und wartete.

Die Leute im Viertel kannten sie irgendwann. Jemand stellte ihr eine Schale Wasser hin, ein anderer brachte Reste vom Mittagstisch. Sie fraß kaum. Nur wenn die Kirchentür aufging, hob sie den Kopf und suchte in den Gesichtern der Herauskommenden. Dann senkte sie ihn wieder.

Ich wohne drei Häuser weiter. Vom Küchenfenster aus konnte ich sie beobachten. Meine Frau sagte jeden Abend beim Abspülen: „Die sitzt schon wieder da. Das arme Tier.“

Der Küster, ein ruhiger Mann, fing an, nach der Abendandacht bei ihr stehen zu bleiben. Er sprach sie an, bot ihr etwas an. Sie sah ihn nicht einmal an. Ihr Blick blieb am Eingang hängen, als könnte jeden Moment jemand durch die Tür treten, den nur sie erkannte.

Dann sprach eine ältere Frau aus der Nachbarschaft es aus: Das sei Lotte. Die Hündin von Frau Werneke, die fast zwanzig Jahre im Haus an der Ecke gewohnt hatte. Allein, bis auf den Hund. Frau Werneke hatte Lotte als Welpen aus einer Kiste am Kanal geholt, halb verhungert. Sie zog sie mit der Pipette auf, trug sie im Winter unter der Jacke nach Hause. Seitdem gingen die zwei jeden Abend denselben Weg: Frau Werneke zur Abendandacht, Lotte bis zur Kirchentür. Dann hieß es: „Warte hier, meine Gute. Ich bin gleich wieder da.“ Und Lotte wartete.

Man hatte Frau Werneke im Februar ins Clemenshospital gebracht. Sie kam nicht mehr zurück. Nach der Beerdigung versuchte ein Nachbar, Lotte in seine Wohnung zu nehmen. Aber jeden Abend, wenn es dunkel wurde, drückte sie sich durch die Hecke und lief zur Kirche. Sicher ist sie diesen Weg gelaufen, solange sie konnte. Vielleicht jeden Tag, den ganzen Winter über.

Eines Abends ließ der Küster die Tür einen Spalt offen. Lotte schob die Schnauze dagegen, trat zögernd ein. Die Kirche war leer, es roch nach kaltem Stein und Wachs. Sie ging leise den Mittelgang hinunter bis zu einem kleinen Tisch neben dem Altar, auf dem ein Foto von Frau Werneke stand, umgeben von Kerzen. Lotte blieb davor stehen. Sie legte den Kopf an die Tischkante, genau an die Stelle, wo der schwarze Rahmen auf dem Holz auflag. So stand sie lange. Dann ließ sie sich auf dem steinernen Boden nieder, die Nase zum Foto gewandt.

Von da an wartete der Küster jeden Abend vor dem Abschließen auf sie. Lotte kam, ging zu dem Foto, legte sich hin. Blieb, bis er die Kerzen ausmachte. Dann stand sie auf und verschwand in den Abend, zurück zu der fremden Wohnung, in der ihr Korb stand.

Als mein Sohn mich fragte, ob Hunde wirklich so etwas wie Trauer kennen, wusste ich keine Antwort. Ich sah nur zu, wie Lotte jeden Abend denselben Weg nahm, ohne Zögern, ohne sich einmal umzudrehen. Es war kein Suchen mehr. Es war ein Ritual.

Dann blieb sie zum ersten Mal aus. Der Küster wartete bis kurz vor sieben, machte die Tür zu, ging mit der Taschenlampe den Weg ab. Er fand sie nicht. Am nächsten Morgen, früh, auf dem Weg zur Bäckerei, sah ich sie: auf der steinernen Bank vor dem Haus an der Ecke. Frau Wernekes Haus. Vor der Tür standen zwei Kartons mit Sachen für die Kleiderkammer, einer davon war umgekippt. Lotte lag auf einem Mantel, der halb aus dem Karton gerutscht war. Den Kopf hatte sie auf den Ärmel gelegt. Der Mantel roch sicher nicht mehr nach seiner Besitzerin, nicht nach zwölf Tagen Regen und Wind. Aber Lotte lag darauf, als hätte sie genau diese Stelle gesucht.

Sie atmete nicht mehr.

Der Küster begrub sie im kleinen Grünstreifen hinter der Sakristei, wo im Sommer die Mülltonnen stehen und im Frühjahr Schneeglöckchen aus der Erde kommen. Auf den Stein schrieben sie nur einen Satz. Meine Frau hat ihn neulich fotografiert.

Wir reden abends manchmal darüber, dass Lotte wohl nie geglaubt hat, Frau Werneke käme noch einmal aus dieser Tür. Da war nichts, das man hätte erklären können. Kein Glaube an ein Wiedersehen. Nur die Erinnerung an einen Weg, den man nicht vergisst, wenn er zu jemandem geführt hat, der einen nie allein gelassen hat.

Letzte Woche hat der Nachbar, der damals den Mantel in den Karton gelegt hatte, vor der Tür gestanden und geweint. Er wusste es nicht, sagte er. Er habe nur die Schränke ausgeräumt.

Der Küster gießt das Grab jeden zweiten Tag mit einer alten Gießkanne aus der Sakristei. Einmal habe ich ihn gefragt, warum er das tue. Er zuckte mit den Schultern. „Es war ihre Bank“, sagte er. „Jemand muss sich ja kümmern.“

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Odissea
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