Ich saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln, als Nele ins Zimmer kam und mir ihr Handy hinhielt. Nicht aggressiv, sondern mit dieser sachlichen Freundlichkeit, die ich an ihr nie richtig deuten konnte. „Nur kurz das Online-Banking checken. Bei mir lädt die App wieder nicht."
Hinter ihr, im Wohnzimmer, hörte ich meine Mutter. Sie kommandierte den Fliesenleger herum, als wäre er ihr persönlicher Butler, dabei stand sie nur auf Lautsprecher, weil sie es nicht für nötig hielt, den Raum zu betreten. „Nein, die Steckdose kommt nach links. Nein! Nach links von mir aus gesehen!"
Ich wischte die Hände an der Schürze ab. „Was willst du denn prüfen?"
„Ratenkauf", sagte Nele. „Braucht nur eine Bestätigung. Dein Handy ist schneller."
Meine Mutter erschien im Türrahmen, das Fliesenmuster wie eine Trophäe vor die Brust gedrückt. Dieses graue Ding mit den Adern, das sie unbedingt brauchte, weil die Nachbarin so etwas ähnliches hat. „Jonas, mach jetzt nicht so ein Theater. Die Leute warten."
Ich nahm das Handy. Nele hatte es mir hingehalten, und ich griff zu, weil das in elf Jahren Ehe einfach so lief. Ihr Handy, ihr Auto, ihre Kreditkarte — alles war irgendwann unseres geworden. Umgekehrt natürlich genauso. Dachte ich.
Ich tippte den Code ein, den sie mir vor Jahren gegeben hatte. Die Banking-App öffnete sich. Ich suchte nach dem Punkt für Ratenkredite, fand aber etwas anderes.
Eine vorausgefüllte Anfrage. Auf Neles Namen. Über 248.900 Euro.
Für eine Badsanierung.
Ich starrte auf die Zahl, während hinter mir das Wasser im Topf zu kochen begann und meine Mutter weiter auf den Fliesenleger einredete.
„Jonas", sagte Nele. Ihre Stimme war weich, aber ich kannte diese Weichheit. „Wir haben doch darüber gesprochen."
Darüber gesprochen. Das hieß: Sie hatte beim Abendessen dreimal beiläufig erwähnt, dass Mutters Bad dringend gemacht werden müsse. Dass die alten Fliesen sie bei jedem Besuch deprimieren. Dass eine erwachsene Frau nicht in einem Badezimmer sitzen solle, das nach Krankenhaus von 1985 riecht. Ich hatte genickt und weiter auf mein Schnitzel geschaut.
„Ich habe nie gesagt, dass du das bezahlst."
„Wir sind doch eine Familie", sagte Nele. Ein Satz, den ich in unserer Ehe oft genug gehört hatte. Mein Gehalt war Familienvermögen, ihre Ersparnisse waren es auch. Aber ihre Ersparnisse waren vor allem ihrer. Das wurde mir in diesem Moment klar.
„Du hast die Anfrage schon eingereicht", sagte ich. Meine Stimme war ruhig, aber ich spürte, wie meine Finger das Handy zu fest hielten.
„Damit wir den Zinssatz sichern", sagte Nele. „Der gilt nur noch bis zwölf Uhr dreißig."
Meine Mutter klatschte in die Hände. „Also? Ich kann dem Mann nicht ewig sagen, er soll warten."
Ich legte das Handy auf den Tisch, direkt neben die Kartoffelschalen. Im Display spiegelte sich meine eigene Stirn. Ich sah müde aus.
„Auf wen läuft der Kredit?", fragte ich.
Nele antwortete nicht sofort. Sie setzte sich mir gegenüber, faltete die Hände auf der Tischplatte. Diese Geste hatte sie sich in den letzten Jahren angewöhnt, wenn sie etwas durchsetzen wollte, ohne zu streiten.
„Auf mich. Na und? Dafür verdienst du ja das Haushaltsgeld." Sie lächelte. „Das zahlen wir zusammen ab."
Wir. Ich und sie. Aber in den Unterlagen stand ihr Name, mein Gehalt war nirgends erwähnt.
„Nele, das sind fast 250.000 Euro."
„Keine 250.000", sagte sie. „248.900. Du machst aus allem eine Staatsaffäre."
Meine Mutter lachte kurz. Es klang nach Besen, der über Fliesen kratzt. „Der Junge war schon immer so. Erst der Kaufhof, dann das."
Der Satz hing in der Luft. Erst der Kaufhof. Als ich mit 19 die Ausbildung im Einzelhandel gegen ein Studium getauscht hatte, weil meine Mutter meinte, ich sei zu dumm für beides. Als sie mich zwei Jahre lang nur „den Zurückgebliebenen" nannte, wenn sie bei Tisch über mich sprach. Nele wusste nichts davon. Sie kannte nur die Version, in der meine Mutter sich für mich aufgeopfert hatte.
Ich stand auf. Der Topf mit den Kartoffeln kochte über, das Wasser zischte auf der Herdplatte.
„Du bestätigst die Anfrage nicht", sagte ich.
Nele sah mich an, als hätte ich in den Salat gespuckt.
„Jonas, hör auf. Das ist für deine Mutter."
„Dann soll sie es bezahlen."
Meine Mutter lachte wieder, diesmal lauter. „Wovon, Schatz? Von meiner kleinen Rente? Willst du, dass ich bis an mein Lebensende in einem Bad voller Schimmel sitze?"
Ich drehte mich um. Der Fliesenleger war noch in der Leitung, man hörte ihn atmen.
„Herr Kaczmarek", sagte ich, „wir melden uns morgen."
Dann legte ich auf, nicht das Handy, sondern das Festnetztelefon meiner Mutter.
Was folgte, war kein Streit. Es war etwas Langsameres. Nele redete auf mich ein, als würde sie einem Kind erklären, warum Impfungen wichtig sind. Meine Mutter weinte irgendwann, aber ihre Tränen kamen zu pünktlich, um echt zu sein. Sie liefen genau dann, wenn ich aufstehen und gehen wollte.
Am Abend saß ich auf dem Balkon. Nele kam mit zwei Gläsern Weißwein heraus. Sie stellte eines vor mich hin, als wäre nichts.
„Ich habe die Anfrage bestätigt", sagte sie.
Ich nahm das Glas. Es war kalt, das Kondenswasser lief mir über die Finger.
„Dann brauchst du das hier nicht mehr", sagte ich und gab ihr den Wohnungsschlüssel, den ich nicht mehr haben wollte.
Sie lachte. „Jetzt sei nicht kindisch."
Aber ich war nicht kindisch. Ich war wach.
Ich habe die Scheidung selbst eingereicht, nicht Nele. Ich habe die gemeinsame Wohnung verkauft und mir eine kleine Einzimmerwohnung in Schöneweide genommen, wo die Bahn morgens quietscht und die Heizung nach Staub riecht, aber niemand einen Fliesenleger anruft, den ich bezahlen soll.
Meine Mutter bekam ihr Bad. Ohne meine Hilfe. Sie hat ihre alte Lebensversicherung aufgelöst, die sie angeblich nicht hatte. 248.900 Euro Schulden blieben bei Nele, die nicht verstehen wollte, warum ich ihretwegen nicht mehr ans Telefon ging.
Vorgestern kam ein Brief vom Amtsgericht. Die Ehe ist aufgelöst. Ich stand im Flur, den Umschlag in der Hand, und im Treppenhaus roch es nach Wirsing. Die Nachbarin von unten kochte wieder dieses Eintopfgericht, das durch die Wände riecht.
Ich habe den Brief in die Innentasche meiner Jacke gesteckt und bin einkaufen gegangen. Es gab nichts zu feiern. Es gab nur Kartoffeln, die ich schälte, ohne dass jemand dabei zusah.
