Die blaue Löffel lag auf der weißen Tischdecke

Der blaue Löffel lag auf der weißen Tischdecke

Ich lebe seit elf Jahren in diesem Haus in der Jahnstraße in Leipzig. Ich weiß, dass die alte Frau Krüger aus dem zweiten Stock jeden Morgen um Viertel nach sechs ihren Dackel Gassi führt. Ich weiß, dass der Student aus der Dachwohnung immer dienstags Pizza bestellt. Und ich wusste, dass mein ehemaliger Verlobter Mathias nach unserer Trennung angeblich nach Dresden gezogen war.

Zumindest hatte er mir das gesagt.

Am Samstag feierte die Hausgemeinschaft ihr zwanzigjähriges Bestehen. Die Hausverwaltung hatte einen Raum im Restaurant „Zum Lindenwirt“ reserviert, direkt am Clara-Zetkin-Park. Lange Tafel, Kerzen auf den Tischen, Blumenvasen. Und diese eigenartige Stille, die entsteht, wenn Nachbarn so tun, als wüssten sie nichts voneinander.

Mathias saß zwei Stühle von mir entfernt. Mit seiner Neuen. Sandra. Hellblondes Haar, cremefarbene Bluse, das Lächeln einer Frau, die glaubt, etwas gewonnen zu haben.

Frau Krüger beugte sich über den Tisch und legte einen kleinen Gegenstand vor mich. Einen Babylöffel. Hellblau, aus Plastik, mit einem aufgedruckten Elefanten.

Ich sah sie an.

„Den habe ich im Hausflur gefunden. Vor der Wohnung 12.“

Wohnung 12. Mathias’ alte Wohnung. Die Wohnung, in der wir nach der Hochzeit hatten leben wollen.

„Was soll das?“, fragte Sandra. Ihre Stimme klang scharf.

Mathias griff nach dem Löffel. „Der ist sicher von irgendeinem Besuch.“

Frau Krüger schüttelte den Kopf. Sie holte einen braunen Umschlag aus ihrer Handtasche. Ein Aktenordner, zusammengefaltet, mit Kaffeeflecken am Rand.

„Vor acht Monaten ist in der Wohnung 12 eine Frau mit einem Säugling eingezogen“, sagte sie. „Sie hat sich als Mieterin vorgestellt. Aber die Post kam auf deinen Namen, Mathias.“

Ich hörte, wie Sandra neben ihm scharf einatmete.

„Was für eine Frau?“

Mathias legte die Serviette auf den Tisch. „Das geht dich nichts an.“

„Doch“, sagte ich. „Wenn du mich sitzen gelassen hast, weil es da schon jemanden gab, dann geht es mich sehr wohl etwas an.“

Er sah mich an. „Mach kein Drama. Das ist lange vorbei.“

Vor einem Jahr hatte er die Verlobung gelöst. Drei Wochen vor der standesamtlichen Trauung. Ich war zweiunddreißig, das Kleid hing im Schrank, die Einladungen waren gedruckt. Er hatte am Küchentisch gesessen und gesagt: „Ich bin nicht bereit für eine Familie.“

Kein Streit. Keine Erklärung. Nur dieser eine Satz, und dann war er gegangen.

Frau Krüger öffnete den Umschlag. Sie zog eine Kopie des Mietvertrags heraus. Mathias’ Unterschrift stand unten rechts. Als Vermieter.

„Die Wohnung war nie verkauft“, sagte sie. „Du hast sie einer Frau überlassen, die ein Kind von dir hat.“

Sandra stand auf. Ihre Hand zitterte, als sie nach ihrer Tasche griff. „Du hast mir gesagt, deine Ex hätte dich gestalkt. Dass sie dir nachstellt, dass du deshalb die Stadt wechseln musstest.“

Mathias hob beide Hände. „Das ist kompliziert.“

„Nein“, sagte Frau Krüger. „Kompliziert wäre die Wahrheit gewesen. Das hier ist einfach.“

Am anderen Ende der Tafel räusperte sich ein Mann. Ich hatte ihn vorher nicht bemerkt. Graues Jackett, müde Augen, vielleicht Mitte fünfzig.

„Ich bin der Vater dieser Frau“, sagte er.

Mathias griff nach seinem Weinglas. Seine Finger hinterließen Abdrücke auf dem Glas.

„Meine Tochter war mit ihm zusammen, als er noch verlobt war“, fuhr der Mann fort. „Er hat ihr versprochen, die Verlobung zu lösen. Dann hat er ihr versprochen, für sie und das Kind zu sorgen. Und dann hat er angefangen, eine andere zu treffen.“

Sandra stand jetzt ganz aufrecht. „Das Kind. Ist es wirklich seins?“

Mathias zuckte mit den Schultern. „Das ist nicht bestätigt.“

Der Mann zog ein weiteres Dokument aus der Innentasche seines Jacketts. „Du hast die Zahlungen eingestellt. Deshalb konnte sie die Miete nicht mehr aufbringen. Deshalb wurde ihr gekündigt.“

Mir wurde kalt. Nicht, weil ich noch Gefühle für Mathias gehabt hätte. Sondern weil mir klar wurde, wie nah ich dran gewesen war.

Ich wäre die erste dieser Frauen gewesen.

Frau Krüger drehte den Umschlag in den Händen. „Als du aufgehört hast zu zahlen, hat die Hausverwaltung Mahnungen an die Wohnung geschickt. Die Frau war wochenlang mit dem Kind allein. Sie hatte nicht mal genug für Windeln. Die Nachbarin von nebenan hat ihr Essen vorbeigebracht.“

Sandra nahm ihre Handtasche. „Wir waren ein halbes Jahr zusammen. Du hast mir erzählt, du willst mit mir nach München ziehen. Und die ganze Zeit…“

Mathias stand auf. „Sandra. Ich kann das erklären—“

„Fass mich nicht an.“

Sie ging. Der Klang ihrer Absätze auf dem Parkettboden hallte durch den Raum.

Ich stand ebenfalls auf. Ich nahm den blauen Plastiklöffel vom Tisch und schloss die Finger fest darum.

„Der gehört jetzt niemandem mehr, der ihn verdient hätte“, sagte ich zu Mathias.

Er sah mich an. „Du hast mich bloßgestellt. Vor allen. Bist du jetzt zufrieden?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe dich nicht bloßgestellt. Ich habe nur nicht mehr für dich gelogen.“

Draußen vor dem Restaurant stand ich eine Weile an der Straßenbahn-Haltestelle. Die Linie 12 kam vorbei, ich ließ sie fahren. Es war kühl geworden, der Wind roch nach nassen Blättern und Abgasen. Auf der anderen Straßenseite saß ein junger Vater mit einem kleinen Mädchen auf den Schultern. Das Kind hielt eine Tüte mit gebrannten Mandeln.

Ich dachte an die Frau in der Wohnung 12. An ihre Nächte, in denen sie das Baby nicht beruhigen konnte, während der Mann, der ihr alles versprochen hatte, bei einer anderen im Bett lag. Ich dachte an Sandra, die gerade erfahren hatte, dass ihre ganze Beziehung auf einem Fundament aus Lügen stand.

Der Löffel lag in meiner Manteltasche wie ein kleiner kalter Stein.

Drei Tage später rief mich Frau Krüger an.

„Die Wohnung 12 wird zwangsversteigert“, sagte sie. „Die Hausverwaltung hat die Außenstände angemeldet. Aber die junge Frau mit dem Kind hat Unterlagen gesucht, um den Kindesunterhalt einklagen zu können. Mathias hat ihr nie Zugang zu seinen Papieren gegeben.“

Ich wusste, wo die Unterlagen waren. Nicht, weil ich sie gesucht hätte. Sondern weil Mathias seine Sachen in meiner Abstellkammer gelassen hatte, nachdem er ausgezogen war. Zwei Umzugskartons. Einer voll mit Kabeln, die zu keinem Gerät mehr passten. Der andere mit Ordnern.

Ich hätte sie wegwerfen sollen. Ich hatte es nur immer wieder vergessen, irgendwie.

Am selben Abend machte ich mich an die Arbeit. Ich trug die Kartons in die Küche, setzte Teewasser auf und breitete alles auf dem Boden aus. Unter den Ordnern fand ich das, was ich nicht gesucht hatte, aber wusste: alte Kontoauszüge. Ein Arbeitsvertrag, der nicht zu dem passte, was er mir erzählt hatte. Und ein Testament seines Großvaters.

Ich verstand nicht viel von Rechtsangelegenheiten. Aber ich kannte eine Sozialarbeiterin aus meinem Yogakurs, und die wiederum kannte einen Anwalt für Familienrecht.

Am Dienstag saß ich in der Kanzlei in der Karl-Liebknecht-Straße. Der Anwalt hieß Dr. Hartung und sah sich die Unterlagen mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

„Das reicht“, sagte er. „Damit können wir einen Antrag auf einstweilige Anordnung stellen. Sie sollten sich klar sein, dass das nicht Ihre Sache ist. Wenn Sie sich da einmischen, wird es Ärger geben.“

Ich schob eine Kopie des Mietvertrags über den Tisch.

„Das ist meine Sache. Ich habe ein Jahr gebraucht, um zu verstehen, dass ich nicht das Problem war. Aber die Frau da drüben hat ein Kind, das nichts für die Fehler seiner Eltern kann. Und das Kind hat ein Recht auf Unterhalt. Ich will nicht, dass dieses Kind in Armut aufwächst, nur weil ich zu feige bin, einen Karton aufzumachen.“

Dr. Hartung nahm die Unterlagen und legte sie in eine Mappe.

Vor ein paar Tagen war ich bei der Frau gewesen. Ich hatte an der Tür der Wohnung 12 geklingelt und ihr die Mappe in die Hand gedrückt. Sie hatte das Baby auf der Hüfte, ein dünnes Handtuch über der Schulter, und sie sah mich an, als hätte ich sie beim Stehlen erwischt.

„Ich bin nicht seinetwegen hier“, sagte ich. „Ich bin hier, weil ich auch einmal fast in deiner Situation gewesen wäre.“

Sie bat mich herein. Die Wohnung roch nach Milch und frisch gewaschener Wäsche. Auf dem Tisch stand eine halb leere Packung Zwieback. Ein Kinderwagen blockierte den Flur.

Ich blieb eine Stunde. Sie hieß Miriam. Das Baby hieß Emil. Sie zeigte mir ein Foto auf ihrem Handy, auf dem Emil auf dem Sofa lag und mit einem blauen Elefantenlöffel spielte – ein zweites Exemplar, denselben Musters wie der, den Frau Krüger im Treppenhaus gefunden hatte.

Am Ende sagte sie: „Danke. Dass du das mit den Unterlagen gemacht hast. Ich hätte nie gewusst, wo ich anfangen soll.“

Ich zog meine Schuhe an und sah noch einmal in den Flur. Der Kinderwagen. Die bunten Socken über der Heizung. Die Kunst, mit wenig auszukommen.

„Du fängst nicht an“, sagte ich. „Du hast schon längst angefangen. Du ziehst ein Kind groß, allein, während der Typ sich die Nächte mit Versprechen vertreibt. Das ist mehr Anfang als die meisten Leute je hinkriegen.“

Als ich ging, schlief Emil in Miriams Armen.

An der Haltestelle griff ich in meine Manteltasche und spürte den Löffel noch dort, wo ich ihn im Restaurant hineingesteckt hatte. Ich hatte ihn all die Tage mit mir herumgetragen, ohne genau zu wissen, warum.

Ich stand eine Weile da, den kalten Kunststoff in der Hand. Dann stieg ich in die Bahn, und an der nächsten Station warf ich den Löffel in einen Mülleimer neben dem Fahrkartenautomaten.

Am folgenden Montagmorgen traf ich Mathias am Augustusplatz. Er trug eine Einkaufstüte und sah aus, als hätte er schlecht geschlafen. Er blieb stehen und öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen.

Ich ging weiter.

Hinter mir protestierte jemand an der Ampel. Die Straßenbahn klingelte. Ich stieg ein und setzte mich ans Fenster. Die Stadt zog an mir vorbei.

Auf der anderen Seite des Gangs lachte ein junges Mädchen und zeigte ihrer Freundin ein Video auf dem Handy. Draußen vor dem Leipziger Hauptbahnhof leuchtete die digitale Anzeige: 18:44. Die Abendsonne fiel auf die Fassaden, und ich lehnte den Kopf gegen das kühle Fensterglas, ohne zurückzusehen.

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Odissea
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