Meine Eltern waren nie im Urlaub

Meine Eltern waren nie im Urlaub. Jede Mark, später jeder Euro, ging in unsere Ausbildung. Ich begriff das erst, als mein Vater zum ersten Mal das Meer sah

Als Kind verstand ich nicht, warum meine Mitschüler nach den Sommerferien braun gebrannt zurückkamen, mit Muscheln, Fotos vom Strand, Geschichten von Hotels, Schwimmbädern und Eis am Abend.

Ich kam aus den Ferien mit aufgeschürften Händen zurück, weil ich bei meiner Oma Kartoffeln gesammelt hatte.

— Warum fahren wir nie ans Meer? fragte ich einmal.

Meine Mutter stand am Herd und rührte in einem Topf Kartoffelsuppe. Sie antwortete nicht sofort. Dann lächelte sie müde.

— Irgendwann, mein Junge. Das Meer läuft nicht weg.

Mein Vater saß am Küchentisch und flickte den Riemen meines Schulranzens.

— Die Schule wartet aber nicht, sagte er. — Wenn du jetzt lernst, kannst du später überallhin.

Damals war ich wütend.

Nicht laut, nicht dramatisch. Eher auf diese kindliche Art, bei der man denkt, die Eltern gönnen einem etwas nicht. Ich verstand nicht, dass sie mir längst alles gaben. Nur eben nicht in der Form, in der ich es sehen konnte.

Mein Vater arbeitete in einer Fabrik in Chemnitz. Er kam nach Hause mit dem Geruch von Metall und Maschinenöl in der Kleidung. Meine Mutter arbeitete in einer kleinen Schneiderei. Abends nähte sie oft noch zu Hause. Das Rattern ihrer Nähmaschine war viele Jahre mein Einschlafgeräusch.

Uns fehlte nichts Lebensnotwendiges. Wir hatten Essen, Kleidung, Heizung. Aber Urlaub gehörte nicht zum Lebensnotwendigen.

Jeden August ging meine Mutter mit mir in den Schreibwarenladen. Hefte, Stifte, Füller, Radiergummi, manchmal ein neuer Ranzen. Sie kaufte nie das Teuerste, aber auch nicht den billigsten Schrott.

— Das soll halten, sagte sie. — Bei Schulsachen spart man nicht am falschen Ende.

Sie selbst trug dieselbe Handtasche. Dieselben Schuhe. Dieselbe Jacke, deren Ärmel glänzten.

Ich sah es nicht.

Kinder sehen oft zuerst, was ihnen fehlt. Erst später sehen sie, was Eltern sich selbst verweigert haben.

Mit vierzehn brauchte ich Nachhilfe. Mathe und Physik wurden schwer. Der Lehrer sagte, ohne Unterstützung würde es mit dem Gymnasium schwierig.

Ich kam nach Hause und sagte es, als hätte ich eine schlechte Note mitgebracht.

— Was kostet das? fragte mein Vater.

Ich nannte die Summe.

Meine Mutter sah kurz auf den Tisch. Mein Vater nickte.

— Dann machst du das.

— Können wir uns das leisten?

— Ja.

Viel später erfuhr ich, dass mein Vater in diesem Monat mit dem Rauchen aufhörte. Er behauptete, es sei wegen der Gesundheit. In Wahrheit war eine Schachtel Zigaretten am Tag ungefähr eine Nachhilfestunde pro Woche. Meine Mutter ging nicht mehr zum Friseur. Eine Nachbarin schnitt ihr die Haare in der Küche.

— Ich probiere einen neuen Stil, sagte sie lachend.

Dieser Stil hieß Verzicht.

Ich wusste es nur nicht.

Als ich in einer anderen Stadt aufs Gymnasium kam, mussten Internat, Essen, Fahrkarten und Bücher bezahlt werden. Es war fast so viel wie der Lohn meiner Mutter.

— Ich kann pendeln, sagte ich.

Mein Vater schüttelte den Kopf.

— Du stehst nicht um vier Uhr auf, um Geld zu sparen. Du lernst.

Vier Jahre zahlten sie. Vier Jahre kauften sie nichts für sich. Unser Fernseher war alt, die Möbel noch älter. Mein Vater flickte seine Arbeitshosen. Meine Mutter sagte bei jeder Gelegenheit:

— Ich brauche nichts.

Ich glaubte ihr.

Heute weiß ich: Wenn Eltern sagen, sie brauchen nichts, heißt das oft nur, dass sie gelernt haben, ihre Wünsche leise zu machen.

Dann kam das Studium in Berlin. Ich hatte ein Stipendium, aber das reichte nicht. Miete, Bücher, Monatskarte, Essen.

Freunde sagten:

— Such dir einen Nebenjob. Machen alle.

Ich fing in einer Spülküche an. Nach drei Tagen fand mein Vater es heraus. Er rief abends an.

— Du bist nicht nach Berlin gegangen, um Teller zu waschen.

— Papa, es geht schon.

— Du studierst. Um Geld kümmere ich mich.

Er war fünfundfünfzig. Er nahm Überstunden. Zwölf Stunden in der Fabrik. Meine Mutter erzählte einmal, dass er nach Hause kam, sich an den Tisch setzte und einschlief, bevor die Suppe kalt war.

Und ich saß in Berlin und beschwerte mich, dass mein Zimmer klein war, dass andere bessere Laptops hatten, dass Kaffee teuer war.

Dafür schäme ich mich heute.

Ich beendete das Studium. Bekam eine Stelle. Als mein erstes Gehalt kam, starrte ich lange auf die Zahl auf dem Bildschirm.

Dann rief ich meine Mutter an.

— Mama, was wünschst du dir?

— Nichts. Ich habe alles.

— Bitte sag etwas Echtes.

Sie lachte kurz. Dann schwieg sie.

— Ich würde gern einmal das Meer sehen.

Mir wurde kalt.

— Du hast das Meer noch nie gesehen?

— Nicht richtig. Nicht so.

Meine Mutter war achtundfünfzig und hatte nie das Meer gesehen.

Mein Vater war sechzig. Er auch nicht.

Noch am selben Abend buchte ich eine Woche an der Ostsee. Hotel mit Meerblick. Frühstück. Abendessen. Zugtickets. Alles.

Als ich es ihnen sagte, begann meine Mutter zu weinen.

— Das ist zu teuer.

— Nein, Mama.

— Doch. Für uns schon.

— Ihr habt mein ganzes Leben bezahlt. Das ist nur eine Woche.

Ich begleitete sie hin, half mit den Koffern und ließ sie im Hotel allein. Ich wollte, dass sie nicht Eltern waren, nicht Helfer, nicht Menschen, die an mich denken mussten. Nur ein Mann und eine Frau, die nach Jahrzehnten endlich ihren Urlaub bekamen.

Am Abend rief meine Mutter an.

Ihre Stimme zitterte.

— Dein Vater hat geweint.

— Was ist passiert?

— Nichts. Er hat das Meer gesehen. Er stand am Strand und weinte. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Nicht einmal bei Beerdigungen.

Ich setzte mich in meiner Berliner Wohnung auf den Boden und weinte auch.

Weil ich in diesem Moment alles sah.

Die Reisen, die nicht stattgefunden hatten. Die Schuhe, die nicht gekauft wurden. Die Kaffees, die sie nicht tranken. Die Sonntage, an denen sie arbeiteten, nähten, rechneten, planten. Die jungen Jahre meiner Eltern, die sie in meine Zukunft gesteckt hatten, ohne je eine Quittung dafür zu verlangen.

Seitdem nehme ich sie jedes Jahr irgendwohin mit.

Erst Ostsee. Dann Harz. Dann Dresden. Meine Mutter fotografiert alles: den Frühstücksteller, die Hotellampe, meinen Vater vor einem Schild. Mein Vater tut genervt, aber dann sagt er:

— Mach noch eins. Da hinten sieht man den Himmel besser.

Ich kann nichts zurückzahlen.

Nicht wirklich.

Ich kann meiner Mutter nicht die Jahre an der Nähmaschine zurückgeben. Ich kann meinem Vater nicht den Rücken zurückgeben, den er in der Fabrik verschlissen hat. Ich kann ihnen nicht die Sommer schenken, die es nicht gab.

Aber ich kann aufhören, so zu tun, als hätte ich später unendlich Zeit.

Letzten Monat zeigte mir meine Mutter ein altes Foto. Sie und mein Vater jung, vor einem Wohnblock. Er mit dunklem Haar, sie in einem Kleid mit Blumen.

— Damals wollten wir nach Griechenland, sagte sie. — Wir waren jung und dachten, Träume warten einfach.

— Warum seid ihr nicht gefahren?

Sie strich über das Foto.

— Dann kamst du. Dann deine Schwester. Und Griechenland wartete.

Ich sagte nichts.

Die Tickets waren schon gebucht.

In drei Wochen werden meine Eltern Griechenland sehen. Meine Mutter ist sechzig. Mein Vater zweiundsechzig. Sie sagen immer noch, es sei zu teuer. Ich solle sparen. Ich solle an mich denken.

Aber genau das haben sie ihr Leben lang getan.

An mich gedacht.

Jeder Euro, den ich heute für ihre Freude ausgebe, ist ein Euro, den sie früher aus ihren eigenen Träumen genommen und in meine gelegt haben.

Ich kann nicht alles zurückgeben.

Aber ich kann ihnen zeigen, dass ich es gesehen habe.

Und wenn mein Vater am Ägäischen Meer steht und wieder weint, werde ich ihn nicht trösten.

Ich werde nur neben ihm stehen.

Denn manche Tränen kommen nicht aus Schmerz.

Manche kommen, wenn eine Liebe nach vielen Jahren endlich verstanden wird.

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