Thomas faltete seine Sakkos an einem Donnerstagabend, während im Radio Volksmusik lief. Nicht leise, nicht aggressiv – einfach so, als würde er Koffer packen für eine Dienstreise nach München. Ich lehnte im Türrahmen unseres Schlafzimmers, die Hände am Türstock, und sah zu, wie er den teuren Wollblazer in den Koffer legte. Den hatte er sich vor drei Jahren gekauft, nach dem großen Mandantenerfolg, und seither vielleicht zweimal getragen. Jetzt kam er mit ins neue Leben.
„Die Unterlagen aus dem Tresor nehme ich mit“, sagte er, ohne den Blick vom Koffer zu heben.
„Nimm.“
„Und die Espressomaschine? Ist doch meine.“
„Nimm sie mit, Thomas.“
Er klappte den Deckel zu und zog den Reißverschluss mit einem Geräusch, das klang wie ein Schlussstrich. Dann drehte er sich um und sah mich an. Sein Gesicht war feierlich. Kein bisschen Trauer, kein Zögern – ein Mann, der einen Vortrag hält.
„Ahnung, ich will dich nicht anlügen. Ich habe jemanden kennengelernt. Ich bin 49, und zum ersten Mal … ich atme. Verstehst du? Ich fühle mich lebendig.“
Er sprach wie von einem Spickzettel, den er vor dem Spiegel geübt hatte.
„Du bist eine tolle Frau, wirklich. Aber wir sind doch schon lange nur noch eine WG. Funktionsgemeinschaft. Kein Feuer mehr.“
Sechzehn Jahre Ehe. Eine Tochter im zweiten Semester in Jena. Das Haus in Leipzig-Gohlis, für das ich nach Papas Tod mein Erbe eingebracht hatte und dessen Umbau ich mit dem Architekten durchgeboxt habe, weil Thomas keine Zeit hatte. Seine zwei Bandscheibenvorfälle, meine Schilddrüsen-OP. Seine Mutter, die ein halbes Jahr bei uns wohnte nach der Hüfte, und ich machte dreimal die Woche die Physio-Übungen mit ihr, weil er abends immer „Mandantengespräche“ hatte. Funktionsgemeinschaft. Klar.
„Sie heißt Caro“, fügte er hinzu, immer noch mit dieser Stimme. „Sie gibt Iyengar-Yoga im Zentrum-Süd. Vielleicht kennst du den Laden. ‚Raum des Lichts‘?“
Ich nickte nur. Hätte ich den Mund aufgemacht, wäre etwas herausgekommen, das sich für mich falsch angefühlt hätte und für ihn bedeutungslos geblieben wäre.
Er nahm den Koffer, drückte kurz meinen Oberarm – ein distanzierter Chef-Gestus – und ging.
Die ersten beiden Tage war ich wie betäubt. Am dritten Tag buk ich vier Sorten Plätzchen. Ich führe eine kleine Bio-Bäckerei in der Innenstadt, ich backe beruflich, aber an diesem Tag buk ich zuhause, in unserer Küche. Zimtsterne, Vanillekipferl, Spitzbuben, Kokosmakronen. Das Marzipan war etwas zu fest, der Ofen lief heißer als angegeben, und die ganze Wohnung roch nach Butter und Kardamom. Meine Nachbarin, Frau Kowalski, klopfte irgendwann und rief durch die Tür: „Frau Berger? Alles in Ordnung bei Ihnen? Es riecht bis in den dritten Stock!“
„Alles gut! Weihnachtsbäckerei!“, rief ich zurück, obwohl Oktober war.
Dann rief Annika an, unsere Tochter.
„Mama, Papa hat geschrieben. Dass er ,seinen inneren Raum gefunden‘ hat. Was soll das heißen?“
„Das heißt, er ist zu einer Frau gezogen, die Yoga unterrichtet, mein Schatz.“
Stille. Dann ein kurzes, ungläubiges Auflachen.
„Yoga? Papa? Der kann sich ja nicht mal im Sitzen die Schuhe zubinden, ohne zu stöhnen.“
Ich lachte auch. Es war das erste Mal seit Tagen, dass ich einen Ton von mir gab, der kein Seufzen war.
„Mama, wie geht’s dir wirklich?“
„Ich backe Plätzchen. Etwa achthundert Stück bisher.“
Sie machte eine Pause. Annika kennt mich. Wenn es mir schlecht geht, räume ich nicht den Kleiderschrank aus und weine nicht auf dem Sofa. Dann backe ich. Und koche. Als damals die Bäckerei fast pleiteging wegen der gesperrten Straße vor dem Laden, habe ich an einem Wochenende dreißig Liter Kürbissuppe eingekocht und eingefroren.
„Soll ich kommen? Nächstes Wochenende?“
„Kind, du hast Prüfungen. Ich komme klar.“
Die Wahrheit war: Ich kam nicht klar. Aber das geht eine Mutter von zweiundzwanzig Jahren nichts an.
Drei Wochen lang hörte ich nichts von Thomas. Kein Anruf, keine SMS. Annika erzählte er am Telefon, er sei „auf einem guten Weg“ und die „Energie stimme endlich“. Annika sagte: „Papa redet wie ein Esoterik-Kalender, Mama. Ernsthaft. Er hat gesagt, ich solle mal über meine Schwingungen nachdenken. Ich studiere Maschinenbau!“
Ich hatte inzwischen aufgehört, seine Profile in den sozialen Medien zu checken. Aber Annika nicht. Sie schickte mir Screenshots. Thomas im weißen Leinenhemd auf einem Holzboden im Lotussitz. Thomas, die Augen geschlossen, ein Glas mit grünem Saft in der Hand. Hashtags wie #dankbar #neuerweg #erwachen. Kommentare von Frauen mit Blumen-Emojis: „Du strahlst so!“, „Die Reise beginnt!“, „So schön, dass du deine Wahrheit lebst!“
Mein Mann. Der jahrelang abends vor dem Fernseher eine Flasche Pils getrunken und über „diese esoterischen Spinner“ gelästert hatte. Dessen höchstes spirituelles Erlebnis bisher der Saunagang bei seinem Kumpel Sven war. Es fühlte sich nicht an wie Eifersucht. Es fühlte sich an wie eine Demütigung auf Raten.
Am vierundzwanzigsten Tag war ein verregneter Dienstag. In der Bäckerei war viel los, unser neuer Sauerteig-Dinkel lief gut, die Angestellte war krank, ich stand seit vier Uhr morgens in der Backstube. Um halb zwölf, ich wischte gerade die Theke, klingelte mein Handy. Display: Thomas.
„Ja?“
„Anja? Hallo. Ich bins.“
Seine Stimme war anders. Kein „Leinenhemd“. Eher wie früher, wenn er mir sagte, dass er die Steuererklärung wieder verpeilt hatte.
„Hallo Thomas.“
„Wie gehts dir?“
„Gut. Viel zu tun. Was gibts?“
Er atmete. Ich kannte das Atemgeräusch. So hatte er geatmet, als er mich um einen Kredit für seine Kanzleieinrichtung bat, als er mit dem Auto gegen den Laternenpfahl gefahren war, als er bei seiner Mutter anrief und nicht wusste, wie er sagen sollte, dass wir Weihnachten nicht kommen.
„Ahnung, ich hab da … ein Problem. Finanziell.“
Ich stellte die Kaffeetasse auf die Kacheln der Theke. Leise, damit er es nicht hörte.
„Finanziell“, wiederholte ich.
„Ja. Also, Caro will expandieren. Sie braucht ein zweites Studio, größere Räume, Umkleiden, einen Empfangsbereich. Sie hat ihr ganzes Erspartes reingesteckt und ich meins auch. Aber es fehlen noch 85.000 Euro. Und ich dachte …“
Er machte eine Pause.
„Ich dachte, du könntest mir das vielleicht vorstrecken. Nur für drei Monate. Caros Businessplan ist wasserdicht. Das zweite Studio läuft in einem halben Jahr, und dann kriegst du jeden Cent zurück. Mit Zinsen, wenn du willst.“
Ich starrte auf die Espressomaschine, die er dagelassen hatte. Unser alter Siebträger von der Kaffeerösterei am Eck, den wir zur Hochzeit bekommen hatten. Er stand noch immer in der Backstube, weil ich ihn nie hatte austauschen wollen.
„Thomas. Du hast mich vor vier Wochen verlassen. Du hast alle Fotos von uns gelöscht. Du hast unserer Tochter gesagt, du hättest ,dich gefunden‘. Du postest Bilder von dir im Schneidersitz und schreibst von Schwingungen. Und jetzt, Dienstagmittag, rufst du an und willst fünfundachtzigtausend Euro?“
„Es ist nicht so, wie du denkst. Caro ist …“
„Thomas. Ich geb dir kein Geld. Nicht einen Cent. Geh zu deiner Bank. Oder lass die ,Energie des Universums‘ für dich zahlen. Aber ich bins nicht. Unser gemeinsames Konto ist aufgelöst. Deine Kanzlei läuft. Red mit deinem Steuerberater. Red mit Caro. Aber red nicht mit mir über Geld.“
Ich legte auf. Meine Hand zitterte so sehr, dass ich den Kaffee verschüttete. Aber in der Brust war etwas kalt und klar geworden, ein Gefühl, das ich seit Oktober nicht mehr hatte. Ich schämte mich nicht dafür.
Zwei Tage später rief Annika an.
„Mama, hat Papa dich auch angerufen? Er will, dass ich mein Bausparvertrag auflöse! Zwölftausend Euro! Für irgendein Yogastudio!“
„Du hast nicht …“
„Mama. Ich lebe von BAföG und meinem Nebenjob im Labor. Mein Bausparvertrag ist heilig. Ich hab ihm gesagt, er spinnt. Nur in direkteren Worten.“
„Gut so. Wie geht’s dir?“
„Ich hab heute ein Strömungsexperiment verkackt. Aber sonst. Du?“
„Habe ich dir erzählt, dass Frau Kowalski jetzt jeden Morgen in die Bäckerei kommt und für uns den Tisch deckt? Sie sagt, sie will ,ein Auge auf mein Frühstück haben‘. Heute gabs selbstgemachte Leberwurststullen von ihr. Zwei Stück. Und einen Apfel.“
„Frau Kowalski ist ein Schatz. Du backst nicht mehr so viel, oder?“
„Nur noch für den Laden. Alles gut, Kind. Ich schlafe wieder durch, und ich hab mir eine neue Badematte gekauft. Eine flauschige, dunkelblaue. So eine, die Thomas immer zu kitschig fand.“
Annika lachte. Es war ein gutes Lachen.
Zehn Tage später kam Post vom Amtsgericht. Ich hatte die Scheidung eingereicht, am selben Tag, nachdem ich mit meiner Anwältin telefoniert hatte. Die war nüchtern und direkt: Das Haus steht auf meinen Namen, das Erbe ist klar dokumentiert, die Bäckerei ist eine GmbH, bei der Thomas nie Gesellschafter war. Seine Kanzlei lief gut, es gab nichts zu teilen außer dem Hausrat und den gemeinsamen Steuerschulden von vor fünf Jahren. Der Zugewinn war lächerlich.
Thomas rief an, diesmal nicht mit ruhiger Stimme.
„Ahnung, was soll das? Du reichst die Scheidung ein, ohne mit mir zu reden? Ich dachte, wir machen das wie zivilisierte Menschen!“
„Wir sind zivilisiert. Du hast deinen Anwalt. Ich hab meinen. Wir setzen uns an einen Tisch und klären den Rest. Was genau willst du?“
„Das Haus! Wir haben das zusammen …“
Ich unterbrach ihn. Ich war ganz ruhig.
„Das Haus gehört mir, Thomas. Erbschaft. Belegt. Und meine Bäckerei auch. Du hast deine Kanzlei vom gemeinsamen Ersparten aufgebaut, von dem du den Großteil auf dein Geschäftskonto geschoben hast. Soll ich das ausgleichen? Wollen wir wirklich alles ganz genau auseinandernehmen, bis ins letzte Detail?“
Stille.
„Das dachte ich mir“, sagte ich. „Du hast deine Entscheidung getroffen. C’est la vie. Jetzt lass mich in Ruhe meine treffen.“ Ich hängte auf. Und weinte nicht. Sondern ging in die Backstube und machte Sauerteig.
Ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf von einer unbekannten Leipziger Nummer. Eine junge Frau, Stimme leise und angespannt.
„Frau Berger? Sie sind die Ex-Frau von Thomas?“
„Noch nicht ganz Ex. Wer spricht?“
„Mein Name ist Elisa. Ich habe bei ,Raum des Lichts‘ als Assistenz gearbeitet und gestern gekündigt. Ich dachte, Sie sollten das wissen: Caro macht das nicht zum ersten Mal. Sie sucht sich Männer in einer bestimmten Lebensphase, meist um die fünfzig, gut situiert, Ehekrise. Ihr Mann war der dritte in zwei Jahren. Die anderen haben viel Geld in das Studio gesteckt. Einer hat sein Auto verkauft. Der andere hat seine Eigentumswohnung belastet. Bei Ihrem Mann hat sie dauernd am Telefon geredet, dass ,bald ein Haus flüssig gemacht wird‘. Ich weiß nicht, was dran ist. Aber ich dachte, Sie sollten es wissen. Damit Sie nicht auch noch …“
Mir war kalt und heiß zugleich. Ich stand in der Backstube, um mich herum Mehlsäcke und Bleche, und starrte auf die Wandfliesen.
„Danke, Elisa. Warum erzählen Sie mir das?“
„Weil der erste, der da reingeraten ist, Stefan hieß. Der hatte zwei kleine Kinder. Nachdem er alles Geld los war, hat Caro ihn ,in die Freiheit entlassen‘. Seine Frau hat ihn rausgeworfen, die Kinder leben bei den Großeltern, und er säuft. Und ich hab damals nichts gesagt. Diesmal schon. Tut mir leid, dass es so kommt. Viel Glück, Frau Berger.“
Sie legte auf.
Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab. Schaute aus dem Fenster auf den Hof, wo die Tauben auf dem Sims saßen. Dann tat ich etwas, das ich lange nicht getan hatte: Ich setzte mich hin, nahm mir einen von den misslungenen Zimtkringeln, die für den Verkauf zu hart waren, und aß ihn langsam, Krümel für Krümel. Ich dachte nach. Und spürte etwas, das ich sehr lange nicht mehr gespürt hatte: nicht Verlassenheit, sondern Handlungsfähigkeit. Es war vorbei. Nicht der Schmerz, aber das Warten.
Die Scheidung ging ruhig über die Bühne. Meine Anwältin, eine trockene, brillante Mittfünfzigerin, regelte den Versorgungsausgleich, das Trennungsjahr und den Verzicht auf Zugewinn. Thomas unterschrieb, nachdem sein eigener Anwalt ihm wohl klargemacht hatte, dass er mit seinen Forderungen gegen eine Wand laufen würde. Wir saßen in einem kahlen Besprechungszimmer, nur die Anwälte und wir, und am Ende stand er auf, knöpfte sein Jackett zu und nickte mir zu. Ich nickte zurück. Er tat mir fast leid. Aber fast leid ist nicht genug.
Im April, es war kühl und nieselig, traf ich ihn zufällig im Biomarkt in der Nähe vom Johannisplatz. Er stand an der Käsetheke, in einer abgetragenen Regenjacke, den Korb in der Hand. Er war dünner geworden, unrasiert, die Haare länger, aber nicht gepflegt. Er sah mich und zuckte fast zusammen.
„Ahnung. Hallo.“
„Hallo, Thomas. Wie gehts?“
„Ach … passt schon. Ich wohne jetzt bei Jörg, du weißt schon, mein alter Studienfreund. Auf der Couch. Caro hat … naja. Das Studio hat sie eröffnet, aber ohne mich. Ich war wohl nur das Startkapital. Hast du vielleicht mitbekommen?“
Er versuchte ein schiefes Lächeln. So, wie jemand einen Witz über seinen eigenen Beinbruch macht.
„Ja, ich habe so etwas läuten hören. Und, Job? Kanzlei?“
„Läuft so. Lässt nach. Das Gerede im Viertel … du weißt ja.“ Er stockte. „Ahnung, ich … ich würde gern mal mit dir reden. In Ruhe. Nicht hier. Vielleicht bei einem Kaffee? Wir könnten …“
Seine Hand zuckte leicht in meine Richtung, als wollte er meinen Arm berühren. Ich trat einen halben Schritt zurück, nicht unfreundlich, aber eindeutig.
„Thomas, nein. Das bringt nichts. Ich wünsche dir wirklich, dass du auf die Beine kommst. Aber ohne mich. Ich bin nicht das Notrad, das du aus dem Kofferraum holst, wenn die Reise mit dem neuen Fahrzeug doch nicht so läuft wie gedacht. Das bin ich nicht. War ich nie. Werd ich nie sein. Komm gut nach Hause, Thomas. Oder zu Jörg. Irgendwohin, wo du hingehörst. Tschüss.“ Ich schob meinen Einkaufswagen weiter, am Müsli-Regal vorbei, zur Kasse. Draußen prasselte der Regen aufs Trottoir. Ich spannte meinen alten Stockschirm auf, der am Griff etwas wackelte, und machte mich auf den Weg zur Bäckerei. Ich summte ein Lied von den Toten Hosen vor mich hin, falsch, aber laut. Und das fühlte sich richtig an.
Am Abend saß ich in der Backstube, es roch nach Hefe und warmem Dinkel. Für den nächsten Morgen wollte ich die neuen Walnuss-Honig-Schnecken vorbereiten. Ich schaltete das Radio ein – nicht den Volksmusiksender, sondern einen anderen, wo sie Indie spielten – und fing an, den Teig zu kneten. Meine Hände taten ihre Arbeit, und mir fiel auf, dass ich seit Wochen zum ersten Mal wieder Appetit hatte. Nicht auf trockenes Knäckebrot und schwarzen Kaffee, sondern auf etwas Warmes, mit Butter, mit Geschmack. Das Radio spielte ein altes Stück von Tocotronic, ich drehte es lauter, sodass es in der ganzen leeren Backstube schepperte, und knetete weiter.
