Der Opel und die kalten Füße

Mein Sohn und seine Frau saßen an meinem Küchentisch, als wäre es das Normalste von der Welt. Draußen goss es in Strömen, der Novemberwind rüttelte an den Fenstern des Altbaus in Hamburg-Harburg, und ich war gerade dabei, den Wasserkocher anzuschalten.

„Mama, wir nehmen deinen Wagen“, sagte Timo. Kein Fragezeichen. Kein „Könnten wir vielleicht“. Einfach so.

Ich drehte mich um, den Kocher noch in der Hand. Meine Schwiegertochter Lena starrte auf ihre Fingernägel, als enthielten sie die Lösung aller Weltprobleme. Timo hingegen lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah mich an wie ein Kunde, der auf eine längst überfällige Lieferung wartet.

„Meinen Corsa?“, fragte ich. Mehr fiel mir nicht ein.

Der kleine rote Opel Corsa, Baujahr 2008, stand unten im Hof. Er hatte ein paar Kratzer am Kotflügel und der Zahnriemen müsste eigentlich mal gemacht werden, aber er war meiner. Ich hatte ihn vor vier Jahren bar bezahlt, von dem Geld, das mir meine Tante Emma vererbt hatte. Zwölftausend Euro. Meine Kollegen im St. Marien-Krankenhaus hatten gelacht, als ich mit sechsundfünfzig noch den Führerschein machte. Aber ich wollte nicht mehr um halb sechs morgens an der Bushaltestelle stehen und darauf hoffen, dass die Linie 141 mal pünktlich kam.

„Unser Ford ist hinüber“, erklärte Timo. „Der TÜV hat ihn stillgelegt. Durchgerostete Bremsleitungen. Das kostet uns dreitausend, den wieder flottzumachen. Oder wir verschrotten ihn. Und jetzt steh mal da mit zwei Kindern, Leon muss zur Schule nach Wilhelmsburg, die kleine Mila in die Kita nach Heimfeld, und Lena muss um acht in der Apotheke in der Innenstadt sein. Mit Bus und Bahn ist das nicht zu schaffen.“

Ich stellte den Wasserkocher ab, ohne ihn eingeschaltet zu haben.

„Und da dachtet ihr, ihr kommt einfach vorbei und sagt Bescheid?“

Lena hob endlich den Blick. Sie sah müde aus, das musste ich ihr lassen. Zwölf-Stunden-Schichten in der Apotheke, nachts um drei aufstehen, wenn Mila zahnte. Ich kannte das. Ich hatte Timo allein großgezogen, nachdem sein Vater sich aus dem Staub gemacht hatte, als der Junge vier war. Nachtschichten in der Notaufnahme, morgens um sieben zuhause, Frühstück machen, Hausaufgaben kontrollieren, zwei Stunden schlafen, wieder hin. Jahrelang.

„Schwiegermama“, sagte Lena. „Wir sind echt am Ende. Wir leihen ihn doch nur. Bis wir was Eigenes haben. Wir zahlen das Benzin, die Versicherung, alles. Versprochen.“

Timo nickte eifrig. „Du brauchst ihn doch kaum. Zur Klinik sind es drei Kilometer. Da kannst du das Rad nehmen oder laufen. Gibt’s nicht dieses Programm von der Krankenkasse, zehntausend Schritte am Tag? Die schaffst du easy.“

Da war er wieder. Dieser Tonfall. Dieses leichte, unbekümmerte Darüber-Hinweggehen, das ich von Timo kannte, seit er ein Teenager war. Mathearbeit verhauen? „Mama, reg dich nicht auf, halbe Klasse hat ne Fünf.“ Das geliehene Geld für die Kfz-Mechaniker-Ausbildung nicht zurückgezahlt? „Kriegst du schon noch, ich bin grad knapp.“ Der Junge war kein schlechter Mensch. Er war nur daran gewöhnt, dass ich immer diejenige war, die die Lücken füllte. Die den-Notgroschen-hatte, die-ein-sprang, die-verzieh.

Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch. Meine Füße waren kalt. Ich spürte den Fliesenboden durch die Socken.

„Okay“, sagte ich. „Ihr könnt den Wagen haben.“ Timo grinste schon, griff nach seiner Jacke über der Stuhllehne. „Aber.“

Seine Hand blieb in der Luft hängen.

„Der Corsa bleibt auf meinen Namen zugelassen. Ihr seid nur die Fahrer. Und weil ihr mein Auto nehmt, übernehmt ihr ab sofort meine Fahrten. Komplett.“

„Logo“, sagte Timo. „Wohin du willst. Sag Bescheid, ich fahr dich.“

„Du wirst mich fahren“, korrigierte ich ihn. „Jeden Morgen. Meine Frühschicht beginnt um sechs. Um halb sechs steht der Wagen unten, warmgelaufen, mit abgekratzten Scheiben. Du bringst mich zur Klinik, pünktlich zum Dienstbeginn. Um vierzehn Uhr dreißig holst du mich wieder ab, es sei denn, ich habe Spätschicht, dann entsprechend später. Montag bis Freitag. Ohne Ausnahme. Jede Woche, bis ihr ein eigenes Auto habt und mir den Schlüssel zurückgebt.“

Lenas Mund öffnete sich leicht. Timo runzelte die Stirn. „Mama, halb sechs? Wir müssen die Kinder erst um halb acht wegbringen. Soll ich die etwa aus dem Bett zerren und im Schlafanzug durch die Gegend kutschieren?“

„Das“, sagte ich und sah ihm direkt in die Augen, „ist dein Problem. Du bist derjenige, der den Wagen will. Du findest eine Lösung. Lena kann die Kinder nehmen, deine Schwiegermutter Hilde wohnt doch um die Ecke, fragt sie. Organisier dich.“

Ich stand auf, holte von der Garderobe den Schlüsselbund und legte ihn vor ihn auf den Tisch. Ein kleines rosa Plüschherz hing dran, ein Geschenk von Leon zum letzten Muttertag. Der Junge hatte es auf dem Flohmarkt in Wilhelmsburg ausgesucht und war so stolz gewesen, dass ich das Ding nie abgemacht hatte.

„Es gibt noch einen zweiten Punkt“, fuhr ich fort. „Jeden Samstag. Samstag ist mein freier Tag. Da fahre ich zu meinem Schrebergarten in Fischbek. Du kommst mit. Acht Uhr früh, Abfahrt hier. Du hilfst mir drei Stunden. Unkraut jäten, Heckenschneiden, den Teich saubermachen, was eben anfällt. Egal ob es regnet oder schneit. Erscheinst du nicht, oder kommst du zu spät, war’s das mit dem Auto. Ein einziges Mal. Dann liegen die Schlüssel wieder hier, und ihr könnt sehen, wie ihr zur Apotheke und zur Schule kommt. Ist das klar?“

Timo starrte mich an. Seine Kiefermuskeln arbeiteten.

„Das ist doch Schwachsinn. Du willst mich erziehen wie einen Schuljungen. Ich bin zweiunddreißig, falls du das vergessen hast.“

„Ich habe nichts vergessen“, antwortete ich. „Das ist das Angebot. Nimm es an, oder lass es. Ihr könnt ja auch Oma Hilde fragen, ob sie euch ihr Auto leiht. Ach nein, die hat keins. Dann eben die Bank fragen, ob sie euch einen Kredit gibt für einen neuen Gebrauchten. Ach nein, die Schufa lässt grüßen, nicht wahr?“

Es war gemein, den letzten Satz zu sagen. Aber ich wusste von Lenas Kontoüberziehung und der geplatzten Finanzierung für die neue Waschmaschine. Sie hatten mir das selbst erzählt, an Weihnachten, zwischen Gans und Rotkohl, als wäre es eine Anekdote und kein Alarmzeichen.

Lena legte ihre Hand auf Timos Arm. „Schatz, bitte. Lass uns das machen. Wir haben keine Alternative.“ Timo schüttelte sie ab, nahm die Schlüssel und stopfte sie in seine Jackentasche.

„Morgen früh, halb sechs. Ich stehe unten. Aber ich find’s zum Kotzen, dass du so ein Theater draus machst. Wir sind Familie, verdammt. Da hilft man sich.“

„Eben“, sagte ich leise. „Da hilft man sich. Und zwar nicht einseitig. Nicht immer nur ich euch, ohne je etwas zurückzubekommen. Das lernst du jetzt. Gute Nacht, ihr beiden. Fahrt vorsichtig heim, der Asphalt gefriert heute Nacht.“

In der ersten Woche dachte Timo, er stirbt. Das sagte er zwar nicht, aber ich sah es ihm an. Um fünf Uhr klingelte sein Wecker drüben in der Siedlung am Eißendorfer Pferdeweg. Fünfundzwanzig Minuten später hörte ich unten im Hof das vertraute Brummen meines Corsas. Der Motor klang noch genauso satt wie eh und je.

Der erste Morgen war ein Dienstag. Es regnete Bindfäden, so einen kalten Hamburger Schmuddregen, der einem in die Knochen kriecht. Timo kam zwei Minuten vor halb sechs, die Scheiben beschlugen von innen, weil er die Lüftung falsch eingestellt hatte. Er sagte nichts, als ich einstieg, reichte mir nur wortlos den Becher Kaffee, den ich mir immer aus der Thermoskanne mitnahm. Ich hatte extra zwei Scheiben von meinem selbstgebackenen Hefezopf eingepackt und ihm kommentarlos auf den Beifahrersitz gelegt. Er aß sie, ohne ein Wort, aber er aß sie.

So ging das die ganze erste Woche. Stumm. Verbissen. Jeden Morgen. Freitagabend dachte ich, er würde anrufen und sich krankmelden für Samstag. Aber um fünf vor acht bog der Corsa um die Ecke, und auf dem Beifahrersitz saß Lena. Sie hatte sich offenbar entschieden, ihn zu begleiten, aus Solidarität oder um eine Eskalation zu verhindern. Beide trugen Matschhosen und Gummistiefel, die Lena sich von ihrer Schwester geliehen hatte.

Der Schrebergarten lag im ersten Frostnebel, als wir ankamen. Mein kleines Holzhaus, das eher eine bessere Hütte war, hatte im Sturm der letzten Woche ein paar Dachpfannen verloren. Das Laub vom großen Ahornbaum lag knöcheltief auf den Beeten und verstopfte die Regenrinne. Wir verbrachten drei Stunden mit Harken, Schaufeln und Fluchen. Timo schlug sich mit dem Hammer auf den Daumen, Lena riss sich die Regenjacke am Stacheldrahtzaun auf, und ich stand auf der Leiter und angelte verstopftes Laub aus der Dachrinne, während kalte Tropfen in meinen Kragen liefen. Punkt elf Uhr sagte ich: „Feierabend. Gut gemacht, ihr beide. Im Geräteschuppen steht noch ein Korb Äpfel von dem alten Baum, nehmt ihn mit, die Kleine kann Apfelmus kriegen. Und morgen schlaft ihr aus. Montag früh wieder halb sechs, Timo, vergiss nicht zu tanken, die Reserve leuchtet schon.“

Lena sah mich an, und zum ersten Mal, seit sie vor vier Jahren in unsere Familie eingeheiratet hatte, war da so etwas wie Respekt in ihrem Blick. Nicht Unterwürfigkeit. Eher eine Art vorsichtige Anerkennung.

Drei Wochen hielt Timo durch. Es waren bitterkalte Wochen, der Dezember zog herauf, und morgens um fünf war die Welt ein schwarzes, eisiges Loch. Er stand jeden Morgen da, brummte zwar, aber er stand da. Ich merkte, wie er langsam anders fuhr. Vorsichtiger. Er fluchte nicht mehr über jeden Bremsschweller, nahm die Kurven sanfter, fuhr nicht mehr mit quietschenden Reifen über den Krankenhausparkplatz. Einmal, an einem Donnerstag, hatte er sogar den Wagen durch die Waschanlage geschickt. Der Corsa glänzte in der Wintersonne, als wäre er neu.

Und dann kam der fünfzehnte Dezember.

Ich stand um halb sechs vor der Tür. Der Parkplatz war leer. Vom Corsa keine Spur. Der Wind pfiff eisig um die Hauswand, und am Himmel hingen dicke, schwere Schneewolken bereit, sich jeden Moment zu entladen. Ich wartete fünf Minuten. Kein Timo. Keine Durchsage, keine SMS. Ich rief an. Nach achtmal Klingeln meldete er sich, mit einer Stimme, die noch voller Schlaf war.

„Ja…?“

„Timo. Es ist zwanzig vor sechs. Wo bist du?“

Stille. Dann ein Geräusch wie ein hastig zurückgeschobener Bettbezug. „Scheiße. Mama, es tut mir leid, ich hab total verpennt. Leon hat die ganze Nacht gehustet, ich war dreimal mit ihm wach, und dann muss mein Handy ausgegangen sein, der Wecker… ich komm sofort!“

„Nein, komm nicht sofort. Ich muss in zwanzig Minuten auf Station sein. Ich nehme jetzt ein Taxi, das kostet mich neunzehn Euro, weil ich nicht mit dem Bus fahren kann, ohne zu spät zu kommen. Und du bringst mir heute Abend die Schlüssel zurück. Das war’s, Timo. Du hattest deine Chance. Ihr habt das Auto lange genug gehabt, jetzt ist Schluss. Ich schreibe es nicht auf Lena, ich nehme es einfach wieder.“

„Mama! Nein! Komm schon, ein Mal! Sei doch nicht so! Lena muss morgen früh um sieben Medikamente an die Altenheime ausliefern, die Lieferung ist Pflicht, da geht es um Patienten!“

„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du dein Handy nicht geladen hast.“ Ich legte auf.

Den ganzen Tag über hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Nicht, weil ich meine Entscheidung bereute. Sondern weil ich wusste, wie es sich anfühlte, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber das hier musste sein.

Am Abend klingelte es an meiner Tür. Draußen stand Timo, allein, die Schlüssel in der Hand. Das Plüschherz war ein bisschen schmutzig geworden. Er sah aus wie ein begossener Pudel.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

Ich nahm die Schlüssel. „Ich weiß. Komm rein, ich habe Eintopf gemacht. Linseneintopf mit Würstchen, dein Lieblingseintopf von früher, weißt du noch?“

Er zögerte, kam dann aber herein. Wir aßen schweigend. Der Eintopf dampfte, draußen begann es endlich zu schneien, leise und dick flockig. Nach dem zweiten Teller lehnte er sich zurück und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

„Ich hab dich nie gefragt, Mama. Ich meine, früher. Als ich klein war. Wie hast du das eigentlich gemacht? Jeden Morgen um halb sechs zur Klinik, als du noch keinen Führerschein hattest und kein Auto? Im Winter? Mit einem kleinen Kind?“

Ich wischte mir den Mund mit der Serviette ab. „Ich bin um vier Uhr aufgestanden. Um Viertel nach vier habe ich dich geweckt, dich in den Schneeanzug gepackt und zu Tante Gertrud rübergebracht, die zwei Straßen weiter wohnte. Sie hat dich dann später in den Kindergarten geschickt. Ich bin zur Bushaltestelle gelaufen, zwanzig Minuten durch den Matsch, und dann stand ich da, bei Windstärke acht, und hab gehofft, dass der Bus kommt. Manchmal kam er nicht, dann bin ich zu Fuß weiter. Einmal, bei Glatteis, bin ich kurz vor der Klinik gestürzt und hab mir das Handgelenk geprellt. Ich hab trotzdem meine Schicht gemacht, weil wir eh unterbesetzt waren. Das hab ich fünfzehn Jahre so gemacht, Timo. Fünfzehn Jahre. Bis ich das Geld für den Corsa hatte. Und dann, als ich ihn endlich hatte, kamst du und sagtest: Wir nehmen ihn jetzt, du kannst ja laufen.“

Er starrte auf seine leere Suppenschüssel, als stünde darin die Antwort auf eine Frage, die er nie gestellt hatte.

„Ich hab einfach nicht nachgedacht“, sagte er schließlich. „Ich war so in unserem eigenen Stress, dass ich deinen gar nicht gesehen hab. Das mit dem Wagen, das war falsch. Wir haben keinen Anspruch darauf. Wir müssen selber klarkommen. Lena und ich haben heute Nachmittag geredet. Ihr Bruder hat noch einen alten Polo in der Garage stehen, der gehört seiner Firma, aber den können wir vielleicht für ein halbes Jahr übernehmen, bis wir was Eigenes zusammenkratzen. Das kriegen wir hin. Irgendwie. Wie du früher auch alles hingekriegt hast. Dein Auto kriegst du zurück. Für immer. Ich werde dich nie wieder um so was bitten. Ehrenwort.“

Ich stand auf, ging zu dem Wandschrank im Flur und holte den Schlüsselbund wieder heraus. Ich legte ihn vor ihn hin, auf das Wachstischtuch mit den kleinen Rosen, das noch von meiner Mutter stammte.

„Behalt ihn“, sagte ich.

Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Kommt nicht in Frage. Ich hab versagt, ich hab’s verbockt. Ich nehm ihn nicht. Du brauchst ihn doch selber, und ich steh das doch eh nicht durch mit dem frühen Aufstehen…“

„Musst du auch nicht mehr. Ich habe eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Schwester Karin aus der Anästhesie wohnt drei Straßen weiter, sie hat seit Neuestem einen Hybrid, ganz stolz ist sie. Sie nimmt mich ab Januar mit, wir teilen uns die Spritkosten. Ist sowieso besser, man unterhält sich morgens, dann ist man schon wach, wenn man ankommt. Ihr braucht den Wagen dringender. Leon hustet, der Winter fängt erst an. Wie willst du mit einem hustenden Kind um sieben Uhr morgens an der Bushaltestelle stehen?“

Er wollte protestieren, aber ich hob die Hand. „Aber, Timo. Es gibt eine neue Bedingung. Eine andere als vorher. Nur eine einzige.“ Er sah mich abwartend an. „Du kommst jeden zweiten Samstag mit mir in den Schrebergarten. Ohne Zwang. Ohne Strafe, wenn du mal nicht kannst. Sondern einfach, weil es schön ist, gemeinsam im Dreck zu wühlen und abends eine Bratwurst vom kleinen Grill zu essen. Und weil ich mir wünsche, dass deine Kinder später meinen Garten kennen. Dass sie wissen, wie Möhren aus der Erde kommen, und dass sie Äpfel nicht aus dem Supermarktregal pflücken. Das ist meine Bedingung. Bring sie mit. Im Frühling, wenn die ersten Himbeeren reif sind, will ich sie mit Mila und Leon zusammen pflücken. Versprichst du mir das?“

Timo nahm die Schlüssel. Ganz langsam, fast feierlich. Er drückte das kleine schmutzige Plüschherz, und zum ersten Mal seit Monaten sah er mich an, ohne diesen abwehrenden, trotzigen Blick, den ich von ihm kannte, seit er in die Pubertät gekommen war.

„Versprochen, Mama.“ Er schluckte. „Und der Zaun an der Ostseite müsste eigentlich noch gestrichen werden. Das Holz ist schon ganz grau. Ich kümmer mich drum, sobald der erste warme Tag kommt. Ohne dass du was sagen musst. Ich hab das gesehen, neulich. Ich hab’s gesehen.“

Eine Woche später, es war der dreiundzwanzigste Dezember, stand der rote Corsa unten im Hof. Timo hatte ihn gewaschen, die kleinen Kratzer am Kotflügel mit Lackstift ausgebessert, und auf dem Rücksitz standen zwei Kindersitze, einer mit Prinzessinnen-Motiv, einer mit Dinos. Er fuhr jetzt jeden Morgen seine Familie, und ich saß daneben, wenn ich mitfuhr zu den Kindern, und wir hörten zusammen NDR2, und Timo sang falsch mit und fluchte über die Elbbrücken, und der Kaffee in meiner Thermoskanne war immer noch heiß.

An Heiligabend klingelte es um zehn Uhr morgens bei mir. Vor der Tür standen Timo, Lena und die Kinder, alle in dicken Jacken, Mila mit karierter Pudelmütze, Leon mit seinem neuen Fußball unter dem Arm. „Wir kommen dich abholen“, sagte Lena. „Wir fahren in den Wildpark Schwarze Berge, die haben eine Weihnachtsfütterung bei den Wölfen. Und danach gibt’s bei uns zuhause Gans. Timo kocht. Na ja, er versucht es zumindest. Ich hab vorsichtshalber einen Notfall-Auflauf im Kühlschrank. Aber wir dachten, du fährst mit uns. Zusammen. Im Corsa. Es ist schließlich Weihnachten. Und der Wagen gehört ja dir, da kannst du schlecht zuhause rumsitzen, während er auf dem Parkplatz steht und sich langweilt.“

Ich lachte. Mitten im Flur, in meinen dicken Wollsocken, mit Tränen in den Augen, aber das konnte auch der kalte Wind sein, der ins Treppenhaus zog. Ich zog meine Stiefel an, griff nach der Wollmütze und dem Schal und stieg zu meiner Familie in mein Auto.

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Odissea
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