Der Mann, der nie wieder einen Hund wollte

Die alte Wassermühle am Ortsrand von Bad Orb sah aus, als würde sie beim nächsten Sturm einfach umfallen. Genau das gefiel Thomas am meisten daran. Endlich ein Projekt, bei dem man nicht jeden Kratzer im Parkett fürchten musste.

Seine Frau Claudia stand mit verschränkten Armen vor dem moosbewachsenen Mühlrad und seufzte.

„Das wird ein Fass ohne Boden. Hast du den Dachstuhl gesehen?“

„Deshalb sind wir ja hier“, grinste Thomas und legte ihr den Arm um die Schulter. „Drei Monate Sommer. Dann ist das hier ein Schmuckstück. Oder zumindest wasserdicht.“

Die zwölfjährige Lina war schon aus dem alten Volvo gesprungen und rannte den verwilderten Weg am Mühlbach entlang. Ihre Stimme hallte zwischen den Bäumen.

„Mama! Papa! Kommt schnell!“

Thomas wechselte einen alarmierten Blick mit Claudia, dann liefen sie los.

Hinter der Mühle, wo der Bach eine kleine Biegung machte und Brombeersträucher alles überwucherten, kniete Lina im nassen Gras. Vor ihr, halb unter einem umgestürzten Jägerzaun versteckt, drückte sich ein schmutziger, zitternder Welpe ins Gebüsch. Ein schwarz-weiß geflecktes Knäuel mit viel zu großen Pfoten.

„Der ist ganz allein“, flüsterte Lina. „Der erfriert doch hier nachts noch.“

Thomas‘ Kiefermuskeln spannten sich an. Er kannte diesen Blick seiner Tochter. Diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, der ihn jedes Mal traf wie ein gezielter Schlag in die Magengrube.

„Der gehört bestimmt jemandem“, sagte er ruhig. „Wir können nicht einfach fremde Hunde einsammeln, Lina. Das ist kein herrenloses Fundstück.“

„Aber er hat kein Halsband! Und er ist so dünn!“

Der Welpe hob den Kopf. Seine Augen waren dunkel und feucht, und er wedelte einmal zaghaft mit der Schwanzspitze, als hätte er selbst schon vergessen, wie das geht.

„Wir bringen ihn ins Tierheim“, entschied Claudia und zog Lina sanft hoch. „Da kümmern sie sich um ihn. Komm jetzt, wir müssen den Wagen ausladen, bevor es dunkel wird.“

Lina warf einen letzten Blick über die Schulter, als sie zurück zur Mühle gingen. Der Welpe blieb sitzen und sah ihnen nach. Bewegte sich nicht. Bellte nicht. Starrte einfach nur.

„Er denkt, wir kommen wieder“, murmelte sie.

Thomas sagte nichts.

Die ersten Tage in der Mühle waren ein einziges Chaos aus Sägespänen, Farbtöpfen und provisorischen Mahlzeiten auf umgedrehten Umzugskisten. Thomas schlief kaum. Tagsüber riss er morsche Fensterrahmen heraus und flickte Löcher im Schindeldach, nachts saß er auf der halb eingestürzten Veranda und starrte in die Dunkelheit Richtung Bach.

Am dritten Morgen fand er Lina um halb sechs in der Küche. Sie schmierte Leberwurst auf eine Scheibe Graubrot und hatte die Taschen ihrer Regenjacke mit Hundekeksen vollgestopft.

„Schleich dich nicht an mir vorbei“, sagte er leise.

Lina zuckte zusammen. Dann drehte sie sich um, das Kinn trotzig vorgereckt.

„Ich geh nur nachgucken. Nur einmal. Bitte, Papa. Wenn er noch da ist, können wir ihn doch nicht einfach verhungern lassen.“

Thomas nahm ihr das Brot aus der Hand. Er betrachtete die dick aufgetragene Leberwurst, die halb über die Kruste quoll, und etwas in seiner Brust zog sich qualvoll zusammen. Ein altes, vertrautes Stechen, das er seit fast dreißig Jahren mit sich herumschleppte.

„Ich geh mit“, sagte er.

Der Welpe lag noch genau dort. Als hätte er sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt. Das Brot verschlang er in drei hastigen Bissen, dann leckte er Thomas‘ Finger ab, und dabei zitterte er so sehr, dass seine Zähne aufeinanderschlugen.

„Benno hätte das auch so gemacht“, sagte Thomas tonlos.

„Wer ist Benno?“

Thomas antwortete nicht sofort. Er kraulte den Welpen hinter den speckigen Ohren und spürte, wie der kleine Körper sich langsam entspannte.

„Mein Hund. Als ich so alt war wie du. Ein Rottweiler-Mischling, den niemand haben wollte. Meine Eltern waren strikt dagegen, aber ich hab ihn trotzdem heimlich gefüttert. Drei Wochen lang, bis sie es gemerkt haben.“

„Und dann haben sie ihn behalten?“

„Fünfzehn Jahre lang. Benno ist an einem Dienstag gestorben, kurz vor meinem Abitur. Ich hab danach eine ganze Woche nicht gesprochen. Und ich hab mir geschworen, dass ich mir nie wieder einen Hund anschaffe. Weil dieser Schmerz, wenn sie gehen… den will ich nicht noch einmal.“

Lina schwieg. Sie wusste nichts zu sagen, also legte sie einfach ihre Hand auf seinen Arm, und so saßen sie eine Weile da, während der Welpe zwischen ihnen einschlief.

Die nächsten Wochen wurden zu einem stillen, unausgesprochenen Pakt. Jeden Morgen, bevor Claudia aufwachte, schlichen Lina und Thomas zum Bach. Sie brachten Futter mit, eine alte Wolldecke, einen Napf mit Wasser. Der Welpe – Lina nannte ihn „Lucky“ – wartete jedes Mal an der gleichen Stelle.

„Wir könnten ihn im alten Geräteschuppen unterbringen“, schlug Lina eines Abends vor. Ihre Stimme klang beiläufig, aber ihre Finger waren so fest um die Gabel gekrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Nur nachts. Damit er nicht im Regen schlafen muss. Und morgens bring ich ihn dann wieder raus, bevor Mama wach wird. Sie merkt gar nichts, ich schwör‘s.“

Thomas sagte nein. Am nächsten Abend sagte Lina es wieder. Und am übernächsten.

Am Ende war es Claudia, die das Schweigen brach.

„Ich weiß, dass ihr beide mich für die Böse haltet“, sagte sie beim Abendessen und legte ihr Messer beiseite. „Ich riech den Hund doch an euren Klamotten, sobald ihr zur Tür reinkommt. Also können wir bitte aufhören mit dem Theater? Entweder wir holen ihn jetzt richtig her, oder wir fahren morgen ins Tierheim und geben eine Vermisstenmeldung auf. Aber dieses halbe Ding dazwischen – das macht mich wahnsinnig.“

Thomas starrte auf seinen Teller. Die Erbsen verschwammen zu grünen Klecksen.

„Ich kann das nicht“, sagte er heiser. „Ich kann das einfach nicht nochmal durchmachen, Claudi. Nicht noch ein Mal. Benno hat mir damals das Herz rausgerissen, und das ist bis heute nicht verheilt. Wenn ich Lucky auch wieder verliere…“

Claudia stand auf, ging um den Tisch herum und nahm sein Gesicht in beide Hände. Ganz sanft, als wäre er aus Glas.

„Du wirst ihn verlieren. Irgendwann. So wie du uns alle irgendwann verlieren wirst, und wir dich. Das ist der Deal, Schatz. Dafür hast du jetzt. Dafür hast du den Geruch von nassem Hundefell am Morgen und den sabbernden Kuss mitten ins Gesicht und die Fußstapfen auf dem frisch gewischten Boden. Dafür hast du jetzt. Hier. Heute. Willst du das wirklich wegwerfen, bloß weil du Angst vor irgendwann hast?“

Thomas schloss die Augen.

An diesem Abend holten sie Lucky in die Mühle. Er war so schmutzig, dass das Badewasser nach dem ersten Waschgang die Farbe von Kaffee hatte, und so erschöpft, dass er mitten im Abtrocknen einschlief. Lina wickelte ihn in ihr altes Flanellhemd und bettete ihn auf eine zusammengerollte Decke neben ihrem Feldbett.

Um drei Uhr nachts wachte Thomas auf.

Der Platz neben ihm war leer.

Er tastete sich durch die dunkle Mühle, vorbei an halbfertigen Wänden und gestapelten Brettern, bis er den Geruch von frischem Kaffee roch. Claudia saß auf der Veranda und hatte Lucky auf den Schoß genommen. Der Welpe war in eine karierte Tischdecke gewickelt, nur die schwarze Schnauze lugte hervor.

„Setz dich“, sagte sie leise.

Er setzte sich.

„Ich hab eine neue Stelle angeboten bekommen“, fuhr sie fort und kraulte Lucky unter dem Kinn. Der Welpe seufzte im Schlaf, ein tiefes, zufriedenes Keuchen, das klang, als wäre alle Last der Welt von ihm abgefallen. „In Aschaffenburg. Leitung der Ambulanz. Mehr Geld, aber auch mehr Schichten. Ich wollte es dir eigentlich morgen früh sagen, aber ich konnte nicht schlafen, und dann hat der Kleine hier gequietscht, und jetzt sitze ich da und denke: Vielleicht ist der richtige Zeitpunkt einfach eine Illusion. Vielleicht gibt es den nie. Vielleicht muss man einfach springen und schauen, ob man landet oder fliegt.“

Thomas nahm ihre Hand. Lina trat aus der Tür, barfuß und im Pyjama, und quetschte sich wortlos zwischen ihre Eltern auf die viel zu schmale Bank. Sie lehnte den Kopf an Thomas' Schulter.

„Fliegen“, sagte sie. „Wir fliegen. Ich hab's im Traum gesehen. Lucky hat richtige Flügel gekriegt, so große weiße, und wir sind zusammen übers Mühldach geflogen und haben den ganzen Spessart von oben gesehen. Es war so schön, Papa. So schön.“

In diesem Moment hob Lucky den Kopf. Er sah Thomas direkt an mit seinen dunklen, fragenden Augen, und dann leckte er ihm einmal quer über die Wange. Von unten nach oben, mit der ganzen feuchten Breite seiner Zunge.

Claudia lachte zuerst. Dann Lina. Und dann lachte Thomas, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen und Lucky verwirrt mit dem Schwanz wedelte und die erste Morgendämmerung das Mühlrad in goldenes Licht tauchte.

Am nächsten Tag fuhren sie nach Aschaffenburg zum Tierarzt, ließen Lucky durchchecken, chippen und impfen. Am übernächsten kaufte Thomas eine Hundebox für den Volvo und ein quietschgelbes Halsband mit eingraviertem Namen.

Der Umzug in die neue Wohnung mit kleinem Garten verzögerte sich um drei Wochen, weil der Vermieter erst mit dem Hund einverstanden sein musste und dann noch eine schriftliche Genehmigung vom Nachbarn brauchte, der wiederum im Urlaub auf Sylt war. Aber das machte nichts.

Als der Möbelwagen endlich vorfuhr und Lina den völlig aufgeregten Lucky an der Leine durch den Vorgarten führte, stand Thomas an der Terrassentür und sah ihnen zu. Claudia trat hinter ihn und schlang die Arme um seine Taille.

„Was denkst du?“

Er drehte sich um und lächelte. Sein Gesicht war entspannt, die Falten um die Augen weniger tief als noch vor ein paar Monaten.

„Ich denke, dass ein Hund nicht reicht. Die arme Lina ist ein Einzelkind. Sie braucht einen Gefährten zum Spielen. Einen echten Bruder oder so. Und ich hab gestern im Tierheim in Goldbach einen jungen Labrador gesehen. Bruno. Der saß da, genau wie Lucky damals, und hat bloß gestarrt. Ich glaub, der wartet auf uns.“

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Odissea
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