Jeden Morgen um kurz nach sechs schwingt sich Corinna auf ihr Trekkingrad. Dieselbe Runde, derselbe Rhythmus. Am Bäcker in der Lindenstraße vorbei, durch die Unterführung, links in den kleinen Park mit dem verwilderten Rosengarten, dann den Hügel hoch und über die Kopfsteinpflaster-Gasse zurück. Sie hätte die Strecke mit geschlossenen Augen fahren können und wusste trotzdem, vor welchem Laternenpfahl der Asphalt eine Wurzelwelle schlägt.
An diesem Mittwochmorgen, es war noch dunstig und die Straßenlaternen brannten, passierte etwas Seltsames. Ihre Hand drückte die Bremse. Nicht weil ein Auto kam, nicht wegen eines Tieres. Corinna stand einfach da, am Abzweig zur kleinen Brücke, die sie sonst nie nahm. Sie starrte auf den schmalen Weg, der hinter einem verrosteten Bauzaun zu einem alten Betriebsgelände führte, und spürte ein flaues Ziehen im Bauch. ‚Blödsinn‘, dachte sie. ‚Da hinten ist doch nichts.‘ Trotzdem lenkte sie den Lenker herum und fuhr los.
Der Weg wurde schnell zur Schotterpiste. Die Stadt rückte in den Hintergrund, stattdessen roch es nach nassem Laub, altem Öl und irgendwas Süßlichem. Nach etwa zweihundert Metern, direkt hinter einem umgekippten Baucontainer, sah sie die Bewegung.
Unter einer abgewrackten Laderampe, fast unsichtbar im Gestrüpp, lag ein Hund. Eine Mischlingshündin, sandfarben, mit verfilztem Fell und so dünn, dass man jede Rippe unter dem dreckigen Fell zählen konnte. Sie lag flach auf der Seite und atmete kaum hörbar. Corinna stellte das Rad ab, ging langsam in die Hocke und hielt den Atem an.
Erst da erkannte sie das ganze Bild.
An den Bauch der Hündin geschmiegt lagen zwei Welpen. Winzig, mit blinden Knopfaugen und zitternden Pfoten. Einer hatte den Kopf im Nackenfell der Mutter vergraben, der andere versuchte ungeschickt zu saugen. Soweit nichts Ungewöhnliches. Aber was Corinna die Gänsehaut über beide Arme trieb, waren die drei Fellknäuel, die sich dazwischengedrängt hatten. Es waren keine Hundewelpen. Drei rotgetigerte Katzenbabys, vielleicht drei oder vier Wochen alt, kuschelten sich in die Wärme, als hätten sie nie woanders hingehört. Eines lag direkt unter der Schnauze der Hündin und schlief. Ein anderes hatte sich halb auf einen der Welpen gelegt.
Die Hündin öffnete die Augen und sah Corinna direkt an. Kein Knurren, kein Zähnefletschen. Sie blinzelte nur träge, als müsste sie unendlich viel Kraft sparen, und leckte einmal kurz über das Köpfchen des Katzenbabys vor ihrem Maul. Dann schloss sie die Augen wieder.
Corinna spürte, wie ihr Tränen in die Radlerbrille stiegen. Die Hündin hatte selbst kaum genug Milch, kaum Fettreserven, keine Sicherheit. Und trotzdem hatte sie diese drei winzigen Fremdlinge nicht weggeschoben. Hatte sie nicht im Stich gelassen, als sie zitternd und mutterlos im Gestrüpp lagen. Hatte sie einfach zu sich geholt und ihr gegeben, was sie noch hatte: Wärme.
Sie fummelte ihr Handy aus der Trikottasche und rief Jan an. Es klingelte viermal, bis er verschlafen ranging. „Corinna? Ist was passiert?“
„Ich brauch den Transporter. Und die alte Hundebox aus dem Keller. Und den Katzenkorb. Sofort.“ Ihre Stimme klang belegt, brüchig.
„Was ist los? Bist du gestürzt?“
„Jan, bitte. Schick mir den Standort, ich schick dir meinen. Hier ist eine Mutter mit fünf Babys. Aber nicht alle sind ihre eigenen. Zwei Hunde, drei Katzen. Ich erklär‘s dir unterwegs. Beeil dich.“
Eine halbe Stunde später hörte sie den Diesel des alten VW-Busses. Jan stieg aus, sah die Szene unter der Rampe, atmete scharf ein und sagte nur: „Mein Gott.“ Sie legten die Hündin vorsichtig auf eine Decke. Die Welpen und die Kätzchen in die Box, alle zusammen, eng beieinander. Die Hündin hob nicht einmal protestierend den Kopf. Sie schien zu verstehen oder war einfach zu erschöpft.
In der Tierklinik am Stadtrand, bei Doktor Freitag, dauerte die Untersuchung fast zwei Stunden. Die Hündin, die sie in Gedanken schon „Maya“ nannten, hatte eine leichte Gebärmutterentzündung und starken Milchmangel. Eines der Kätzchen war dehydriert, die Welpen unterernährt, aber ohne innere Verletzungen. Das gesamte kleine Rudel war voller Flöhe und Würmer. Maya selbst hatte eine alte Verletzung an der Hinterpfote, die schlecht verheilt war.
„Sie hat die Kleinen nicht nur gewärmt“, sagte Doktor Freitag, während er dem dicken Katerbaby eine Zuckerlösung in die Wangentasche träufelte. „Sie hat sie aktiv gesäubert. Wir haben Speichelspuren am Fell der Katzen gefunden. Sie hat sie adoptiert, nicht nur geduldet. So etwas sieht man nicht alle Tage. Die hat mehr Herz als so mancher Mensch, der bei uns ein Tier aussetzt.“
Corinna und Jan fuhren die ganze Bande mit nach Hause, in ihr kleines Reihenhaus mit dem wilden Garten in Köln-Ehrenfeld. Im Wohnzimmer, auf einer alten Wolldecke neben der Heizung, richteten sie ein provisorisches Nest ein. Maya ließ sich sofort nieder, und binnen Sekunden waren alle fünf Kleinen wieder an ihr dran, ein wimmelnder, fiepsender Haufen aus Fell und kleinen Schwänzen.
Die nächsten Tage verschwammen zu einem einzigen Rhythmus aus Pipetten, Fläschchen und Wärmflaschen. Maya fraß endlich wieder, erst Hühnerbrühe mit Reis, dann hochkalorisches Aufbaufutter. Jan, ein riesiger Kerl mit Bart und tätowierten Armen, saß nachts um drei mit einem der Kätzchen im Bademantel auf dem Sofa und flößte ihm Aufzuchtsmilch ein, weil Maya selbst zu schwach war, um alle zu sättigen. „Nummer vier hat zwanzig Milliliter geschafft“, flüsterte er Corinna zu. Sie stand im Türrahmen und musste lächeln.
Am fünften Morgen wachte Corinna auf, weil etwas anders war. Ein Geräusch fehlte. Das leise, ständige Quengeln der Welpen. Sie sprang auf und rannte ins Wohnzimmer. Maya lag in der Sonne, die ein Fensterquadrat auf die Decke warf. Beide Welpen schliefen satt an ihrem Bauch. Die drei Kätzchen hatte sie in die Armbeuge gekuschelt, ihre Schnauze ruhte auf dem rotgetigerten Rücken des kleinsten. Alle schliefen tief und ruhig. Zum ersten Mal, seit Corinna sie gefunden hatte, ohne Zittern.
Am Ende der zweiten Woche standen die Dinge besser. Maya nahm zu, die Welpen öffneten die Augen, die Kätzchen versuchten unbeholfen, auf Jan's Teppich zu lauern.
Doktor Freitag half ihnen, ein Netzwerk zu aktivieren. Eine befreundete Tierschutzorganisation in Bonn postete die Geschichte. „Mutterliebe kennt keine Grenzen: Hündin zieht fünf Babys auf – darunter drei Katzen und zwei eigene Welpen.“ Binnen Stunden kamen Dutzende Anfragen. Sie mussten die Leute fast abwimmeln.
Eine junge Familie aus Siegburg, deren alte Katze vor einem halben Jahr gestorben war, nahm die beiden Katerbabys zusammen. Sie wären nie auf die Idee gekommen, zwei statt einem zu nehmen, aber die Frau sagte am Telefon: „Die gehören doch zusammen. Die können wir nicht trennen.“ Das dritte Kätzchen, das kleinste rotgetigerte, blieb bei den Welpen, bis auch für die Hunde zwei Plätze gefunden waren – ein älteres Ehepaar mit riesigem Garten in der Eifel, das sich schon lange einen Hund wünschte und nun nicht widerstehen konnte, gleich zwei zu nehmen.
Blieb Maya.
Am Tag, als die letzte Vermittlung über die Bühne ging und Jan die beiden Welpen zum Auto trug, stand Corinna im Wohnzimmer und sah auf die leere Decke. Maya kam zu ihr, legte den Kopf schwer auf ihren Fuß und seufzte. Kein Winseln, keine Unruhe. Nur ein tiefer, zittriger Atemzug.
„Ja, du“, murmelte Corinna und ging in die Knie. Maya leckte ihr über die Hand. Einmal, zweimal. Jan kam zurück, blieb im Türrahmen stehen und sah die beiden an. Er sagte nichts, nickte nur.
Corinna drückte ihr Gesicht in Mayas sandfarbenes Fell, das endlich wieder weich und sauber war. „Du bleibst.“
An diesem Mittwochmorgen war sie einfach nur Rad gefahren. Und hatte einen Abzweig genommen, den es für sie vorher nicht gab. Die Tierärztin hatte noch gesagt, die Chance, die fünf in diesem Zustand lebend zu finden, hätten bei ein paar Stunden gelegen. Länger hätten sie es nicht mehr geschafft.
Maya hob den Kopf und wedelte einmal kurz mit der Schwanzspitze auf dem Dielenboden. Dann trottete sie zu ihrem neuen, richtigen Korb am Kamin, drehte sich einmal im Kreis und schlief ein.
