Lukas war zwölf, als sein Vater im Februar in der eiskalten Saale ertrank. Er hatte versucht, einen Jungen zu retten, der beim Schlittschuhlaufen eingebrochen war. Den Jungen zog er ans Ufer, sich selbst nicht mehr. Die Mutter, Johanna, zerbrach fast daran. Sie war Krankenschwester im Kreiskrankenhaus Rudolstadt, kannte den Tod — aber dieser Tod machte aus ihrer Stimme eine dünne, spröde Glasplatte, die jeden Moment zerspringen konnte. Zwei Wochen lag sie im abgedunkelten Schlafzimmer, das silberne Tablett mit der unberührten Suppe vor der Tür. Nachbarn brachten Aufläufe. Die Hecke vor dem Fachwerkhaus wuchs. Dann, an einem Freitag, stand sie in der Küche und kochte Kesselgulasch. Kein Wort über den Fluss, kein Wort über den Vater. Sie schob Lukas den Teller hin und sagte: „Isst du jetzt. Wird kalt.“ So begann ihr Leben zu zweit.
Das Haus in der Saalgasse war ein Erbe der Familie, ein dreistöckiger Fachwerkbau mit einem wilden Garten dahinter, der steil zum Ufer abfiel. Überall wucherten Johannisbeeren und Stachelbeeren, die Terrasse aus Waschbetonplatten hatte der Vater noch selbst verlegt. Johanna stürzte sich in die Arbeit — nach der Spätschicht im OP jätete sie mit der Stirnlampe Unkraut, bis die Nachbarn sie für verrückt erklärten. „Die Trauerarbeit“, murmelte die alte Frau Schönfeld von nebenan und zog den Rollladen herunter.
Lukas hasste diesen Garten. Jeden Samstag stand er mit der Hacke zwischen den Kartoffelreihen, während seine Klassenkameraden aus Jena zum Fußballtraining in den Bus stiegen. Im Herbst rochen seine Hände tagelang nach Lauch. „Wozu das alles?“, schrie er mit fünfzehn im Küchenstreit. „Im Lidl kostet der Kilo Möhren neunundsiebzig Cent!“ Johanna schälte, ohne aufzublicken. „Das ist nicht dasselbe. Das hier ist unserer. Das schmeckt anders.“ „Du machst dich noch kaputt“, murmelte Lukas. Sie legte das Messer hin. „Dein Vater hat den Komposthaufen sieben Jahre umgesetzt, bis die Erde so fein war wie Pulver. Soll das jetzt alles zubetonniert werden? Damit du dir eine Eigentumswohnung in der Erfurter Platte kaufen kannst?“ Er knallte die Tür. Draußen scharrten die Hühner. Er hätte sie am liebsten dem Nachbarshund geschenkt.
So stritten sie jahrelang. Lukas machte Fachabi, dann eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Zeiss in Jena. Er sparte. Jeder Euro, den er auf die Seite legte, war ein Ziegelstein für seine Flucht. Mit dreiundzwanzig zog er nach Berlin-Marzahn, WG, Balkon zur Hauptstraße, kein einziger Grashalm weit und breit. Er liebte es. Am Kotti Döner um drei Uhr nachts, an den Wochenenden Drachenbootrennen auf dem Wannsee. Der Garten der Mutter verblasste zur Erinnerung an etwas Klebriges, Mückenschwangeres, das er hinter sich gelassen hatte. Er rief jeden Sonntag an. „Und der Spargel?“, fragte er aus Pflichtgefühl. „Vierundzwanzig Kilo dieses Jahr“, sagte Johanna. Er hörte die Müdigkeit hinter dem Stolz.
Nach sieben Jahren stand er plötzlich vor ihrer Tür, mit einer Reisetasche und einer Flasche Trollinger. Er hatte die Befristung im Werk nicht verlängert bekommen und wollte nur den Sommer über bleiben, bis ein neuer Job in Sicht war. Da sah er zum ersten Mal, wie dünn seine Mutter geworden war. Sie humpelte leicht beim Umsetzen der Tomaten. Ihr Gesicht war grau, die Adern an den Händen traten wie blaue Schnüre hervor. Das Herz, sagte sie beiläufig, sei schon im Winter zweimal aus dem Takt gesprungen. „Macht nichts, die Kardiologin sagt, mit den neuen Tabletten…“
In diesem Sommer lernte Lukas Anke kennen, eine Agraringenieurin aus Saalfeld, die auf dem Biohof flussabwärts arbeitete. Sie kam eines Abends vorbei, um überschüssige Setzlinge zu tauschen. Anke hatte Sand in den Haaren, Erde unter den Nägeln und fand das alte Gemüsebeet „mit dem fantastischen Mikroklima“ sofort genial. Johanna blühte auf, als müsste sie einer Fremden nicht nur den Garten, sondern ihr ganzes Leben zeigen. Lukas, der danebenstand und nichts zu tun brauchte, sah zu, wie die beiden Frauen auf den Knien die Bodendecker inspizierten, und plötzlich kam ihm die Szene nicht mehr wie eine lästige Pflicht vor, sondern wie etwas, das man retten musste.
Er blieb. Er bekam eine Stelle bei den Stadtwerken Saalfeld, und sie zogen in eine kleine Wohnung im Ort, fuhren aber jedes freie Wochenende in die Saalgasse — zum Aushelfen, wie sie sagten. Bis zu dem Abend, an dem das Telefon klingelte. Johanna war in der Küche zusammengebrochen. Die Nachbarin hatte sie gefunden, neben einem Eimer mit frisch gepflückten Bohnen.
Das Begräbnis war an einem drückend heißen Julitag. Lukas stand im Anzug und fühlte sich, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen, Zentimeter für Zentimeter. Er war jetzt Besitzer eines Hauses mit sechsundzwanzig Fenstern, einem Hühnerstall und einem Hang voller Obstbäume. Sein Erbe. Seine Last. Der Notar schickte die Unterlagen, ein Grundbuchauszug mit einer Nummer, die er noch nie registriert hatte.
Anke und er zogen in das Haus. Sie modernisierten die Heizung, bauten eine Photovoltaik-Anlage auf das Scheunendach. Anke pflanzte alte Tomatensorten und züchtete Färberkamille für die Weberin im Nachbarort. Lukas übernahm die schweren Arbeiten — das Umgraben, den Kompost, das Beschneiden der Apfelbäume. Fünf Jahre lang kamen sie gut zurecht. Ihr Sohn Felix wurde geboren, ein Junge mit den hellen Augen seines Großvaters, den er nie gekannt hatte. Lukas zeigte ihm, wie man eine Türangel ölt und den Traktorreifen flickt, und wenn Felix auf dem Schoß seines Vaters saß und die Hände am Lenkrad spielte, musste Lukas manchmal an den Fluss denken, an das kalte Wasser, das ihm den Vater genommen hatte — und daran, dass der Garten immer der Anker der Familie gewesen war.
Bis der Brief vom Landratsamt kam. Die Saalgasse sollte ausgebaut werden. Eine Stützmauer war fällig, um die Uferböschung zu sichern, Kostenpunkt: vierundvierzigtausend Euro, Eigenanteil der Anlieger. Ein Betrag, den sie nicht hatten. Gleichzeitig meldete sich eine Projektentwicklungsfirma aus München, die das Grundstück kaufen und in ein Boardinghouse mit Saunabereich umwandeln wollte. Der Brief war auf teurem Papier. Das Angebot: 340.000 Euro. Lukas las die Zahl und dachte an die Eigentumswohnung in der Erfurter Platte, an Ferien auf Sylt, an ein Leben ohne den ständigen Kampf gegen Wurzelunkraut und den Gestank von Brennnesseljauche.
„Vielleicht ist es Zeit“, sagte er eines Abends zu Anke, als Felix schon schlief. „Das Haus ist ein Loch. Wir stecken jeden Cent rein. Wir könnten ein schönes Reihenhaus kaufen, einen kleinen Garten, den wir nach Feierabend wässern, wenn wir Lust haben…“ Anke sah ihn lange an. Sie sagte nichts. Am nächsten Morgen stand sie um halb sechs auf und ging in den Gemüsegarten, um die Bewässerungsschläuche zu verlegen.
Lukas rief den Makler an. Er vereinbarte einen Besichtigungstermin für kommenden Dienstag, zehn Uhr. Er sagte sich, es sei eine reine Informationssache, nur ein Gespräch. Aber er zog schon seine Werkzeugkiste aus der Scheune und begann, den Schuppen aufzuräumen, aus dem es stark nach Hühnerfutter und Feuchtigkeit roch. In einer Kiste hinter dem Saathäuschen fand er die alten Papiere seiner Mutter. Ihre Impfbescheinigung, ein Foto vom Vater mit einem selbstgezimmerten Kahn, ihre Notizbücher über Aussaaten und Mondphasen. Ganz unten ein Ordner mit einem Registerblatt: „Testament — nicht gültig, nur ein Wunsch“. Ihre Handschrift, die er in- und auswendig kannte. Der letzte Satz: „Lukas, wenn du das verkaufst, verkaufst du alles. Behalt den Garten, oder ich hab umsonst gelebt.“ Er klappte den Ordner zu.
Am Dienstagmorgen um neun stand der Makler vor der Tür. Ein glatter Mann mit Lederhandschuhen, frisch poliert. Lukas führte ihn durch den Hof, erklärte die Grundstücksgrenzen, die Drainage, die Bodenwerte. Er beantwortete jede Frage. Dann gingen sie ins Haus, und der Makler zückte eine vorbereitete Absichtserklärung. „Sie müssen nur noch unterschreiben, dann ist der Verkauf eingeleitet. Die Finanzierung der Käufer steht.“ Lukas sah das Papier. Er sah die Zahl mit den vier Nullen. Er dachte an einen Morgen vor dreißig Jahren, an den Geruch von Maschinenöl auf der Arbeitsjacke seines Vaters, der ihm die ersten fünf Möhrensamen in die winzige Hand drückte und sagte: „Da machste die Erde ganz locker, dann legen wir sie rein, und dann warteste. Das ist das Wichtigste: Warten können.“ Er roch das Öl jetzt, als stünde die Jacke noch da, am Haken in der Scheune.
Er ging zum Tisch. Seine Hand lag ruhig auf dem Füller. Er strich die Zahl auf der Erklärung mit einem geraden, festen Strich durch und schrieb daneben: *Nicht verhandelbar. Grundstück bleibt in Familienbesitz.* Er drückte dem Makler die Mappe in die Hand, ohne dessen überraschten Einwand abzuwarten. Dann ging er in die Scheune, holte die Kettensäge und begann, das alte morsche Holz des Kompostsilos zu zersägen. Der Lärm übertönte alles. Er sägte, bis die Arme taub wurden. Danach legte er die Säge hin, ging ins Wohnzimmer, nahm den Rahmen mit dem Foto seines Vaters vom Regal und stellte ihn mitten auf den Esstisch. Anke, die aus dem Gemüsegarten hereingekommen war, sah den Rahmen, dann das durchgestrichene Papier, das der Makler auf dem Stuhl hatte liegen lassen. Sie nickte nur.
Am Nachmittag ging Lukas zu Felix, der auf der Terrasse mit einem ausgedienten Wecker spielte. Er hob ihn hoch, setzte ihn auf die Schultern und trug ihn den Hang hinunter, bis ans Ufer. Er zeigte auf die Stelle, wo früher die alte Weide stand. „Weißt du, das ist jetzt dein Fluss, dein Ufer, deine Steine. Und wenn du alt genug bist, bauen wir hier ein Boot. Keins zum Verkaufen. Eins zum Behalten.“ Felix quietschte. In der Tasche von Lukas tickte die Armbanduhr, die sein Vater getragen hatte. Er hatte sie vor zwei Wochen zum Uhrmacher nach Saalfeld gebracht und zum ersten Mal nach sechsundzwanzig Jahren wieder aufgezogen. Sie lief.
