Das Haus gehörte noch Opa

Katharina stand am Spülbecken und rieb einen verkrusteten Schmortopf aus. Aus dem Radio lief leise NDR 2, auf dem Herd wärmte Milch für Pauls Abendessen. Normales Familienleben in einer normalen Mietwohnung in Kiel-Gaarden. Durch das gekippte Fenster hörte sie die Fähre im Hafen tuten, jemand schob unten eine Mülltonne über den Hof.

Lars saß am Küchentisch und scrollte auf seinem Handy, ohne sie zu beachten. In seiner Monteurjacke, die nach Metallspänen roch, kaute er auf einem belegten Brötchen. Lars arbeitete in einer Kfz-Werkstatt in der Wik, Spezialisierung auf Getriebe. Katharina war Zahntechnikerin mit eigenem kleinen Labor zu Hause — aber das zählte in dieser Ehe nicht wirklich, weil ihr Geld „nur“ für Lebensmittel und Kinderklamotten draufging, während sein Gehalt das Auto und die Technik finanzierte.

„Du, Kathi. Das Häuschen von deinem Opa in Raisdorf. Simone zieht da ein.“

Katharina drehte sich um. Die Pfanne in ihrer Hand tropfte Spülwasser auf den abgewetzten Linoleumboden.

„Wie bitte?“

„Meine Schwester hat sich von diesem Idioten getrennt. Muss sofort aus der Wohnung in Elmschenhagen raus. Morgen Vormittag fahren wir zum Notar in der Innenstadt, du unterschreibst ihr eine Nutzungsvereinbarung. Oder machst gleich eine Schenkung, je nachdem, was das Finanzamt billiger stellt. Ist doch dein Eigentum von vor der Ehe — das kannst du machen, ohne dass ich reinrede. Also mach. Und wenn du morgen beim Notar nicht mitspielst, dann setz ich das Ding eben selbst auf. Meine Schwester braucht ein Dach über dem Kopf, und dein Opa hat das Haus schließlich für die Familie gebaut, nicht damit es leer steht.“

Er sagte das im Plauderton, während er ein Video auf Facebook ansah, in dem jemand von einer Hebebühne fiel.

Das Häuschen in Raisdorf. Vierzig Quadratmeter, eine winzige Terrasse mit Blick auf den Schwentinetal-Wanderweg, ein verwilderter Apfelbaum, dessen Früchte immer etwas zu sauer, aber genau richtig für Omas Apfelkuchen gewesen waren. Ihr Opa hatte das Haus 1960 eigenhändig gebaut, noch vor dem Mauerbau, als er als Schweißer auf der Howaldtswerft arbeitete. Hier hatte Katharina als Kind Kaulquappen im Gartenteich beobachtet. Hier hatte ihr Opa ihr beigebracht, wie man Fahrrad fährt, auf dem geschotterten Weg zwischen den Nachbargrundstücken. Hier war der einzige Ort, an dem sie seine Stimme noch hören konnte, zehn Jahre nach seinem Tod — in dem leisen Knarzen der Diele unter den Füßen, in dem Geruch von altem Holz und See.

Lars mochte das Häuschen nicht. Er nannte es „Gammelbude“, beschwerte sich über die zugigen Fenster und fragte jedes Frühjahr, warum sie das Ding nicht für fünfzigtausend Euro an irgendeinen Hamburger verkauften, der ein Ferienhaus suchte. Einmal hatte er sogar vorgerechnet, wie viele Motorradteile man von dem Erlös kaufen könnte.

Seine Schwester Simone war Friseurin in einem Salon in der Holtenauer Straße. Sie galt als „kreativ“, was in der Familie bedeutete: Sie wechselte Jobs, Partner und Wohnungen etwa so häufig wie ihre Haarfarbe. Letztes Jahr hatte sie einen Kredit für ein Cabrio aufgenommen, das sie sich eigentlich nicht leisten konnte. Davor war es eine Designerhund-Zucht gewesen, die nach drei Monaten aufgegeben wurde. Alle halbe Jahre rief sie Lars an und brauchte „eine kleine Hilfe“.

Dass Lars jetzt einfach über Opa Wilhelms Häuschen verfügte, als wäre es ein Werkzeug aus seiner Garage — das war ein Angriff, gegen den Worte nicht ausreichten. Aber Katharina sagte nichts. Sie wusch den Topf zu Ende, stellte ihn ins Abtropfgestell, trocknete sich die Hände ab. Dann ging sie ins Schlafzimmer, wo Paul in seinem Bett schlief, mit einer Hand noch um den abgegriffenen Stoffhasen geklammert. Sie beobachtete seine Atmung eine Minute lang, gleichmäßig und ruhig.

Als sie zurückkam, war Lars ins Wohnzimmer gewechselt, die Sportschau lief. Auf dem Tisch lag ein einzelner Schlüssel — rostig, mit einem verblichenen blauen Plastikanhänger, auf dem noch Opa Wilhelms kaum lesbare Beschriftung stand: „Gartenhaus“.

Katharina nahm den Schlüssel und legte ihn zurück auf den Haken im Flur, wo er immer gehangen hatte. Dann griff sie in ihre Handtasche und holte ein einzelnes Schlüsselbund heraus. Daran hing ein neuer, schwerer Abus-Schließzylinderschlüssel.

Am Samstag, vor drei Tagen, war sie allein in Raisdorf gewesen. Das alte Einsteckschloss der Haustür hatte endgültig den Geist aufgegeben — der Schlüssel ließ sich nur noch mit Gewalt drehen, und neulich war er fast abgebrochen. Sie hatte zwei Stunden gebraucht, um den neuen Zylinder einzubauen, hatte geschwitzt und sich den Daumen eingeklemmt, aber jetzt saß das Schloss. Solide. Sicher.

Lars wusste nichts davon. Er war am Samstag auf einer Motorradtour mit seinen Kumpels gewesen. Er hatte keine Ahnung, dass der Schlüssel, den er seiner Schwester in die Hand gedrückt hatte, nicht mehr in das Türschloss passte.

Am nächsten Morgen klingelte es um Viertel vor sieben. Sturm. Nicht der Postbote mit einem Paket, nicht die Nachbarin, die Milch borgen wollte — ein Klingeln, das nicht aufhörte.

Katharina machte die Tür auf. Vor ihr standen zwei Polizisten. Der Ältere, ein Polizeioberkommissar mit grauem Schnurrbart und dem Gesicht eines Mannes, der zu viele Nachtschichten hinter sich hatte. Der Jüngere, vielleicht dreißig, mit wachen Augen.

„Frau Kröger? Katharina Kröger?“

„Ja, die bin ich. Bitte, kommen Sie rein.“

Sie führte sie in die Küche, bot Kaffee an. Der Oberkommissar — er stellte sich als Herr Dreyer vor — nahm dankend an. Sein Kollege lehnte ab und blieb im Flur stehen.

„Frau Kröger“, Dreyer zog eine dünne Mappe aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch, „wir haben in der Nacht einen Einsatz in Raisdorf gefahren. Am Schwentineweg 17. Das Haus ist auf Ihren Namen im Grundbuch eingetragen, korrekt?“

„Ja. Das ist mein Elternhaus. Also, das meiner Großeltern. Geerbt von Wilhelm Kröger, meinem Großvater.“

„Dann muss ich Ihnen leider mitteilen, dass in der Nacht versucht wurde, in dieses Haus einzubrechen“, sagte Dreyer ruhig. „Eine Zeugin — Ihre Nachbarin, Frau Gosch — hat gegen halb zwölf einen lauten Streit gehört. Eine Frau und ein Mann. Die Frau hat versucht, mit einem Stemmeisen die Tür aufzubrechen. Als das nicht klappte, hat sie die Scheibe der Terrassentür eingeschlagen.“

Katharina spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.

„Meine Terrassentür war neu“, sagte sie leise. „Ich habe sie erst im Frühjahr einsetzen lassen. Dreifachverglasung.“

„Wir haben die Frau vorläufig festgenommen“, fuhr Dreyer fort. „Sie heißt Simone Hagen — der Name stammt noch aus ihrer geschiedenen Ehe, wie sich herausstellte. Sie gab an, die Schwester Ihres Mannes zu sein.“

Lars war aus dem Schlafzimmer gekommen, stand jetzt in der Küchentür. Sein Gesicht war grau.

„Was ist mit Simone?“, fragte er heiser.

Dreyer drehte sich zu ihm um. „Sind Sie der Ehemann? Lars Kröger?“

„Ja. Also, Kröger ist der Name meiner Frau. Ich heiße Maier. Aber das ist jetzt doch völlig egal — wo ist meine Schwester?!“

„Ihre Schwester befindet sich im Gewahrsam im Revier in Kiel-Wellingdorf“, sagte Dreyer. „Ihr wird Sachbeschädigung, versuchter Einbruch und Hausfriedensbruch vorgeworfen. Die Kollegen vor Ort haben außerdem… das hier bei ihr gefunden.“

Er entnahm der Mappe eine Klarsichthülle und ließ sie auf den Tisch gleiten. Darin steckte ein zerknittertes Blatt Papier, aus einem Notizbuch gerissen. Darauf stand mit Kugelschreiber, in Lars’ schwerfälliger Handschrift:

*Ich, Lars Maier, Ehemann der Eigentümerin, erlaube meiner Schwester Simone Hagen, das Haus Schwentineweg 17 zu bewohnen. Meine Frau Katharina Kröger ist einverstanden.*

Darunter zwei Unterschriften. Eine erkannte Katharina sofort — Lars’ Namenszug. Die zweite war eine plumpe Fälschung ihrer eigenen Unterschrift, so ungeschickt, dass sie fast lachen musste.

„Frau Hagen hat gegenüber den Beamten angegeben, Sie hätten ihr dieses Schreiben gestern Abend um 20 Uhr persönlich übergeben“, sagte Dreyer und sah Lars direkt an. „Stimmt das?“

Lars öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er wirkte wie ein Kind, das beim Klauen von Süßigkeiten erwischt wurde.

„Ich… wir haben das besprochen“, stammelte er. „Meine Frau war einverstanden. Das ist ein Missverständnis, das klären wir privat —“

„Nein.“ Katharinas Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch den Raum wie ein Skalpell. „Ich war nicht einverstanden. Ich wusste nichts von diesem Schreiben. Und das ist nicht meine Unterschrift.“

Niemand sprach. Das Schweigen im Raum war plötzlich so drückend, dass man das Tropfen des Wasserhahns hören konnte. Lars sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. Er schien nicht zu begreifen, was gerade geschah.

Dreyer notierte etwas in seine Unterlagen. „Dann haben wir hier den Sachverhalt einer Urkundenfälschung“, sagte er. „Herr Maier, ich muss Sie bitten, zur Klärung mit aufs Revier zu kommen. Frau Kröger, Sie erstatten bitte ebenfalls Anzeige wegen des Einbruchs.“

„Selbstverständlich“, sagte Katharina.

„Bist du wahnsinnig?!“ Lars fand seine Stimme wieder. „Das ist meine Schwester! Soll sie jetzt vorbestraft sein, nur weil du wegen einer blöden Terrassentür ein Fass aufmachst?!“

Katharina stand auf, trat zur Küchentür, drückte die Klinke herunter und deutete in den Flur.

„Ich mache kein Fass auf, Lars. Du hast es aufgemacht. Du hast meine Unterschrift gefälscht. Du hast einen Schlüssel aus dem Flur genommen, von dem du nicht wusstest, dass er nicht mehr passt, weil du seit Monaten nicht mehr in Raisdorf warst. Du hast deiner Schwester erzählt, das Haus sei quasi schon ihres.“ Sie holte tief Luft. „Wenn du in zehn Minuten nicht fertig bist, werde ich dem Herrn Oberkommissar auch noch mitteilen, dass du letzte Woche das Sparbuch von Paul aufgelöst hast, ohne mich zu fragen.“

Lars wurde weiß.

„Woher… woher weißt du das?“

„Die Kontoauszüge kommen per Post“, sagte Katharina. „Du hast sie nur nie als Erster aus dem Briefkasten geholt. Weil du um die Zeit schon auf der Arbeit sein musst.“

Eine halbe Stunde später saß sie im Revier in Wellingdorf, unterschrieb die Anzeige und gab eine ausführliche Zeugenaussage. Währenddessen wurde Simone Hagen in einem Nebenraum verhört. Katharina hörte ihre Stimme durch die dünne Wand — schrill und empört: „Das ist ein abgekartetes Spiel von dieser Zicke! Mein Bruder hat gesagt, das Haus gehört uns!“

Als Katharina das Revier verließ, schien die Sonne. Sie fuhr nicht nach Hause. Sie fuhr nach Raisdorf, den Weg durch den Tunnel und dann links ab Richtung Schwentinental, vorbei an den Feldern, die schon herbstlich rau aussahen.

Sie parkte ihren zehn Jahre alten Opel Corsa vor dem Haus. Die kaputte Terrassentür war notdürftig von den Beamten mit einer Holzplatte vernagelt worden. Splitter lagen auf dem Boden. Überall waren schlammige Fußabdrücke — vermutlich von Simone und der Polizei.

Und doch. Der alte Apfelbaum stand noch. Der Wind raschelte in den Blättern. Am Briefkasten klebte noch Opa Wilhelms alter, verblasster Aufkleber: ein Anker mit den Buchstaben „HDW“.

Sie schloss die Tür mit dem neuen Schlüssel auf und trat ein. Drinnen roch es nach feuchtem Holz und kaltem Rauch — wahrscheinlich hatte Simone irgendwann in der Nacht versucht, im Kamin Feuer zu machen, und ihren Müll im Wohnzimmer verstreut. Ein umgekippter Karton mit Klamotten, eine kaputte Tischlampe, eine angerostete Mikrowelle auf dem Boden.

Katharina räumte nicht gleich auf. Sie ging in die Küche, die noch so aussah wie zu Opas Zeiten — mit der karierten Wachstuchtischdecke und dem alten Wandteller von der Kieler Woche 1978. Sie setzte sich an den Tisch und schloss die Augen.

Vor zwei Jahren hatte sie Opa versprochen, das Häuschen zu behalten. „Für dich und für Paul“, hatte er gesagt, mit seiner brüchigen Stimme, die nach Norddeutschland und Meer klang. „Ein Stück Boden, das dir gehört, Kathi. Das kann dir keiner mehr nehmen, egal, was kommt.“

Sie hatte es fast vergessen. Fast.

Sechs Monate später.

Es war ein warmer Abend im September, die Sonne hing tief über der Schwentine. Paul saß auf der Terrasse und malte mit Kreide auf die Steinplatten — seinen Dinosaurier, den er in den letzten Tagen fast fertiggestellt hatte, und nun einen Feuer speienden Vulkan daneben. Katharina begoß die Tomaten, die sie im Frühjahr gepflanzt hatte.

Die Terrassentür war repariert. Ein neuer Glaser aus Preetz hatte sie eingesetzt, derselbe, der damals die alten Fenster im Kirchenschiff von St. Jürgen renoviert hatte. Er kannte Opa Wilhelm noch aus dem Segelverein, hatte ihr einen fairen Preis gemacht.

Simone Hagen war zu einer Geldstrafe und Sozialstunden verurteilt worden — sie musste die Sommermonate über die Parkanlagen am Kleinen Kiel säubern. Es hieß, sie arbeite jetzt in einem Friseursalon in Eckernförde und zahle den Kredit für das Cabrio ab, das sie längst wieder verkauft hatte.

Lars wohnte jetzt in einer Einzimmerwohnung in Mettenhof, über einer Dönerbude. Die Scheidung war durch, das Sorgerecht für Paul war bei ihr. Das Sparbuchgeld hatte sie noch während des Verfahrens zurückgefordert und auf ein neues Konto für Paul gelegt. Der Unterhalt kam pünktlich — Lars wusste, dass sonst das nächste Schreiben vom Jugendamt kommen würde. Alle zwei Wochenenden holte er Paul ab. Sie wechselten dann kaum fünf Worte.

Jetzt lehnte sie die Gießkanne an den Zaun und setzte sich zu Paul auf die Terrasse.

„Mama? Wohnt Papa eigentlich auch mal wieder bei uns?“

Katharina strich ihm über den Kopf. „Nein, Schatz. Das machen wir jetzt allein, du und ich.“

„Okay.“ Paul malte einen orangefarbenen Fleck. Dann, ohne aufzublicken: „Mir gefällt das so besser. Da hat Opa früher gewohnt, stimmt's?“

„Ja“, sagte Katharina. „Genau hier. Und jetzt wohnen wir hier.“

Sie sah über den Rasen, über den schiefen Zaun, über die verwilderten Büsche, die sie im nächsten Frühjahr zurückschneiden würde. Am Horizont glitzerte die Schwentine, ein Boot zog eine kleine weiße Schaumspur übers Wasser. In der Ferne hupte die Fähre im Kieler Hafen.

Es roch nach frischer Erde und Äpfeln.

Sie stand auf, holte die Leiter aus dem Schuppen und begann, die ersten reifen Früchte vom Baum zu pflücken.

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Odissea
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