Der Geburtstag im Tierladen

Es war kurz vor Ladenschluss an einem nasskalten Dienstag im November, als ein alter Mann das Zoogeschäft in der Danziger Straße betrat. Er trug keine Tasche und keine Transportbox. In seinen Armen, eingewickelt in einen ausgebleichten Wollschal, saß ein fetter, rotgetigerter Kater.

Der junge Verkäufer am Eingang hob die Hand. „Mein Herr, das geht leider nicht, wir können hier keine…“

„Lassen Sie ihn“, sagte eine ältere Kollegin leise und zog den Jungen am Ärmel zur Seite. Sie sah das Gesicht des Mannes. So ein Gesicht macht man, wenn man das letzte Mal vor drei Jahren mit jemandem gesprochen hat und dieser Jemand nicht mehr antwortet.

Der Mann hieß Georg. Der Kater hieß Poldi. Und Georg war nicht gekommen, um zu kaufen. Er war gekommen, um ein Versprechen einzulösen, das er vor zwei Wintern in einer leeren, zu stillen Wohnküche gegeben hatte. Ein Versprechen an eine Katze, die als Einzige noch auf ihn wartete, wenn der Schlüssel im Schloss klackerte. „Wir holen noch wen ins Haus“, hatte er damals gesagt. Seitdem lag das Geld in einer Keksdose. Gespartes Kleingeld von der Rente. Heute Morgen hatte er es gezählt.

Poldi begann zu schnurren, noch bevor Georg das Vogelgehege erreichte. Der Kater zog den Kopf aus dem Schal und starrte nach oben. Ganz oben, unter der Decke, in einem messingfarbenen Käfig, saß ein Hyazinth-Ara. Tiefblau, fast schwarz im Dämmerlicht des Ladens. Er kostete so viel wie drei Monatsmieten von Georgs Altbauwohnung in Wedding. Der Ara starrte zurück. Dann kletterte er langsam an den Gitterstäben hinunter, bis er auf Nasenhöhe mit dem Kater war. Ein dicker Kater und ein Papagei, fast tausend Kilometer entfernt von ihrem natürlichen Lebensraum, sahen sich an, als würden sie sich seit Jahren kennen.

Georg las das Preisschild. 4.800 Euro. Er las es noch einmal und spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. In seiner Keksdose waren 620 Euro, abgezählt, in einen alten Briefumschlag gesteckt, mit einem Gummi darum. Er war nicht naiv hierhergekommen. Aber er war gekommen, um zu fühlen, ob sein Herz noch in dieselbe Richtung schlug wie damals in der Stille seiner Küche.

„Entschuldigen Sie.“

Die Stimme kam von links, ruhig und tief. Ein Mann in einem dunkelblauen Mantel, ungefähr Ende vierzig, mit einem Aktenkoffer in der Hand. Er sah nicht aus wie jemand, der spontan einen Papagei kauft. Eher wie jemand, der den Laden nur betreten hatte, weil die U8 Verspätung hatte und er nicht im Regen warten wollte.

„Ich übernehme das.“

Georg drehte sich um. „Was?“

„Den Ara. Ich bezahle ihn.“

Im Laden wurde es still. Zwei Mädchen mit einem Zwergkaninchen im Arm hörten auf zu tuscheln. Die Verkäuferin an der Kasse blickte auf. Poldi schnurrte so laut, dass es peinlich war.

Georg schüttelte den Kopf. Er war rot geworden, dieses tiefe, hilflose Rot, das Männer in einem bestimmten Alter überkommt, wenn sie keine Werkzeuge mehr haben, um mit dem Guten umzugehen. „Nein. Das kann ich nicht annehmen. Das geht nicht. Das ist… zu viel.“

Der Fremde lächelte nicht. Er nickte nur, als hätte er diese Antwort erwartet, und dann stellte er eine Frage, die Georgs Leben veränderte: „Sie tun das doch nicht für sich selbst, oder?“

Georg wollte etwas Lustiges sagen. Dass es nur eine Katze mit zu hohen Ansprüchen sei. Dass Poldi sich den Vogel selbst ausgesucht habe. Aber die Worte blieben ihm im Hals stecken, und stattdessen presste er nur hervor: „Ich hab’s ihm versprochen. Vor zwei Jahren. Dass wir nicht allein bleiben. Dass wir noch jemanden finden. Einen Freund. Für ihn… und für mich vielleicht auch.“

Eine Frau mit einem riesigen Sack Hundefutter auf der Schulter zog geräuschvoll die Nase hoch. Niemand sagte etwas. Der Papagei legte den Kopf schief und pickte sanft gegen Poldis Pfote, die sich an die Gitterstäbe krallte. Der Kater blinzelte träge und ließ es zu.

Der Fremde öffnete seinen Aktenkoffer. Er holte kein Portemonnaie heraus, sondern einen Umschlag, aus dem er mehrere glatte, neue Scheine zog. Dann schaute er Georg an – nicht auf die lumpigen Geldscheine, die dieser in der Hand hielt. Sondern auf sein Gesicht.

„Wie viel haben Sie dabei?“

Georg zögerte. Dann legte er den Umschlag auf die Theke. „Sechshundertzwanzig Euro.“ Er schluckte. „Es ist alles, was ich entbehren konnte. Die letzten zwei Jahre. Nur… es ist nicht genug.“

Der Fremde nahm den Umschlag nicht an sich. Er öffnete ihn nicht. Er schaute das dünne, zerknitterte Papier an, den alten Gummi, den Geruch von Keksdose, der noch daran haftete. Und sagte dann mit einer Selbstverständlichkeit, die mehr wog als jede große Geste: „Dann bezahlen Sie Ihren Anteil. Ich lege den Rest dazu. Und den Käfig. Und das Futter für den Start. Sie nehmen ihm sonst das Gefühl, dass Sie es selbst geschafft haben, verstehen Sie?“

Georg sagte nichts. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Das war schlimmer als ein Nein. Das war eine Hilfe, die nichts von ihm verlangte, nicht einmal Dankbarkeit.

Der Verkäufer, der ihn am Eingang hatte abweisen wollen, rannte auf einmal los. In den Lagerraum. Dreißig Sekunden später kam er mit einer riesigen Voliere zurück, auf einem Rollwagen. Dazu eine Kiste mit Sitzstangen, Spielzeug und Spezialfutter.

„Vom Geschäft“, keuchte er. „Zum Geburtstag. Für Sie.“ Er zeigte auf den Fremden.

„Woher wissen Sie…?“, begann der Mann im Mantel.

„Sie haben es vorhin gesagt. Am Telefon. Sie wollten wissen, ob wir exotische Vögel führen, weil Sie sich heute selbst etwas schenken wollten. Weil sonst keiner dran denkt, haben Sie gesagt. Hab ich gehört. Ist doch heute, oder?“

Der Fremde schwieg einen Moment. Sein Kinn spannte sich. Dann lachte er. Es war ein kurzes, bellendes Lachen, tief aus dem Bauch, das in den Regalen widerhallte. „Ja. Heute ist mein Geburtstag. Und meine Ex-Frau hat mir eine SMS geschrieben, dass ich mir selbst was suchen soll, was mir Freude macht. Dafür war der Vogel gedacht. Ich habe eine 120-Quadratmeter-Wohnung in Charlottenburg, und das Einzige, was mich begrüßt, ist die Zeitschaltuhr der Kaffeemaschine. Jetzt stellt sich heraus, der Vogel will mich gar nicht. Er will einen fetten Kater aus Wedding. Ist das nicht ein schönes Geschenk? Besser als jeder Blumenstrauß von der Firma, die mir morgen eh wieder kündigen könnte.“

Das Mädchen mit dem Kaninchen kicherte. Die Frau mit dem Hundefutter lachte laut auf und rief durch den Laden: „Na, dann müssen Sie Ihren Geburtstag jetzt auch richtig feiern! Sonst ist der Vogel ja ganz umsonst woanders eingezogen. Laden Sie uns doch ein, eine Runde drehen im ‚Marjellchen‘ um die Ecke!“

Alle lachten. Alle dachten, es sei ein Scherz. Aber der Fremde hob den Kopf und sah sich um. Die nasse Straße vor dem Fenster, der gelbe Lichtkegel im Laden, die zwei Teenager mit dem Kaninchen, die Frau mit dem schweren Sack, der rothaarige Verkäufer, der sich nicht traute, den Rollwagen loszulassen, und ein Rentner mit einer Katze im Arm, dessen Hände zitterten.

„Wissen Sie was?“, sagte der Mann. „Das machen wir. Das ‚Marjellchen‘, in zwanzig Minuten. Bringen Sie Ihre Leute mit. Die Kaninchen auch, wenn sie reinpassen. Es ist mein Geburtstag, und ich möchte nicht allein an einem Tisch für sechs sitzen und auf eine Nachricht warten, die nicht kommt. Sondern einmal, einmal im Leben, möchte ich, dass die Rechnung für einen Abend so hoch ist, dass ich mich am nächsten Morgen noch daran erinnere, warum ich arbeite. Also, kommen Sie?“

Die Stille, die folgte, war anders. Sie war nicht mehr leer, sondern voll. Voll von Handys, die entsperrt wurden, von Nummern, die gewählt wurden. „Schatz, zieh den Kindern was an, wir gehen essen.“ – „Mama, ich bring jemanden mit, ist das okay?“ – „Kannst du die Alte von nebenan fragen? Die sitzt auch nur allein rum.“ Es war, als hätte der Fremde eine Schleuse geöffnet. Das triste Zoogeschäft in Prenzlauer Berg verwandelte sich in ein Basislager der unverhofften Gemeinschaft.

Georg stand immer noch am Tresen. Vor ihm lagen seine 620 Euro, gemixt mit den großen Scheinen des Fremden. Der Ara saß jetzt in der neuen Voliere. Poldi hatte die Vorderpfoten auf das Stehpult der Kasse gelegt und schaute zufrieden, als hätte er nie etwas anderes gewollt.

Der Fremde trat zu Georg. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, leicht, ohne Druck. „Wissen Sie, was mein Problem ist? Ich habe Erfolg, eine Firma, Angestellte, Status. Aber das Herz eines Menschen ist kein Aktiendepot. Es gibt keine Rendite darauf, allein in einer Designerwohnung zu sitzen. Heute Morgen war ich kurz davor, das alles hinzuwerfen. Und dann sehe ich Sie mit Ihrer Katze, und Sie haben so wenig und tun so viel. Ich habe nur Geld gegeben. Sie haben ein Versprechen gehalten. Das ist ein Unterschied. Kommen Sie jetzt mit ins Restaurant? Mit Poldi und dem Ara. Ich würde gerne wissen, wie die beiden heißen, wenn sie offiziell bei Ihnen gemeldet sind. Und wie Sie heißen. Und ob wir uns vielleicht einmal im Monat auf einen Kaffee treffen könnten. Einfach nur, um zu reden. Ich glaube, das ist das Einzige, was ich mir wirklich zum Geburtstag wünsche. Kein Tier, sondern einen Grund, das Leben nicht mehr per Funkstille zu regeln. Wäre das möglich?“

Georg stand reglos da. Dann nickte er. Ganz langsam. Und als sie zu viert – zwei Männer, ein Kater und ein Papagei – aus dem Laden traten, hörte der Regen genau in diesem Moment auf. Über der Danziger Straße rissen die Wolken auf, und der Abendhimmel färbte sich so tiefblau wie das Gefieder des Aras.

Hinter ihnen schloss die Verkäuferin den Laden ab, deutlich später als sonst, und summte dabei ein Lied, das sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Der rothaarige Junge rief seiner Freundin zu, sie solle ihre beste Bluse anziehen, sie gingen heute aus, er habe eine Geschichte zu erzählen, die sie nicht glauben würde.

Und in der U-Bahn, auf dem Weg Richtung Restaurant, saß ein alter Mann mit einer Katze auf dem Schoß und einer großen, verhüllten Voliere neben sich. Er weinte nicht. Er lächelte nur auf eine Art, die neu war und noch etwas ungelenk im Gesicht saß. Poldi leckte ihm über die Hand. Und der Ara, unsichtbar unter dem Tuch, stieß einen einzigen, tiefen, zufriedenen Pfeifton aus, der sich anhörte wie das Wort, das Georg seit zwei Jahren nicht mehr über die Lippen gebracht hatte: „Angekommen.“

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Odissea
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