# Die Hundesteuer für Bello
Der Anruf kam an einem Dienstag, kurz nach halb acht morgens. Ich stand gerade in der Küche, der Kaffee lief durch, und im Radio redeten sie über die neue Grünfläche am Bahnhofsviertel. Meine Schwiegermutter Waltraud rief an, um mir mitzuteilen, dass Bello, mein elfjähriger Rauhaardackel, ab sofort bei ihr in der Wohnung in Kassel lebt.
Einfach so.
„Ich war heute Morgen bei dir, als du auf der Arbeit warst", sagte sie. „Der arme Kerl saß allein auf dem Balkon und hat gewimmert. Das kann man sich ja nicht mit ansehen. Ich habe ihn mitgenommen."
Ich habe den Hörer fester gepackt. Nicht viel, nur so viel, dass ich das Plastik knarzen hörte.
Bello war nicht allein. Er saß nie allein. Meine Nachbarin Elke von gegenüber, die Frührente hat und morgens immer um sechs mit ihrem Mops Gassi geht, nahm ihn drei-, viermal die Woche mit. Und unsere Bürozeiten sind flexibel, ich bin oft schon um drei zu Hause. Waltraud wusste das. Es interessierte sie nur nicht, weil es nie um Bello ging.
Es ging um die Wohnung.
Die Wohnung in der Frankfurter Straße, die mein Mann und ich vor acht Jahren gekauft haben. Dreieinhalb Zimmer, Altbau, Stuckdecken, der Balkon geht zum Innenhof raus. Wir hatten acht Jahre lang die Raten abbezahlt, neunhundertachtzig Euro im Monat, jeden Ersten, pünktlich wie der Lohn. Vor fünf Monaten war die letzte Überweisung durchgegangen. Geschafft, dachte ich damals. Unsere Wohnung, dreihundertachtzigtausend Euro wert, restlos bezahlt.
Dann kam der Schlaganfall meines Mannes. Mit zweiundfünfzig. Ein blöder, sinnloser Zufall, sagten die Ärzte im Klinikum.
Danach hat er sich verändert. Nicht nur gesundheitlich, das war das Schlimmste gar nicht. Aber irgendwann in den Monaten nach der Reha hat er angefangen, jeden Satz mit „Mutter sagt" zu beginnen. Mutter sagt, die Belastung wäre für mich zu groß. Mutter sagt, ich sollte die Wohnung auf ihn und sie überschreiben, damit im Fall des Falles alles geregelt ist.
Sie saß jedes zweite Wochenende bei uns am Küchentisch und strich ihm über den Unterarm, während sie ihm erzählte, wie sehr er sich schonen müsse. Ich habe einmal mitgezählt, wie oft sie „nach allem, was du durchgemacht hast" gesagt hat. Siebenmal an einem Nachmittag.
Ich war dagegen, natürlich war ich dagegen. Ich habe meinem Mann gesagt, dass das unsere Wohnung ist, die wir abbezahlt haben, du und ich, nicht deine Mutter. Aber er war müde. So müde, dass er nicht mehr streiten wollte, nur noch nickte, wenn seine Mutter sprach, und den Blick abwandte, wenn ich etwas dagegen sagte. Ich habe irgendwann eingesehen: Er braucht Ruhe, keine Grundsatzdebatten. Also habe ich beim Notar in der Innenstadt einen Termin gemacht, für den 14. November. Es hat den ganzen Vormittag geschneit, die Straßenbahn in Wilhelmshöhe hatte zwanzig Minuten Verspätung.
Im Vertrag stand eine Klausel, die mir klug schien: Die Hälfte der Wohnung bleibt bei mir, die andere Hälfte geht an meinen Mann. Kein Wort von seiner Mutter. Wohnrecht für ihn, lebenslang. Ich dachte, das wäre der Kompromiss.
Sechs Tage später, am 20. November, erkältete ich mich schwer, eine Bronchitis mit vierzig Fieber, drei Tage flach im Bett, kaum in der Lage, meinen eigenen Namen zu schreiben. Waltraud kam vorbei, brachte Tee mit Honig und Zitrone, saß eine Stunde an meinem Bett und sagte, sie kümmere sich um alles, ich solle nur schlafen.
Im Januar lag auf dem Küchentisch ein Ordner, den ich nicht kannte. Aufgeklappt, mitten auf dem Tisch, neben der halb ausgetrunkenen Tasse Kaffee, die meine Schwiegermutter an diesem Morgen benutzt hatte. Eine Kopie vom Grundbuchauszug. Da stand es schwarz auf weiß. Die Wohnung in der Frankfurter Straße, Gemarkung Kassel, Flurstück so und so, Eigentümerin: Waltraud Bremer, geborene Hartmann, zu sieben Zehnteln.
Ich habe die Seite angefasst und wieder hingelegt. Dann habe ich mir einen Apfel genommen und ihn über der Spüle gegessen, ganz ruhig, Scheibe für Scheibe, während mir die Kerne zwischen den Fingern blieben.
Meine Unterschrift stand unter einer Schenkungsurkunde, datiert auf den 20. November. Genau der Tag, an dem ich mit vierzig Fieber im Bett gelegen hatte. Der Tag, an dem Waltraud mir Tee gebracht hatte.
Mein Mann erinnerte sich an nichts. An gar nichts.
Ich bin in dieselbe Kanzlei gefahren, in der der Notar seine Praxis hat, in einem dieser sandsteinfarbenen Altbauten gegenüber vom Rathaus. Der Beurkundungsvertrag vom 14. November wurde mir vorgelegt. Der Passus über meinen hälftigen Anteil war handschriftlich durchgestrichen, und daneben stand, klein und schräg, ein Vermerk vom 6. Dezember: „Auf Wunsch der Beteiligten geändert."
Am 6. Dezember war ich längst wieder gesund gewesen. Und ich war nie wieder bei diesem Notar gewesen.
Ich weiß noch, wie der Notar, ein älterer Mann mit kantiger Brille, den Kopf schüttelte und meinte, das sei so nicht nachvollziehbar, das Original trage tatsächlich einen Nachtrag, den er nicht mit mir besprochen habe, das müsse man rekonstruieren. Ich habe ihn nicht weiterreden lassen.
Am Tag danach bin ich zu meiner Schwiegermutter gefahren.
Sie wohnt oben am Berg, kurz vor der Wilhelmshöhe, in einer von diesen ruhigen Straßen mit Vorgärten und hohen Fenstern. Ich habe geklingelt. Sie hat die Tür nur einen Spalt geöffnet, davor stand ein altes Schuhregal aus Buche, das ich von unseren ersten Umzugskisten kannte.
„Was willst du hier?", hat sie gefragt.
„Ich will meinen Hund zurück."
„Bello geht es hier gut. Er hat einen Korb neben dem Kamin." Sie hat das Kinn gehoben, als wäre der Satz ein Argument. „Du wirst eine neue Wohnung brauchen. Ich hab dir schon mal die Adresse vom Mietverein notiert."
Der Flur hinter ihr roch nach Bohnerwachs und Apfelkuchen. Sie hat nicht gefragt, wie es meinem Mann geht.
Ich bin einfach hineingegangen, an ihr vorbei, durch den engen Flur, bis ins Wohnzimmer. Bello lag in seinem Korb. Er hat kurz aufgeschaut, mit dem Schwanz gewedelt, den Kopf wieder auf die Pfoten gelegt.
„Ich hätte da noch eine Frage." Ich habe Waltraud nicht angesehen, während ich das gesagt habe. Ich habe meinen Hund angesehen, die kleinen grauen Haare an seinem Fang, die er vor einem Jahr noch nicht hatte. „Die Schenkungsurkunde. Datiert auf den zwanzigsten November. An dem Tag hattest du mir Tee ans Bett gebracht. Mit Honig und Zitrone. Erinnerst du dich?"
„Ich weiß nicht, wovon du redest."
„Der Schriftsachverständige, den ich morgen beauftrage, wird das anders sehen. Ebenso der Rechtsanwalt, den ich heute um zwei anrufe." Ich habe Bello hochgehoben. Er war schwerer als ich in Erinnerung hatte. „Und der Notar hat dem Anwalt bereits schriftlich bestätigt, dass er den Dezember-Vermerk mit niemandem von uns besprochen hat. Es gibt also nur eine Person, die diesen Vertrag nach mir in Händen hatte, bevor er wieder ins Archiv kam. Du."
Da hat sie zum ersten Mal nichts gesagt. Ihre Hand fuhr zum Kragen ihrer Bluse, ein kleiner, hilfloser Griff ins Leere.
Ich habe Bello in die Transportbox gesetzt und bin zur Tür gegangen. Auf der Schwelle habe ich angehalten.
„Der Korb bleibt bei dir." Ich habe mich nicht umgedreht. „Er passt nicht mehr in unser neues Auto."
Der Korb passte selbstverständlich in jedes Auto. Aber ich wollte, dass sie jeden Abend etwas hat, das sie an diesen Nachmittag erinnert.
Draußen, auf der Straße vor ihrem Haus, stand Bello auf dem Beifahrersitz, die Nase an der Scheibe, und bellte.
Der Rechtsanwalt hörte sich am Nachmittag alles an, stellte zwei Rückfragen, dann sagte er: „Der handschriftliche Nachtrag vom sechsten Dezember ist wertlos, weil er nie notariell beurkundet wurde. Der Notar bestätigt das schriftlich. Und die Schenkung vom zwanzigsten November, mit Ihrer angeblichen Unterschrift, während Sie mit vierzig Fieber im Bett lagen – das ist Urkundenfälschung. Kein Zivilverfahren. Strafanzeige."
Am Donnerstag klingelte mein Telefon. Waltraud. Sie weinte, fragte, ob ich das wirklich durchziehen wolle, sie habe das alles nur für ihren Sohn getan. Ich habe geschwiegen, bis sie auflegte.
Am Freitagmorgen kam der Brief vom Notar, an mich und in Kopie an den Anwalt: Der Dezember-Nachtrag sei unwirksam, die ursprüngliche Fassung vom 14. November – hälftiges Eigentum – gelte fort. Das Grundbuchamt werde informiert, die Berichtigung sei beantragt.
Ich habe den Brief zweimal gelesen und dann meinem Mann auf den Schoß gelegt.
Er hat lange gebraucht, um ihn zu lesen. Dann hat er die Hand auf das Papier gelegt, als könnte er es festhalten, und gesagt: „Sie hat dich krank ausgenutzt. Während du im Bett lagst. Das wusste ich nicht."
„Hast du es geahnt?"
Er hat lange nichts gesagt. „Ich wollte es nicht wissen. Es war leichter, ihr zuzuhören, als gegen sie zu sein."
Das war keine Entschuldigung, aber es war das Erste, was er von sich aus gesagt hatte, seit Monaten. Ich habe seine Hand genommen, dieses Mal, warm und ruhig, die Hand, die unsere Wohnung fast verschenkt hätte, weil sie zu müde gewesen war, sich zu wehren.
„Wenn sie wieder anruft", sagte ich, „gehst du nicht ran. Nicht bis das hier vorbei ist."
Er hat genickt und dann, zum ersten Mal seit dem Schlaganfall, selbst zum Telefon gegriffen und Waltrauds Nummer blockiert, mit zittrigen, aber entschlossenen Fingern.
Am Montag bin ich zur Polizei gefahren, um die Anzeige aufzugeben. Der Beamte am Empfang nahm die Kopien entgegen, den Notarbrief, den Grundbuchauszug, die ärztliche Bescheinigung über die Bronchitis vom 20. November, und sagte, das Verfahren werde eröffnet, ich würde hören.
Bello wartete auf dem Rücksitz, die Nase an der Scheibe, und bellte einmal, als ich wieder einstieg.
Wir fuhren nicht nach Hause. Wir fuhren zur Fulda, dort, wo der Uferweg an der alten Drahtbrücke vorbeiführt. Ich ließ die Leine locker, und Bello lief durch den nassen Schnee, schnüffelte an den kahlen Weiden, blieb stehen, wartete auf mich, lief weiter.
Am Ufer stand eine Bank, auf der ich mich mit ihm hinsetzte. Ich zog ihn auf meinen Schoß, obwohl er dafür eigentlich zu schwer und zu störrisch ist, und er ließ es zu, den Kopf an meinen Arm gelehnt, während das Wasser schwarz und ruhig vorbeizog.
Am Abend, zu Hause, saß mein Mann auf der Couch, der Notarbrief noch immer in Reichweite auf dem Tisch, und Bello sprang neben ihn, wie er es früher immer getan hatte, bevor der Balkon und die Einsamkeit und die Lügen dazwischenkamen. Ich setzte Wasser auf für Tee, mit Honig, ohne Zitrone, so, wie ich ihn seit heute am liebsten trinke, und stellte zwei Tassen auf den Tisch.
