Der Preis einer Freundschaft

Ich weiß noch genau, wie die Klinge des Sparschälers an diesem Nachmittag abrutschte. Nicht, weil sie stumpf war – ich hatte sie erst vor zwei Tagen neu gekauft. Sondern weil meine Hände zitterten. Seit zwanzig Minuten lag mein Handy mit dem Video in der Tasche, und ich wartete auf Markus.

Draußen dämmerte es bereits über Hamburg-Eimsbüttel. Durch das große Fenster der Restaurantküche sah ich die Lichter der U-Bahn-Linie 2 vorbeihuschen. Der letzte Posten Spargel für den Abendservice lag vor mir, doch ich brachte keinen geraden Schnitt zustande. Vor meinem inneren Auge lief immer wieder dieselbe Szene ab: Jana, wie sie dem Mann im grauen Mantel den Nacken kraulte.

Es war reiner Zufall gewesen, dass ich überhaupt im „Fischerhaus“ an der Elbe gelandet war. Der Inhaber, ein früherer Kollege vom „Louis“, hatte mich gebeten, seine neue Karte gegenzuprobieren. Ein Gefallen unter Köchen. Ich war von Blankenese mit der S1 rübergefahren, hatte mir einen Tisch am Fenster geben lassen und auf den ersten Gang gewartet – eine Seezungenroulade mit Trüffelschaum, an der ich sofort den zu hohen Säuregehalt des Dressings monierte. Ich machte mir Notizen auf einem Kellnerblock, als das Paar hereinkam. Zuerst bemerkte ich nur den Mantel, schwerer Kaschmir, viel zu warm für den milden Oktoberabend. Dann erkannte ich die Träger des Kleides.

Drei Tage zuvor hatte Markus noch bei mir in der Küche gesessen, eine halbe Stunde bevor sein Flieger nach Tokio ging. Er hatte von der neuen Eigentumswohnung in Ottensen erzählt, die er Jana zum Hochzeitstag kaufen wollte. Er hatte Überstunden ohne Ende geschoben, Nachtschichten in der Logistikzentrale, nur um die Anzahlung zusammenzubekommen. „Sie verdient es einfach“, hatte er gesagt, den Rücken krumm vor Müdigkeit, und seinen kalten Kaffee in einem Zug ausgetrunken.

Und jetzt saß sie drei Tische weiter, nippte an einem Weißburgunder und lachte über einen Witz, den der Typ mit den grauen Schläfen ihr ins Ohr flüsterte. Seine Hand lag wie selbstverständlich auf ihrem Oberschenkel.

Ich drückte auf „Aufnahme“. Der Autofokus meines Handys summte leise, zog das Bild scharf. Sie küssten sich, lange, zweimal. Beim dritten Mal drehte Jana den Kopf zur Seite und blickte kurz genau in meine Richtung. Mich sah sie nicht. Sie sah niemanden. Sie war vollkommen bei ihm.

Ich brach den Test ab. Dem Kellner legte ich dreißig Euro auf den Tisch, das unberührte Gericht ließ ich stehen. Draußen roch es nach Elbwasser und dem süßlichen Aroma gerösteter Mandeln vom Weihnachtsmarkt, der schon aufgebaut wurde, obwohl es erst Oktober war. Auf der Fahrt zurück nach Eimsbüttel vibrierte das Handy in meiner Tasche wie ein lebendiges Tier.

Zwei Tage später stand Markus in seiner Wohnungstür. Ich hatte viermal angerufen, bis er ranging. „Komm rüber“, hatte er nur gesagt, mit einer Stimme, die ich nicht kannte. Leer. Als wäre der Akku fast alle.

Seine Wohnung roch nach Vanillekerzen und kaltem Rauch. Jana saß auf dem Ledersofa, die Füße hochgelegt, und scrollte auf ihrem Tablet durch einen Online-Shop. Sie trug eine Seidenbluse, die mehr kostete als meine gesamte Küchenausrüstung.

„Zeig’s ihm einfach“, sagte ich und gab Markus mein Handy.

Er sah das Video zweimal. Beim ersten Mal hielt er das Gerät mit ausgestrecktem Arm, als würde es explodieren. Beim zweiten Mal hielt er es ganz nah vors Gesicht, und seine Schultern sackten nach vorne, Millimeter um Millimeter, bis er aussah wie ein alter Mann.

Jana legte das Tablet beiseite. „Was ist? Hat Tom wieder ein neues Kochrezept gefilmt?“

Markus antwortete nicht. Er gab mir das Handy zurück und rieb sich mit den Handballen über die Augen. „Das ist… das muss ein Missverständnis sein. Das ist ein Arbeitskollege von ihr, ein Vertreter von der Pharmafirma. Die müssen doch öfter mal essen gehen.“

„Markus“, sagte ich. „Du hast das Video gesehen. Du hast gesehen, wie er sie geküsst hat. Auf den Mund. Mit Zunge. Das ist kein Pharmareferent, das ist ihr…“

„Halt’s Maul!“

Das kam von Jana. Sie war aufgesprungen, das Tablet klatschte auf den Parkettboden. Ihre Augen waren schmal, aber nicht wütend – kalkulierend. Wie eine Köchin, die genau weiß, wann sie den Deckel vom Topf nehmen muss.

„Du stehst hier in meiner Wohnung“, fauchte sie, „in unserer Wohnung, und verbreitest Lügen! Du warst noch nie in der Lage, eine richtige Beziehung zu führen. Du beneidest Markus um alles, was er hat! Um seinen Job, um seine Position, um mich!“

Ich hätte fast gelacht. Ich, neidisch auf einen Mann, der jeden Morgen um fünf an der Güterverteilstation stand und Pakete für einen Stundenlohn von vierzehn Euro fünfzig schleppte? Ich, der ein Restaurant mit siebzehn Angestellten führte? Aber das sagte ich nicht. Ich sah nur Markus an.

„Glaubst du ihr das wirklich?“

Er hob den Kopf. Seine Augen waren rot, aber sein Gesicht war ein einziges Flehen. Flehen, dass ich aufhören sollte. Dass ich den Zauber nicht zerstören sollte, den brüchigen, erbärmlichen Zauber dieser Ehe.

„Tom, ich bitte dich“, presste er hervor. „Du hast das falsch verstanden. Jana und ich… wir reden das jetzt in Ruhe durch. Alleine. Es ist besser, wenn du jetzt gehst. Bitte. Ich melde mich morgen bei dir.“

Jana legte ihm eine Hand auf die Schulter. Eine besitzergreifende Geste, kein Trost. Sie lächelte dünn. „Genau. Geh schön nach Hause, Tom. Und such dir endlich ein eigenes Leben, in dem du dich einmischen kannst.“

Etwas in mir gab nach. Ein Seil, das jahrelang gehalten hatte, riss einfach durch. Ich hatte mich in dieser Küche auf dem Boden liegend vor Erschöpfung gesehen, nach Sechzehn-Stunden-Schichten, und neben mir Markus, der mir wortlos ein Bier hinstellte. Ich hatte gesehen, wie er nachts um drei seine Steuererklärung machte, weil er am Tag keine Zeit hatte. Ich hatte ihm Geld geliehen, als die Zahn-OP für Jana fällig war, und er hatte es mir in exakten Raten zurückgezahlt, auf den Cent genau. All das wog jetzt nichts mehr gegen die Angst vor einem leeren Bett.

Ich steckte das Handy ein. Neben der Tür stand ein kleiner Beistelltisch, darauf eine Schale Nüsse, von denen ich wusste, dass Markus sie nicht mochte – sie waren für Jana. Ich nahm eine Walnuss, legte sie vorsichtig auf den Rand der Schale, wo sie kurz wackelte und dann liegenblieb. Ein völlig sinnloser Akt. Aber ich wollte etwas tun, das nur ich sah, das nur für mich Sinn ergab.

„Weißt du was, Jana“, sagte ich, während ich meine Jacke vom Haken nahm. „Das mit dem Neid hast du dir gut ausgedacht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Neid und Mitleid. Ich beneide Markus nicht. Er tut mir leid. Und du tust mir leid, weil du so fest davon überzeugt bist, dass das hier für immer gutgeht. Wird es nicht. Eines Tages wacht man auf, und die Rechnung kommt.“

Ich öffnete die Tür. Der Hausflur war leer, nur der fernsehschein aus der Nachbarwohnung flackerte durch den Spion. Irgendwo hinter einer Tür kläffte ein Hund – der alte Dackel von Frau Schmitz aus dem dritten Stock, der immer um diese Zeit rausmusste.

„Tom?“ Markus’ Stimme war jetzt ganz dünn. „Das ist doch… wir sind doch Freunde. Seit der Grundschule. Du kannst nicht einfach…“

„Doch“, sagte ich. „Das kann ich. Und du kannst mir irgendwann danken. Oder auch nicht. Aber so zusehen, wie du dich selbst begräbst – das kann ich nicht mehr. Mach’s gut, Markus.“

Ich zog die Wohnungstür hinter mir zu, leise, fast sanft. Beim Hinuntergehen zählte ich die Stufen. Vierzehn bis zum zweiten Stock. Nochmal vierzehn bis zum ersten. Zwei Minuten später stand ich auf der Osterstraße, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Die Kälte tat gut. Sie war ehrlich. Sie stellte keine Bedingungen.

Mein Handy summte. Eine letzte Nachricht von Markus: „Wann sehen wir uns wieder?“

Ich starrte auf den Bildschirm, auf das kleine Profilfoto von uns beiden beim Hafengeburtstag, zwei Idioten mit Fischbrötchen und zu viel Astra. Dann tippte ich: „Gar nicht. Passt auf dich auf.“

Ich öffnete die Kontakte, scrollte zu seinem Namen. Löschen? Ja. Der Bildschirm leerte sich. Kein Foto mehr, nur noch elf Ziffern, die kein Gesicht mehr hatten. Dann ein leerer Platz, den mein Daumen nicht mehr antippen konnte.

Hinter mir rumpelte die S-Bahn über die Brücke Richtung Altona. Ich hatte plötzlich Lust auf etwas Süßes, auf ein Franzbrötchen von der Bäckerei am Bahnhof, die um diese Zeit noch offen hatte. Während ich darauf zuging, merkte ich, wie sich meine Schultern langsam lockerten. Es war vorbei. Es war schmutzig, es war traurig, es war ein verdammt hoher Preis für ein verdammt kurzes Video. Aber es war vorbei.

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Odissea
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