Zwei Wochen lang fauchte meine Katze und ließ mich nicht an das alte Sofa. Ich wollte sie schon weggeben, doch als der Nachbar das Möbelstück verschob, erklärte sich alles
Minka war nie eine böse Katze gewesen.
Stur, ja. Beleidigt, oft. Wenn ich eine andere Futtersorte kaufte, saß sie vor dem Napf und sah mich an, als hätte ich persönlich ihr Vertrauen zerstört. Nach dem Tierarztbesuch sprach sie stundenlang nicht mit mir, soweit Katzen eben sprechen. Aber fauchen? Kratzen? Das alte Sofa bewachen, als läge dahinter ein Königsschatz?
Nein.
Ich heiße Waltraud. Ich bin neunundsechzig und lebe allein in einer kleinen Wohnung in Erfurt. Allein, wenn man Minka nicht mitzählt. Mein Mann, Dieter, ist vor drei Jahren gestorben. Seitdem war die Wohnung voller Dinge, die gleichzeitig trösteten und wehtaten: seine Lesebrille in der Schublade, die alte Thermoskanne, der Mantel, den ich erst nach einem Jahr weggeben konnte.
Und das Sofa.
Es war alt, schwer, durchgesessen. Unsere Tochter sagte immer:
— Mama, dieses Ding muss endlich raus.
Aber ich brachte es nicht übers Herz. Dieter hatte jeden Abend darauf gelegen, die Fernbedienung auf dem Bauch, und war meistens eingeschlafen, bevor der Krimi richtig begann. Auf diesem Sofa hatte er auch Minka gehalten, als er sie damals nach Hause brachte — ein klatschnasses, wütendes Kätzchen aus dem Innenhof.
— Waltraud, sagte er, — sie hat entschieden, dass wir ihr Personal sind.
Er hatte recht.
Nach seinem Tod blieb Minka. Sie war kein Ersatz für einen Menschen, aber manchmal war ihr leises Schnurren das Einzige, was zwischen mir und der Stille stand.
Darum tat ihr erstes Fauchen so weh.
Es war ein gewöhnlicher Morgen im Dezember. Tee, leicht verbranntes Brot, ein grauer Himmel hinter den Gardinen. Ich nahm den Staublappen und ging ins Wohnzimmer. Als ich die Hand nach der Armlehne des Sofas ausstreckte, sprang Minka hervor.
Ihr Rücken wurde rund, der Schwanz dick, die Augen gelb und hart.
Sie fauchte so laut, dass ich zurückwich.
— Minka! Was soll das?
Sie blieb vor dem Sofa stehen. Sie griff mich nicht wirklich an. Sie warnte mich. Mit allem, was sie hatte.
Am nächsten Tag dasselbe.
Und am Tag danach.
Ich durfte nicht näher an das Sofa. Wenn ich mich bückte, um hinter die Lehne zu sehen, stellte sie sich sofort davor. Einmal war ich zu schnell, und sie schlug nach meiner Hand. Zwei feine Kratzer brannten auf der Haut.
Außerdem wurde sie runder. Schwerer. Sie bewegte sich vorsichtig. Ich dachte, ich hätte sie überfüttert, und gab ihr weniger. Heute schäme ich mich dafür. Sie begann, kleine Fleischstücke hinter das Sofa zu tragen. Einmal fand ich ein vertrocknetes Stück Huhn voller Staub am Sofafuß.
In der Ecke roch es seltsam. Warm, säuerlich, lebendig.
Meine Tochter Sabine rief abends an.
— Mama, was macht Minka?
— Sie hat mich gekratzt. Sie lässt mich nicht ans Sofa.
— Dann gib sie ab. Bitte. Du bist allein. Was, wenn sie dich ernsthaft verletzt?
— Sie ist nicht so.
— Vielleicht war sie nicht so. Tiere ändern sich.
Nach dem Telefonat öffnete ich eine Seite mit Vermittlungsanzeigen. „Liebe Katze sucht Zuhause.“ „Dringend.“ „An ältere Menschen gewöhnt.“ Ich starrte auf die Fotos und spürte, wie mir die Kehle eng wurde.
Minka weggeben?
Das letzte kleine Wesen, das Dieter mir praktisch in die Arme gelegt hatte?
Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
In der Nacht hörte ich ein Geräusch.
Ein sehr leises Fiepen.
Ich blieb im Bett liegen und lauschte. Nichts. Dann wieder: ein winziger Laut, kaum mehr als ein Atemzug.
Ich stand auf. Der Boden war kalt. Das Licht der Straßenlaterne zeichnete gelbe Streifen durch die Gardine. Minka lag am Sofa, dicht an die Wand gepresst. Sie fauchte nicht. Sie sah mich nur an.
Müde.
Wachsam.
Fast bittend.
Zurück im Schlafzimmer blieb mein Blick an Dieters Foto hängen. Er stand am Meer, die Jacke offen, der Wind in den Haaren. Und plötzlich hörte ich seine Stimme in meinem Kopf:
Erst nachsehen, Waltraud. Dann entscheiden.
Am nächsten Morgen rief ich Herrn Krüger aus dem Erdgeschoss an.
— Könnten Sie mir helfen, das Sofa zu verschieben?
— Ist etwas dahinter gefallen?
— Vielleicht mehr als etwas.
Er kam in Strickjacke und Hausschuhen. Seine Frau Frau Krüger kam mit, offiziell „weil vier Hände besser sind“, inoffiziell, weil im Haus niemand einer geheimnisvollen Sofaverschiebung widerstehen konnte.
Minka versteckte sich unter dem Küchentisch. Sie lief nicht zum Sofa. Sie zitterte nur, die Pupillen groß und schwarz.
— Langsam, sagte ich.
Herr Krüger fasste eine Seite, ich die andere. Das Sofa scharrte über das Parkett. Staub stieg auf und tanzte im Morgenlicht.
Dann hörten wir es.
Ein Fiepen.
Dann noch eins.
Hinter dem Sofa, in einer alten Decke, die irgendwann hinuntergerutscht sein musste, lagen vier winzige Kätzchen. Blind, kaum größer als meine Hand, mit rosa Nasen und Körpern, die bei jedem Atemzug bebten.
Frau Krüger schlug die Hand vor den Mund.
— Ach du lieber Gott… sie hat Junge bekommen.
Minka kam langsam aus der Küche. Kein Fauchen. Kein Kratzen. Sie schlich zu den Kleinen, legte sich um sie herum und zog sie mit der Pfote an ihren Bauch.
Ich setzte mich auf den Boden und weinte.
Aus Scham.
Zwei Wochen lang hatte ich gedacht, sie sei gefährlich geworden.
Dabei war sie Mutter geworden.
Sie hatte nicht mich bekämpft. Sie hatte ihre Kinder geschützt.
Herr Krüger holte einen Karton. Frau Krüger brachte Handtücher und eine Wärmflasche. Ich rief die Tierärztin. Sie kam am Nachmittag, untersuchte Minka und die Kleinen.
— Die Mutter ist erschöpft, aber sie hat gut gehandelt. Die Kleinen brauchen Wärme und Ruhe. Und Sie brauchen Geduld. Bitte nehmen Sie ihr das Kratzen nicht übel. Sie hat verteidigt, was sie nicht anders erklären konnte.
Was sie nicht anders erklären konnte.
Diese Worte blieben bei mir.
Wie oft hatte ich selbst Dinge verteidigt, ohne erklären zu können, warum? Meine Tochter, als sie klein war. Dieter in seiner Krankheit. Später die Erinnerung an ihn. Manchmal sieht Schutz von außen wie Härte aus.
Sabine kam am nächsten Tag.
— Mama, stimmt das mit den Kätzchen?
Sie stand im Wohnzimmer und wurde ganz still. Neben der Heizung lag Minka im Karton, vier kleine Körper an ihrem Bauch.
— Ich wollte, dass du sie weggibst, sagte Sabine leise.
— Du hattest Angst um mich.
— Ja. Aber Angst ist manchmal ein schlechter Ratgeber.
Sie setzte sich neben mich auf den Teppich. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie keine Eile. Wir tranken Tee und sahen den Kätzchen beim Schlafen zu.
In den nächsten Wochen war meine Wohnung nicht mehr still. Es fiepte, raschelte, tappte. Frau Krüger kam jeden Tag „nur kurz“. Herr Krüger baute eine kleine Kiste. Sabine brachte Futter und blieb immer länger.
Als die Kleinen groß genug waren, fanden drei ein Zuhause. Eines nahm Sabine für meine Enkelin. Das kleinste blieb bei mir. Ich nannte ihn Dieterchen, auch wenn Sabine lachte und sagte, das sei kein Katzenname.
Das alte Sofa wurde abgeholt.
Ich weinte, als die Männer es hinuntertrugen. Aber dann begriff ich: Dieter wohnte nicht in dem Möbelstück. Er wohnte in dem, was er mir beigebracht hatte — erst hinsehen, dann urteilen.
Jetzt steht ein Sessel im Wohnzimmer. Daneben ein Korb. Minka und Dieterchen schlafen darin, eng aneinandergerollt.
Manchmal sehe ich auf meine Hand. Die Kratzer sind fast verschwunden.
Aber die Erinnerung daran nicht.
Nicht jedes Fauchen ist Bosheit.
Nicht jede Kralle will verletzen.
Manchmal schützt jemand nur etwas, das zu klein ist, um sich selbst zu retten.
Und manchmal muss man ein altes Sofa verschieben, um zu verstehen, dass hinter der Angst Liebe lag.
