Als ich fünfzehn war, gab es diesen einen Jungen aus der Parallelklasse in meinem Gymnasium in Freiburg, den ich einfach nicht aus dem Kopf bekam. Er hieß Jonas Brenner, saß immer zwei Reihen weiter vorn im Bus zur Schule, und ich habe nie ein Wort mit ihm gewechselt. Nicht ein einziges. Meine Freundinnen wussten es natürlich – man verrät solche Dinge in der zehnten Klasse an niemanden außer der besten Freundin, und die verplappert sich dann prompt beim nächsten Pausenhof-Treffen. Kaum kam er vorbei, wurde gekichert, gestupst, getuschelt. Ich wurde rot bis zum Ansatz meines viel zu ausrasierten Pony und sagte kein Wort.
Ich war überzeugt, für ihn war ich Luft. Einfach eine von zweihundert Schülern, die morgens durch die gleiche Eingangstür strömen.
Dann kam das Abitur, und mit ihm das Ende dieser stillen, nie ausgesprochenen Geschichte. Meine Eltern zogen zwei Jahre später nach Österreich, wegen des Jobs meines Vaters, und ich zog mit. Studium in Innsbruck, Betriebswirtschaft, dann die erste eigene Wohnung, zwei längere Beziehungen, eine davon fast eine Verlobung. Mit der Zeit verblasste die Erinnerung an Jonas zu etwas, das ich höchstens noch beim Durchblättern alter Fotos wiederfand.
Vor sechs Jahren zog meine Familie zurück nach Freiburg, und ich mit ihr. Im Dezember desselben Jahres organisierte unsere alte Schule ein großes Klassentreffen – nicht nur mein Abiturjahrgang, sondern gleich mehrere Jahrgänge zusammen, in der Aula, mit Sekt aus Plastikbechern und einer Fotowand aus alten Klassenfotos. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt gehen soll. Zu fast allen hatte ich den Kontakt verloren. Aber meine alte Banknachbarin Miriam hat mich buchstäblich am Telefon zermürbt, bis ich zusagte.
Ich ging hin. Grüßte hier, umarmte dort, stand mit einem Glas Sekt in der Hand und erkannte kaum die Hälfte der Gesichter wieder. Und dann sah ich ihn. Sofort erkannt, obwohl er natürlich nicht mehr der Junge aus dem Schulbus war – breitere Schultern, ein Bart, den er damals nicht hatte. Ich dachte, wir würden uns höchstens kurz zuwinken, ein "Hallo, lange nicht gesehen" murmeln und weiterziehen.
Aber er kam auf mich zu. Nannte mich beim Namen. Und fragte: "Wo bist du die ganze Zeit gewesen?"
Wir haben fast den ganzen Abend geredet, an einem Stehtisch neben der Fensterfront, während draußen der erste Schnee auf den Schulhof fiel, auf dem wir früher in der Pause standen. Irgendwann sagte er: "Nach dem Abi warst du einfach weg." Ich musste lachen. Richtig laut, mitten im Gespräch. Weg von wo, dachte ich – ich wusste ja nicht mal, dass er mich überhaupt registriert hatte.
Am nächsten Tag schrieb er mir eine SMS: ein Foto vom verschneiten Schulhof, mit der Unterschrift "sieht immer noch genauso aus". Ich antwortete erst zwei Stunden später, weil ich den Text sechsmal umgeschrieben hatte, bevor ich ihn auf "gut, danke, und dir?" reduzierte. Von da an schrieben wir uns jeden Abend. Nach zwei Wochen schlug er Kaffee im Café am Martinstor vor. Ich sagte zu und sagte dann fast wieder ab, weil ich Angst hatte, dass wir uns gegenübersitzen und nichts mehr zu sagen haben würden, so wie es mit einem Kollegen ein Jahr zuvor gewesen war – drei Nachrichten voller Funken, dann ein Treffen aus lauter Schweigen.
Es kam anders. Wir saßen zwei Stunden bei einem einzigen Milchkaffee, der längst kalt war, und redeten über alles außer über uns. Erst als er ging, an der Tür, drehte er sich noch einmal um und sagte, er würde gern bald wieder mit mir hier sitzen. Wir trafen uns danach jedes Wochenende. Ein Spaziergang am Schlossberg, bei dem er mir half, über eine vereiste Wurzel zu steigen, und seine Hand dann nicht mehr losließ. Ein Abend vor der Bäckerei an der Ecke, wo er als Kind Brötchen holen musste, an dem er mich zum ersten Mal küsste, mitten im Satz, sodass ich gar nicht wusste, wie der Satz eigentlich geendet hätte.
Doch dann, mitten im Dezember, kam eine Nachricht von ihm, die alles ins Wanken brachte: "Ich glaube, wir sollten langsamer machen." Kein Grund, keine Erklärung, nur dieser eine Satz um halb elf abends. Ich habe die ganze Nacht wach gelegen und mir ausgemalt, dass ich mir das Ganze eingebildet hatte, dass er in Wahrheit doch nur höflich gewesen war, damals auf dem Klassentreffen, und jetzt einen Ausweg suchte. Am nächsten Morgen rief ich ihn an, statt zu schreiben. Seine Stimme klang belegt, als hätte er selbst kaum geschlafen. Er erzählte, dass er kurz vor dem Klassentreffen aus einer Beziehung gekommen war, die ihn hart getroffen hatte, und dass ihm plötzlich Angst gemacht hatte, wie schnell zwischen uns alles wieder vertraut wurde – so vertraut, dass er dachte, es könne nicht echt sein. Wir haben an diesem Telefon fast eine Stunde geredet, bis er schließlich sagte, er wolle es trotzdem versuchen, mit mir, langsam, aber ernsthaft.
Ein paar Wochen später saßen wir bei ihm in der Küche, ein Teller mit angebrannten Rühreiern zwischen uns, weil er beim Kochen mehr redete als aufpasste, als ich ihm gestand, dass ich ihn fast die ganze Schulzeit über gemocht hatte. Er legte die Gabel ab. Sagte eine Weile gar nichts, sah nur auf die Tischplatte, dann zu mir, und sein Mundwinkel zuckte, als würde er ein Lachen unterdrücken.
"Du hast mir auch gefallen", sagte er schließlich.
Ich glaubte ihm nicht. Ich schüttelte den Kopf, sagte, das könne nicht sein, ich hätte doch nie ein Anzeichen dafür bemerkt. Da fing er an, Details zu erzählen, die er sich unmöglich hätte ausdenken können: wo ich bei den Schulveranstaltungen gesessen hatte, welchen Rucksack ich in der zehnten Klasse getragen hatte. Er erzählte, dass er manchmal absichtlich einen Umweg über den anderen Flügel des Gebäudes gemacht hatte, nur um an meinem Klassenzimmer vorbeizukommen, und dass er sich mehrmals einen Vorwand ausgedacht hatte, um mich anzusprechen, ihn dann aber jedes Mal wieder verworfen hatte. Meine Hände wurden kalt um die Kaffeetasse, während er sprach, und ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen, noch bevor ich begriffen hatte, warum.
"Ich dachte, ich hätte bei dir keine Chance", sagte er.
"Ich habe genau dasselbe gedacht", sagte ich.
Wir saßen da, die Rühreier längst kalt, und lachten, bis uns die Bauchmuskeln wehtaten, und ärgerten uns gleichzeitig über fünfzehn verschenkte Jahre.
Drei Jahre nach diesem Klassentreffen haben wir geheiratet, standesamtlich in Freiburg, mit anschließendem Essen im Gasthaus am Schlossberg, wo Miriam eine Rede hielt, bei der die halbe Familie weinte. Dieses Jahr feiern wir fünf Jahre Ehe. Wir haben zweijährige Zwillinge, die das ganze Haus auf Trab halten, und wir sind beide vollkommen verliebt in sie – auch wenn keiner von uns mehr weiß, wie ein durchgeschlafener Sonntag sich anfühlt.
Von Zeit zu Zeit streiten wir noch darüber, wer zuerst hätte den Mund aufmachen müssen, damals im Schulflur. Er sagt: "Du hast immer so ausgesehen, als wolltest du, dass keiner mit dir redet." Ich antworte: "Und du warst immer von so vielen Freunden umgeben, dass es unmöglich schien, überhaupt an dich heranzukommen."
Neulich haben wir beim Ausräumen des Kellers ein altes Abifoto gefunden, in einer Zigarrenkiste zwischen Vaters alten Kassetten. Wir sind beide darauf, jeder mit seiner eigenen Gruppe, ziemlich weit voneinander entfernt am Rand des Schulhofs. Ich habe das Foto behalten und mit einer Reißzwecke an die Pinnwand in der Küche gehängt, direkt neben den Zettel mit dem Kinderarzttermin der Zwillinge.
