Ingrid Lachmann hatte zweiunddreißig Jahre lang bei der Sparkasse Aschaffenburg Geld gezählt, und sie glaubte, jede Sorte Mensch gesehen zu haben, die durch die Tür kam. Aber an diesem Dienstag im März, als Kerstin Brandner mit einem Ordner unter dem Arm hereinkam und sich ihr am Schalter gegenübersetzte, spürte Ingrid sofort, dass etwas nicht stimmte. Kerstin war um die dreißig, blass um die Wangen, und der Ordner, den sie auf den Tresen legte, steckte voller gelber Klebezettel.
„Ich möchte ein gemeinsames Konto prüfen lassen", sagte Kerstin. „Und es vielleicht auflösen."
Das Konto gehörte Kerstin und ihrer Schwiegermutter, Renate Voss. Eröffnet worden war es vor fünf Jahren, als Kerstins Mann Thomas bei einem Autounfall auf der B26 bei Kleinostheim ums Leben kam. Renate war damals diejenige gewesen, die die Familie zusammengehalten hatte – oder so hatte es von außen ausgesehen. Sie zog „nur für eine Weile" ins Gästezimmer, kümmerte sich um die Enkelin Paula, während Kerstin als Pflegehelferin Doppelschichten schob, kochte jeden Sonntag Rouladen. Und sie hatte darauf bestanden, dass Kerstin sie Mama nannte. „Deine eigene Mutter ist tot, ich bin, was dir bleibt", hatte Renate schon bei der Beerdigung gesagt, die Hand fest um Kerstins Arm gelegt.
Ingrid loggte sich ins System ein und blätterte durch die Umsätze, während Kerstin schweigend an einem Ring drehte, den sie nicht mehr am richtigen Finger trug.
Auf der dritten Seite des Auszugs blieb Ingrids Finger hängen. Alle vierzehn Tage, fünf Jahre lang, waren zweihundertzwanzig Euro vom Konto auf ein anderes Konto verschwunden, registriert auf eine Firma: Voss Beratung UG. Insgesamt: achtundzwanzigtausendsechshundert Euro.
„Wissen Sie, was das für eine Firma ist?", fragte Ingrid und drehte den Bildschirm, damit Kerstin ihn sehen konnte.
Kerstin las den Text zweimal. Draußen vor dem Fenster fuhr ein gelber Stadtbus vorbei, und jemand in der Schlange hinter ihnen hatte einen Hund an der Leine, der ungeduldig winselte. Kerstin roch den Kaffee aus dem Automaten in der Ecke – dieser bittere Geruch, den sie immer mit Wartezimmern und schlechten Nachrichten verband.
„Das ist keine Firma", sagte sie schließlich. „Das ist ihr eigenes Konto. Unter einem anderen Namen."
Sie hatte den Brief drei Wochen zuvor aus Versehen gesehen. Einen Kontoauszug, der auf dem Küchentisch liegen geblieben war, zwischen Quittungen und Paulas Hausaufgabenheften vergessen. Damals hatte sie nicht verstanden, was sie da vor sich hatte. Jetzt verstand sie es.
Renate hatte sich nicht nur aus Fürsorge um Paula gekümmert. Sie hatte sich ein Polster aufgebaut, zweihundertzwanzig Euro auf einmal, von Geld, das Kerstin für Miete, Kita und Paulas Fußballcamp in Miltenberg gedacht hatte. Und die ganze Zeit hatte sie sonntags am Küchentisch gesessen und gesagt: „Du weißt doch, dass ich dich wie meine eigene Tochter sehe, Kerstin. Nenn mich Mama, das ist das Mindeste, was du für all das tun kannst, was ich opfere."
Ingrid sagte nichts zu ihrer eigenen Meinung – das war nicht ihre Aufgabe. Aber sie schob ein Formular über den Tresen, bedächtiger als sonst, und zeigte mit dem Kugelschreiber auf die Zeile, wo stand: „Gemeinschaftskonto auflösen – erfordert Unterschrift beider Parteien oder Beschluss des alleinigen Kontoinhabers bei Umwandlung in Einzelkonto."
„Wenn Sie es in ein privates Konto auf Ihren Namen umwandeln möchten, können Sie das laut Vorschrift allein tun, da Sie als Hauptkontoinhaberin geführt sind. Aber Sie müssen die andere Partei schriftlich benachrichtigen."
Kerstin unterschrieb noch am selben Nachmittag. Sie entschied sich, nicht anzurufen. Sie schickte den Brief per Einschreiben mit Rückschein an die Adresse, wo Renate seit einem halben Jahr wohnte – nicht mehr im Gästezimmer, sondern in einer Zweizimmerwohnung in der Schweinheimer Straße, für deren Kaution Kerstin selbst mitbezahlt hatte.
Renate kam vier Tage später zu Kerstins Wohnung in Damm, an einem Samstag, mit einer Tüte Rouladen, die sie unnötigerweise aufgetaut hatte, weil niemand sie mehr zum Sonntagsessen bat.
„Was soll dieser Brief", sagte sie und hielt ihn hoch, als wäre das Papier selbst ein Übergriff. „Du kannst mich nicht einfach so aussperren."
Kerstin stand im Flur, Paula hinter ihr, die Siebenjährige mit einem Radiergummi in Igelform in der Hand, betrachtete ihre Großmutter mit jener Aufmerksamkeit, die Kinder haben, wenn Erwachsene mit der falschen Stimme sprechen.
„Ich habe dich von nichts ausgesperrt", sagte Kerstin. „Ich habe mein Geld von einem Konto genommen, von dem du abgehoben hast, ohne zu fragen. Achtundzwanzigtausendsechshundert Euro, Renate. In fünf Jahren."
„Ich habe es für Paula zurückgelegt! Für ihre Ausbildung!"
„Dann gibt es einen einfachen Weg, das zu beweisen. Eröffne ein Sparkonto auf ihren Namen und zahl das Geld dort ein. Ich komme morgen mit zur Bank."
Renate sagte nichts. Paula zog am Pullover ihrer Mutter und fragte, ob Oma zum Essen bleiben würde, und genau diese Frage – gestellt ohne Hintergedanken, mit der reinen Logik eines Kindes – ließ etwas im Raum lockerer werden. Renate legte die Tüte mit den Rouladen auf die Flurmatte, als wüsste sie plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen, und ging.
Sie erschien am nächsten Tag nicht bei der Bank.
Drei Wochen später bekam Kerstin einen Anruf von einer Cousine: Renate hatte die Wohnung in der Schweinheimer Straße gekündigt und war zu ihrer Schwester nach Miltenberg gezogen. Niemand hatte je etwas von einem Sparkonto auf Paulas Namen gehört.
Kerstin ließ noch in derselben Woche das Schloss der Wohnungstür austauschen – nicht aus Angst, sondern weil Renate noch einen Zweitschlüssel aus der Gästezimmer-Zeit hatte, und Kerstin wollte sich nicht länger fragen müssen, wer hereinkommen könnte, während sie bei der Arbeit war. Sie legte den alten Ordner mit den Kontoauszügen in eine Kiste zusammen mit dem Nachlassverzeichnis von Thomas und ließ bei einer Notarin in der Weißenburger Straße ein neues Testament aufsetzen, in dem Paula als alleinige Erbin von allem eingesetzt war, was Kerstin besaß, ohne Umwege.
Am nächsten Sonntag kochte Kerstin ihre eigenen Rouladen, schlechter als Renates, ein bisschen zu salzig, und Paula aß trotzdem zwei Portionen und nannte sie einfach Mama, wie sie es immer getan hatte, ohne dass jemand sie je darum hätte bitten müssen.
Ein Jahr später, als Kerstin vor einem Umzug einen Abstellraum ausräumte, fand sie einen zusammengefalteten Beleg in einem alten Schuhkarton – eine Quittung über eine Einzahlung, gemacht nur zwei Tage nach Renates Umzug nach Miltenberg, neuntausendfünfhundert Euro, eingezahlt auf ein Konto auf Renates eigenen Namen, nicht auf Paulas. Kerstin las ihn einmal, legte ihn zurück in den Karton, und sagte niemandem etwas davon.
