Julia las die Nachricht im Bürochat und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.
„Samstag, 18 Uhr, Café Minze. Kuchen, Musik, Karaoke. Keine Ausreden!”
Sie war dreißig, geschieden, Mutter von zwei Kindern und so müde, dass Schlaf allein nichts mehr reparierte. Ihre Tochter Mia wollte Zöpfe wie eine Prinzessin. Ihr Sohn Ben verlor Schuhe mit einer Begabung, die fast künstlerisch war. Ihr Exmann Felix kam an Wochenenden, wenn er sich daran erinnerte, dass Vatersein mehr war als Überweisung.
— Kommst du? — fragte Kollegin Caro. — Und sag nicht wieder: „die Kinder”. Du bist auch noch da.
Am Samstag kam Felix zwei Stunden zu spät. Mia weinte, Ben versteckte einen Schuh, Julias Mutter seufzte am Telefon, nahm die Kinder aber. Julia zog ein Kleid an, das sie lange nicht getragen hatte, und erschrak fast, als sie im Spiegel eine Frau sah.
Im Café war es laut und warm. Caro umarmte sie.
— Schön, dass du da bist.
Julia saß mit Saft am Tisch, nickte, lächelte, hörte zu. Dann begann der Sänger ein altes Lied. Eines aus ihrer Studienzeit, als sie noch glaubte, Liebe sei ein Versprechen, das sich von selbst hält.
Sie weinte.
Der Sänger hieß Leon. Am nächsten Morgen schrieb er:
„Kaffee? Einfach so. Ihr Blick gestern blieb mir im Kopf.”
Die ersten Wochen fühlten sich leicht an. Leon brachte Blumen, wartete vor dem Büro, fragte nach Mia und Ben. Er sagte:
— Deine Kinder sind kein Hindernis. Sie sind dein Leben. Wer dich will, muss das wissen.
Julia wollte glauben, dass es so einfach war.
Ihre Mutter warnte:
— Ein Sänger aus einem Café? Kind, du bist hungrig nach netten Worten. Verwechsel das nicht mit Liebe.
Julia wurde wütend.
Eines Abends wollte sie Leon überraschen. Er sollte bis zehn auftreten. Sie ließ die Kinder bei ihrer Mutter und ging ins Café.
Leon stand nicht auf der Bühne.
Er stand bei einer eleganten Frau am Tresen. Sie lachten. Er nahm ihre Hand. Dann verschwanden sie hinter der Personaltür.
Julia ging.
Vor ihrem Haus wartete Felix. Zerzaust, müde, wütend.
— Wo warst du?
— Das geht dich nichts an.
— Mia hat geweint. Ben wollte nicht schlafen. Sie fragen, ob du jetzt auch weggehst.
Julia spürte, wie etwas in ihr hart wurde.
— Du willst mir das sagen? Du, der seit einem Jahr nur Vater nach Kalender ist?
Felix sah weg.
— Heute habe ich gemerkt, dass ich nicht weiß, welches Nachtlicht Ben braucht. Nicht, welche Geschichte Mia beruhigt. Ich habe mich geschämt.
Julia ging nach oben. Die Kinder schliefen. Mia hielt ihr Halstuch fest. Ben hatte einen Schuh im Bett. Julia setzte sich in den Flur und weinte. Nicht wegen Leon. Wegen der eigenen Sehnsucht, die so groß gewesen war, dass ein Lied genügte, um Hoffnung daraus zu machen.
Am Morgen erklärte Leon, die Frau sei die Cafébesitzerin, es sei um einen Vertrag gegangen. Vielleicht stimmte es.
Julia traf ihn im Park.
— Ich weiß nicht, ob du gelogen hast. Aber ich weiß, dass ich zu schnell bereit war, gerettet zu werden.
— Und jetzt?
— Jetzt rette ich mich selbst.
Felix lernte langsam, Vater zu sein. Nicht perfekt, aber anwesend. Julia ging mittwochs tanzen. Erst steif, dann freier.
Und als Mia fragte:
— Mama, bist du wieder glücklich?
Antwortete Julia:
— Ich übe noch. Aber diesmal für mich.
