— Entschuldigen Sie, ist der Bus nach Hohenfeld schon weg?
Ingrid Schuster sah von der Bank auf. Vor ihr stand ein Mann Mitte fünfzig, außer Atem, Arbeitsjacke, Jogginghose, eine abgewetzte Tasche über der Schulter. Er hatte einen grauen Schnurrbart und sah aus wie jemand, der mit Fremden redete, als wäre die Welt noch ein Dorf.
— Keine Ahnung — sagte sie kühl.
— Sie sitzen doch an der Haltestelle.
— Ich warte auf niemanden.
Das stimmte. Und gerade deshalb tat es weh.
Eine Stunde zuvor war Ingrid aus ihrer Wohnung in Augsburg gegangen, weil ihr die Stille den Atem genommen hatte. Sie hatte ihr Leben allein verbracht und es nie bereut. Keine Ehe, keine Kinder, keine fremden Wünsche. Dreißig Jahre lang war sie Buchhalterin im Restaurant „Goldene Krone“ gewesen. Hochzeiten, Jubiläen, Musik, Stimmen, Rechnungen. Sie hatte die Freude anderer gezählt und sich dabei nie einsam gefühlt.
Dann kam ein neuer Besitzer. Jung, modern, ungeduldig. Ingrid sei „nicht digital genug“. Also Rente.
Anfangs war es schön. Ausschlafen. Spaziergänge. Kuchen am Nachmittag. Dann wurden die Tage gleich. Niemand rief an. Niemand fragte, ob sie gut nach Hause gekommen war. Niemand brauchte sie.
Der Mann setzte sich.
— Tja. Verpasst. Dann schlafe ich wohl hier.
— Auf der Bank?
— Taxi fährt nachts nicht gern raus ins Dorf. Und wenn, dann kostet es mehr als meine Schicht bringt.
Er zog ein in Papier gewickeltes Brot hervor.
— Wurstbrot? Sie sehen aus, als hätten Sie nichts gegessen.
— Ich nehme nichts von fremden Männern.
— Dann bin ich jetzt nicht mehr fremd. Ich heiße Franz. Nachtwächter. Früher Maschinenbauer, bis die Firma dichtmachte. Mutter ist alt, Medikamente teuer. Man tut, was man kann.
Ingrid wollte ablehnen. Dann roch sie das frische Brot. Sie biss hinein. Es war schlicht und köstlich.
Franz grinste und goss Tee aus einer Thermoskanne.
— Vorsicht. Zu süß. Aber wärmt.
Sie trank. Die Wärme tat ihr fast weh.
Sie redeten. Über Arbeit, die plötzlich endet. Über Menschen, die weggehen. Über Mütter, die alt werden und trotzdem schimpfen. Franz lachte oft, aber seine Augen blieben müde.
— Wohnen Sie weit? — fragte er.
Ingrid zeigte auf das Haus gegenüber.
— Dort.
— Dann gehen Sie heim. Es wird kalt.
Er verlangte nichts. Genau das bewegte sie.
— Kommen Sie mit. Ich habe eine Küchenliege. Aber ich schließe mein Zimmer ab.
Franz wurde rot.
— Frau Ingrid, das ist doch…
— Entweder Sie kommen jetzt, oder ich überlege es mir anders.
Am Morgen weckte sie ein Klappern. Franz reparierte den tropfenden Spülkasten.
— Der hat die ganze Nacht gesungen. Vielleicht reicht das für ein Frühstück.
Ingrid stand im Türrahmen.
— Rührei mit Tomaten?
— Dafür würde ich fast noch einen Bus verpassen.
Er blieb bis zur nächsten Schicht. Dann kam er wieder. Erst wegen eines Werkzeugs, dann wegen der Waschmaschine, dann wegen Ingrid. Sie kochte wie früher im Restaurant. Er küsste ihr die Hände und sagte:
— Ich glaube, ich habe nicht den Bus verpasst. Ich habe mein Glück erwischt.
Heute wohnen sie zusammen. Franz arbeitet weiter, Ingrid wartet mit warmem Essen, weil Warten plötzlich kein leeres Wort mehr ist. Seine Mutter, eine kleine, scharfsinnige Frau, sagte bei ihrem ersten Besuch:
— Endlich hat mein Junge jemanden, der ihn nicht nur funktionieren lässt.
Ingrid hatte an jenem Abend auf nichts gewartet.
Aber manchmal weiß das Leben besser, worauf man wartet.
Und schickt es mit Schnurrbart, Thermoskanne und Wurstbrot an die letzte Haltestelle.
