Der Name im alten Karton

 

Johann fand seine Schwester nicht auf einem Foto.

Er fand sie in einem vergilbten Schreiben, das seine Mutter vierzig Jahre lang in einer Keksdose versteckt hatte.

Aber zuerst kam ihr Geständnis.

Seine Mutter, Margarete, lag im Sterben. Das alte Haus in der Eifel roch nach Kamillentee, Medikamenten und feuchtem Holz. Johann, sechsundfünfzig, saß neben ihr und hörte den Regen gegen die Scheiben schlagen.

— Ich habe dir ein Kind verschwiegen, sagte sie plötzlich.

Er dachte, sie träume.

— Eine Tochter. Clara. Sie war ein Jahr alt, als dein Vater verunglückte. Ich gab sie weg.

Diese drei Worte blieben in der Luft stehen.

Ich gab sie weg.

Margarete erzählte von Hunger, Schulden, einem Winter ohne Kohle, von einem Jungen in der Ausbildung und einem Baby, das nachts schrie. Sie erzählte nicht, um sich zu entschuldigen. Vielleicht wusste sie, dass es dafür keine Entschuldigung gab.

— Ich wollte sie holen, sagte sie. Dann habe ich mich geschämt. Dann war ich zu feige. Such sie, Johann. Wenn du kannst.

— Warum ich?

— Weil du vielleicht noch etwas gutmachen kannst, was ich nicht mehr kann.

Am Morgen war sie tot.

Die Leute auf dem Friedhof sagten, Margarete sei eine starke Frau gewesen. Johann fragte sich, ob Stärke manchmal nur ein anderer Name für gut versteckte Schuld ist.

In der Dose fand er den Hinweis: Kinderheim Trier, Aktennummer, Name Clara. Er begann zu suchen. Es war ein mühsamer Weg durch Archive, Anträge und verschlossene Gesichter. Erst ein pensionierter Heimleiter gab ihm den entscheidenden Namen.

— Sie wurde adoptiert. Neuer Name: Susanne Krämer.

Susanne lebte in Mainz und leitete eine kleine Buchhandlung.

Johann fuhr nicht sofort hin. Er schrieb. Drei Seiten, dann riss er sie weg. Am Ende blieb nur eine halbe Seite Wahrheit.

„Ich glaube, wir sind Geschwister. Ich erwarte nichts. Aber ich wollte nicht noch einmal schweigen.”

Susanne antwortete nicht.

Dann, sechs Wochen später, stand sie vor seinem Gartentor.

— Ich wollte sehen, ob du echt bist, sagte sie.

Sie war kleiner, als er erwartet hatte, und sah ihm ähnlicher, als ihm lieb war.

Im Haus stellte er Kaffee hin. Sie berührte die Tasse nicht.

— Hat sie gelitten? fragte Susanne.

— Ja.

— Gut, sagte sie leise. Dann erschrak sie über sich selbst. — Nein. Nicht gut. Ich weiß nicht.

— Du musst nichts wissen.

Sie weinte erst, als Johann ihr das Foto gab: Margarete mit einem Baby auf dem Arm. Auf der Rückseite stand: „Clara, Sommer 1981.”

— Sie hatte also ein Bild, flüsterte Susanne. Sie hätte kommen können.

— Ja.

Diese Antwort tat weh, aber sie war nötig.

Zum Grab gingen sie am nächsten Tag. Susanne stand lange davor.

— Ich lasse hier keine Tochter zurück, sagte sie. Ich lasse nur die Frage zurück, warum.

Johann sagte nichts.

Monate später kam sie wieder. Dann noch einmal. Sie verkaufte ihm ein Buch, obwohl er kaum las. Er reparierte ihr ein Regal in der Buchhandlung. Sie lernten, nicht die Vergangenheit zu füllen, sondern die Gegenwart nicht noch leerer zu lassen.

Am ersten Weihnachtsabend, den sie gemeinsam verbrachten, sagte Susanne:

— Ich kann sie nicht Mutter nennen.

Johann nickte.

— Musst du nicht.

— Aber dich vielleicht Bruder.

Das war leise gesagt.

Und doch war es lauter als vierzig Jahre Schweigen.

 

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