Der Brunch, den Sabine nicht rettete

Zehn Tage vor dem achtzigsten Geburtstag seiner Mutter verkündete Holger, dass siebenunddreißig Personen zum Sonntagsbrunch kommen würden.

Sabine stellte ihre Kaffeetasse ab.

— In unsere Wohnung?

— In den Gemeindesaal. Du hast doch gesagt, dort gibt es eine Küche.

Sabine hatte nichts von einem Gemeindesaal gesagt. Sie hatte lediglich erwähnt, dass ihre Nachbarin dort einmal einen Flohmarkt organisiert hatte.

Seit fünf Jahren bereitete Sabine jeden Geburtstag ihrer Schwiegermutter vor. Sie bestellte Brötchen, kochte Suppen, buk Kuchen und stellte Blumen auf die Tische. Holger begrüßte die Gäste und hielt eine Rede.

Dieses Jahr musste Sabine in der Woche davor mehrere Lohnabrechnungen für die Steuerkanzlei fertigstellen, in der sie arbeitete.

— Wir buchen einen Brunch in einem Café, sagte sie.

Holger lehnte ab.

— Meine Mutter mag keine unpersönlichen Feiern.

— Dann kochst du.

— Ich kann keine siebenunddreißig Leute versorgen.

— Ich auch nicht.

Er sagte, sie habe das bisher immer geschafft.

Sabine kannte diesen Satz. Er bedeutete nicht: Du bist stark. Er bedeutete: Deshalb darf sich nichts ändern.

Sie bat Holger, seine Geschwister um Hilfe zu bitten. Zwei Tage später rief seine Schwester Claudia an.

— Warum möchtest du nicht, dass wir etwas mitbringen?

Sabine schloss kurz die Augen.

Holger hatte behauptet, sie werde nervös, wenn andere sich einmischten.

Am Abend stellte sie ihn zur Rede.

— Ich wollte nur vermeiden, dass alles durcheinandergerät, sagte er.

— Du wolltest vermeiden, Verantwortung abzugeben, weil du selbst keine übernehmen möchtest.

Holger wurde laut.

— Es geht um meine Mutter!

— Genau. Deine Mutter.

Am nächsten Morgen reservierte Sabine für zwanzig Personen einen großen Tisch in einer Bäckerei mit Café. Die übrigen eingeladenen Bekannten sollten am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen in den Gemeindesaal kommen. Dafür bestellte sie zwei Blechkuchen und mehrere Kannen Kaffee.

Dann rief sie ihre Schwiegermutter Renate an.

Renate war erleichtert.

— Ich wollte nie ein warmes Buffet am Vormittag. Holger meinte, das gehöre sich zum Achtzigsten.

Als Holger von der Änderung erfuhr, war er empört.

— Das sieht aus, als hätten wir gespart.

— Wir sparen vor allem meine Arbeitsstunden.

Am Geburtstag saß Renate im Café zwischen ihren Kindern und Enkeln. Sie konnte mit jedem sprechen. Sabine aß ihr Frühstück, solange es warm war.

Holger beobachtete die anderen Gäste. Niemand beschwerte sich.

Claudia sagte:

— Eigentlich ist das viel angenehmer als diese riesigen Buffets.

Renate nickte.

— Besonders für Sabine.

Holger schwieg.

Am Nachmittag im Gemeindesaal ging eine Kaffeekanne kaputt. Zwei Kuchen waren schneller aufgegessen als erwartet. Einige Gäste standen, weil Stühle fehlten.

Sabine unternahm nichts.

Holger musste neue Stühle holen, Kaffee nachbestellen und die Kuchenteller verteilen. Nach einer Stunde war sein Hemd am Rücken feucht.

— Kannst du kurz übernehmen? fragte er.

— Nein. Ich unterhalte mich gerade mit deiner Tante.

Er sah sie an, sagte aber nichts.

Später hielt Renate eine kleine Ansprache.

— Ich habe viele Jahre geglaubt, eine gute Familienfeier müsse aussehen, als wäre sie ohne Mühe entstanden. Dabei bedeutet das nur, dass man die Mühe einer Person nicht sehen will.

Sabine blickte zu ihr.

Renate lächelte entschuldigend.

Nach dem Fest räumten Holger, Claudia und deren Bruder den Saal auf. Sabine fuhr Renate nach Hause.

In der Wohnung der alten Dame stand ein Strauß auf dem Tisch.

— War es wirklich schön? fragte Sabine.

— Ja. Weil du heute nicht verschwunden bist.

Holger kam später nach Hause. Er setzte sich in die Küche.

— Ich dachte, du hättest gern alles unter Kontrolle.

— Ich hatte alles unter Kontrolle, weil sonst nichts passiert wäre.

Er nickte langsam.

Beim nächsten Familienbrunch stand Holger um sechs Uhr auf und fuhr Brötchen holen. Sabine hörte ihn in der Küche fluchen, weil die Eier zu weich waren.

Sie blieb noch zehn Minuten im Bett.

Als sie später an den Tisch kam, stellte Holger ihr einen Teller hin.

— Setz dich. Diesmal wird nichts mehr gerettet.

Die Eier waren tatsächlich zu weich.

Sabine aß sie trotzdem.

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