Ich heiße Jarek Wollny, ich bin vierunddreißig, und ich erzähle das hier, weil jeder in der Familie glaubt, er kennt die ganze Geschichte. Kennt er nicht. Die kennen nur das Ende, die Szene am Gartentor, wo ich dastand wie ein Idiot mit offenem Mund. Ich will erklären, wie ich dahin gekommen bin.
Meine Tante Renate ist die Witwe meines Onkels Dieter, der vor sechs Jahren gestorben ist. Das Grundstück in Werder an der Havel, mit dem kleinen Ferienhaus und dem verzogenen Apfelbaum, gehörte eigentlich meinem Großvater. Nach seinem Tod ist die Sache nie richtig geklärt worden — die Erbengemeinschaft ist bis heute nicht auseinandergesetzt, das Grundbuch steht noch auf dem Namen des Großvaters, und Tante Renate pflegt das Grundstück seit zwanzig Jahren, als wäre es ihres. Rechnerisch gehört es der ganzen Familie zusammen zur Hälfte der Erbmasse meines Großvaters, mein eigener Anteil daran ist ein Achtel. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum ich getan habe, was ich getan habe.
Ich arbeite als Kfz-Mechaniker in einer kleinen Werkstatt in Potsdam-Babelsberg, verdiene ordentlich, aber nicht üppig, und im März hat mir meine Freundin Beata den Laufpass gegeben, weil ich, ihre Worte, "nie ein eigenes Zuhause zustande bringe". Ich wohnte da noch bei meiner Mutter, mit vierunddreißig. Das saß tief. Und dann kam diese Frau in die Werkstatt — Grażyna, Polin, Küchenhilfe im Rehazentrum drüben, geschieden, mit einer erwachsenen Tochter in Stettin — und brachte ihren alten Opel Corsa zur Inspektion. Wir kamen ins Reden. Sie suchte für den Sommer ein Fleckchen zum Durchatmen, sagte sie, irgendwas Kleines, Ruhiges, mit Garten.
Und ich dachte: Da ist das Grundstück in Werder. Steht die meiste Zeit leer. Tante Renate kommt nur alle zwei, drei Wochen vorbei, gießt kurz und fährt wieder. Warum sollte das brachliegen, während jemand dafür bezahlen würde? Ich hab mir eingeredet, ich hätte ein Anrecht — bin ja Erbe, wenn auch nur zu einem Achtel, das rechnet man ja nicht nach, wenn man verzweifelt ist und beweisen will, dass man selbst mal was auf die Beine stellt. Ich hab Grażyna gesagt, das Grundstück gehöre der Familie, gehöre "auch mir", die Eigentümer seien praktisch nicht mehr da. Ich hab ihr den Brunnen gezeigt, die alte Handpumpe, den Schuppen mit dem Werkzeug. Sie hat mir vierhundertfünfzig Euro in bar gegeben, im Café am Bahnhof Werder, zwischen einem Kaffee und einem Stück Zwetschgenkuchen, und ich hab ihr versprochen, im Herbst würde ich "alles Rechtliche" klären, sogar von Verkauf war die Rede, irgendwann, wenn die Erbschaft durch ist.
War mir bewusst, dass das nicht ganz sauber war? Ja. Aber ich hab mir gesagt: Tante Renate wird's nicht mal merken, die Frau gießt ein bisschen, zahlt für den Wasserzähler, und im Herbst red ich mit der Tante, klär das familienintern, vielleicht darf Grażyna ja sogar bleiben. Ich hatte keinen Plan für den Fall, dass Tante Renate mitten im Sommer mit ihren leeren Einmachgläsern vor der Tür steht.
Genau das ist an einem Samstag im Juli passiert. Ich war in der Werkstatt, hatte drei Reifenwechsel und einen Kupplungsschaden vor mir, als Tante Renate mich anrief — die Stimme so schrill, dass mir der Schraubenschlüssel aus der Hand rutschte. Sie erzählte von einer fremden Frau im Garten, die behauptete, das Grundstück sei "auf Absprache" mit mir gemietet und sie zahle dafür, sie wolle es sogar kaufen. Ich hörte ihr zu und wusste sofort: Das ist Grażyna. Das ist mein Schlamassel.
Und dann tat ich das Schlimmste, was ich hätte tun können. Als Tante Renate mich direkt fragte, ob ich Geld genommen hätte, hab ich gelogen. Glatt, ohne zu stocken: "Welches Geld? Was redest du da? Ich hab niemandem was abgenommen." Warum? Nicht aus Berechnung — dafür war ich viel zu überrumpelt. Es kam einfach raus, wie ein Reflex. Ich stand in der Werkstatt, Ölgeruch in der Nase, den Schraubenschlüssel noch in der Hand, und hab meine eigene Tante belogen, weil die Wahrheit in dem Moment unerträglich klang.
Danach rief Grażyna an, mit Lautsprecher, vor Tante Renate und, wie ich später erfuhr, vor der halben Nachbarschaft — Frau Kowalski von nebenan, der alte Herr Brendel von zwei Grundstücken weiter. Grażyna schrie ins Telefon, ich solle die Wahrheit sagen, ich hätte ihr das Geld im Café am Bahnhof abgenommen, bar, sie hätte es abgezählt. Und ich — ich leugnete wieder. Sagte, sie verwechsle mich mit jemandem. Das Telefon in ihrer Hand, hörte ich später, fiel einfach ins Gras. Sie stand da, mitten in einem fremden Garten, um vierhundertfünfzig Euro und um ihre Sommerpläne betrogen, von einem Mann, den sie für ehrlich gehalten hatte.
Ich fuhr trotzdem hin. Musste ja, die Werkstatt hatte sowieso zu, Samstagmittag. Als ich durchs Gartentor kam, breites Grinsen aufgesetzt, so als würde ich zu einem Familienfest kommen — Tante Renate, drei Nachbarn, Grażyna mit knallroten Flecken im Gesicht — merkte ich, wie mir das Grinsen aus dem Gesicht rutschte, noch bevor Grażyna den Mund aufmachte. Sie sagte nur: "Gib mir mein Geld zurück, du Gauner. Jetzt. Vor allen Leuten." Ich versuchte es noch einmal, dünnhäutig: Ich kenne diese Frau kaum, sie verwechsle mich.
Da knarrte das Tor noch einmal. Ein Streifenpolizist aus Werder, von Frau Kowalski gerufen, stand plötzlich zwischen uns, ruhig, mit dem Klemmbrett unterm Arm, und fragte mich geradeheraus, ob ich einen Eigentumsnachweis oder eine Vollmacht der Eigentümerin hätte, um das Grundstück zu vermieten. Ich öffnete den Mund. Nichts kam raus. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Ausrede parat, und das Schweigen war lauter als jedes Geschrei vorher.
Was danach geschah, ging schneller, als ich dachte. Tante Renate holte am Montag ihre Kopie des Erbscheins und die Grundbuchauszüge aus einer Klarsichthülle im Küchenschrank und legte sie mir und Grażyna auf den Gartentisch — schwarz auf weiß, mein Großvater als eingetragener Eigentümer, die Erbengemeinschaft ungeteilt, kein einziges Wort über eine Vollmacht für mich. Sie erstattete keine Anzeige gegen mich, das wollte sie nicht, "wegen der Familie", sagte sie, aber sie ließ mich das Geld an Grażyna aus eigener Tasche zurückzahlen, in zwei Raten, bar, mit Quittung, die sie selbst aufsetzte und die wir beide unterschreiben mussten. Und sie tat etwas, das mich mehr traf als jede Anzeige: Sie strich meinen Namen von der Liste der Leute, die einen Schlüssel zum Gartenhaus haben, ließ das Schloss austauschen und gab Grażyna, die nichts dafür konnte, für den Rest des Sommers gegen eine ordentliche, schriftliche Kleingartenpacht von sechzig Euro im Monat tatsächlich einen Platz auf dem Grundstück — mit ihrer, Tante Renates, Unterschrift, nicht meiner.
Ich stehe jetzt manchmal vorm Tor in Werder, wenn ich Grażyna, mit der ich seltsamerweise noch rede, dort besuche. Heute steht sie am Gartentisch und kocht Johannisbeeren ein, der Topf dampft, sie rührt mit einem Holzlöffel, ohne aufzuschauen. Ich probiere den alten Schlüssel aus reiner Gewohnheit, obwohl ich längst weiß, dass er nicht mehr passt. Herr Brendel kommt am Zaun vorbei, mit einer Schubkarre Grünschnitt, bleibt kurz stehen und sagt nur: "Na, Jarek, Gartenarbeit ist auch für Ehrliche schwer genug." Dann schiebt er weiter. Ich stecke den nutzlosen Schlüssel zurück in die Tasche und bleibe noch einen Moment am Zaun stehen, während der Duft von gekochten Johannisbeeren über den Rasen zieht.
