Ich heiße Brigitte Vahlbruch, ich bin achtundfünfzig und wohne in Lemgo, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Mein Vater, Gerhard, hat vierzig Jahre lang eine kleine Schlosserei in der Mittelstraße geführt. Als er im Februar starb, war es März, bis ich überhaupt den Werkzeugkoffer aus der Werkstatt holte. Ich stand da, roch das alte Maschinenöl und die kalte Asche vom Ofen, und dachte, jetzt ist wenigstens die Ungewissheit vorbei. Ich hatte keine Ahnung, wie falsch das war.
Mein Neffe Kevin, Sohn meiner verstorbenen Schwester, hatte in der Werkstatt zuletzt mitgearbeitet. Vater hatte ihn nach der Ausbildung eingestellt, aus Mitleid, würde ich fast sagen, denn Kevin brach ständig Dinge ab, die er nicht bezahlen konnte. Ich hatte immer gedacht, die Werkstatt gehört mir und meinem Bruder Uwe zu gleichen Teilen, so hatte es Vater uns all die Jahre erzählt, bei jedem Sonntagskaffee, mit dem gleichen Satz: „Das teilt ihr euch, wenn ich mal nicht mehr bin.“
Beim Notar saß ich neben Uwe auf einem harten Holzstuhl, die Heizung im Amtszimmer in Detmold rauschte, und die Notarin, Frau Dr. Beckmann, las das Testament vor, ruhig, ohne aufzusehen. Die Werkstatt samt Grundstück, sechzigtausend Euro Maschinenwert, ging vollständig an Kevin. Uwe und ich bekamen jeweils ein Sparbuch mit viertausendzweihundert Euro. Ich hörte das Wort „vollständig“ und merkte, wie meine Finger den Griff meiner Handtasche fester umklammerten.
Kevin saß am anderen Ende des Tisches, in einer Jacke, die noch nach der Werkstatt roch, Benzin und Metallstaub, und er sah nicht mal zu uns rüber. Er zählte mit dem Daumen die Fingerknöchel der anderen Hand ab, einmal, zweimal, als müsse er sich selbst versichern, dass alles seine Ordnung hatte.
Uwe wollte sofort einen Anwalt einschalten, wegen Pflichtteil, wegen Anfechtung. Ich sagte ihm, wir sollten erst mit Kevin reden. Vielleicht, dachte ich damals noch, hatte Vater einen Grund gehabt, den wir nicht kannten. Vielleicht hatte Kevin sich in den letzten Jahren mehr gekümmert, als ich dachte, während ich mit meiner eigenen Familie in Bielefeld beschäftigt war und nur alle paar Wochen vorbeikam.
Ich fuhr am nächsten Nachmittag zur Werkstatt. Es war einer dieser trüben Septembertage, an denen es in Ostwestfalen schon um sechs dunkel wird, mit diesem feinen Nieselregen, der einem in den Kragen kriecht. Der Nachbarhund, ein alter Schäferhund namens Bruno, der Vater immer bis zum Tor begleitet hatte, lag noch immer vor der Einfahrt und hob nicht mal den Kopf, als ich kam. Das Radio in der Werkstatt lief, irgendein Lokalsender, Schlager, viel zu laut für den leeren Raum.
Kevin stand an der Drehbank, und als er mich sah, drehte er sich nicht um.
„Ich hab schon mit dem Steuerberater gesprochen“, sagte er, bevor ich überhaupt etwas gesagt hatte. „Die Werkstatt ist meine. Rechtlich sauber. Du kannst dir das Testament noch dreimal durchlesen, es ändert sich nichts.“
„Ich will dir gar nichts wegnehmen“, sagte ich. „Ich will wissen, warum.“
Er lachte kurz, ohne dass es lustig klang. „Warum. Weil ich hier jeden Samstag Überstunden gemacht hab, während du und Onkel Uwe eure eigenen Leben hattet. Weil der Opa mir das versprochen hat, letztes Jahr im Krankenhaus, als ihr beide gerade mal nicht da wart.“
Ich fragte, ob es dafür Zeugen gäbe. Er sagte, das sei doch egal, es stünde ja im Testament. Ich fragte, wer den Termin beim Notar gemacht hatte, im Januar, als Vater schon kaum noch aufstehen konnte. Kevin sagte, das ginge mich nichts an.
Dann sagte er etwas, das ich seitdem nicht vergessen habe. Er sagte: „Wenn's dir nicht passt, verklag mich doch. Aber ich warne dich, das dauert Jahre, und am Ende steht hier trotzdem mein Name auf dem Schild.“
Ich ging nicht sofort zum Anwalt. Ich fuhr erst zu Frau Reinecke, der Buchhalterin, die seit fünfzehn Jahren die Zahlen der Werkstatt gemacht hatte, auch privat, für Vaters Steuererklärung. Sie machte mir Kaffee in ihrer Küche in Detmold-Pivitsheide, und dabei erzählte sie mir, ganz beiläufig, dass Vater ihr im Januar einen Auftrag gegeben hatte: Sie solle die Kontoauszüge der letzten zwei Jahre zusammenstellen, für ein Gespräch mit einem Anwalt in Bielefeld. Ein Anwalt, den Vater aufgesucht hatte, ohne mir oder Uwe etwas zu sagen.
Ich fand die Kanzlei über die Telefonnummer, die noch in Vaters altem Adressbuch stand, unter „N., wegen Testament“. Herr Nikolaidis, ein Fachanwalt für Erbrecht, erinnerte sich sofort an meinen Vater. Er sagte, mit meiner Erlaubnis und der Kopie des Erbscheins könne er mir Auskunft geben, denn Vater hatte bei ihm am 14. Januar, vier Wochen vor seinem Tod, ein zweites, ein wirklich letztes Testament unterzeichnet. Am selben Tag hatte Vater sich zuvor bei seinem Hausarzt eine schriftliche Bestätigung seiner Geschäftsfähigkeit ausstellen lassen, eigens dafür, wie Herr Nikolaidis sagte, „damit später niemand daran zweifeln kann“.
In diesem Testament hatte Vater die Werkstatt zu je einem Drittel an mich, Uwe und Kevin verteilt. Nicht vollständig an Kevin. Das Testament, das die Notarin in Detmold vorgelesen hatte, war älter, aus dem Vorjahr, aus einer Zeit, in der Vater noch dachte, Kevin würde die Werkstatt weiterführen und sich um alles kümmern. Das neue Testament widerrief es ausdrücklich.
Herr Nikolaidis fragte mich, ob Kevin von diesem Anwaltsbesuch gewusst habe. Ich wusste es nicht. Aber ich erinnerte mich an etwas: Am Tag der Testamentseröffnung hatte die Notarin gesagt, es liege ihr nur ein Dokument vor, das vom Vorjahr. Niemand hatte je das jüngere Testament bei ihr eingereicht. Und der Einzige, der in den letzten Wochen ständig in Vaters Wohnung ein und aus gegangen war, um „nach ihm zu sehen“, war Kevin.
Ich rief Uwe an, wir trafen uns bei mir in der Küche, mit dem Original des neuen Testaments, das Herr Nikolaidis uns ausgehändigt hatte, in einer schlichten grünen Mappe. Uwe wollte sofort zu Kevin fahren, ich hielt ihn zurück. Ich sagte, wir machen das nicht am Küchentisch der Werkstatt, wir machen das dort, wo es zählt.
Zwei Wochen später saßen wir wieder in Detmold, diesmal nicht bei der Notarin, sondern im Nachlassgericht, Amtsgericht Detmold, Zimmer 214. Kevin war geladen worden, er kam zu spät, mit einer Baseballkappe, die er sich erst im Flur vom Kopf zog. Als der Rechtspfleger das Datum des zweiten Testaments verlas, den 14. Januar, sah ich, wie Kevins Hände auf seinen Oberschenkeln zu Fäusten wurden.
„Das kann nicht stimmen“, sagte er. „Der Opa war da doch schon verwirrt, die Medikamente…“
Herr Nikolaidis, der als Vertreter anwesend war, legte den ärztlichen Bericht vor, den er vorsorglich eingeholt hatte, mit Datum und Unterschrift des Hausarztes vom 14. Januar.
Kevin sagte lange nichts. Er drehte den Verschluss seiner Wasserflasche auf und wieder zu, dreimal, ohne zu trinken. Dann sagte er, leiser: „Ich hab das erste Testament der Notarin gegeben, weil das das einzige war, das ich hatte. Ich wusste nichts von einem zweiten.“
Der Rechtspfleger stellte fest, dass das ältere Testament durch das jüngere wirksam widerrufen worden war, das Verfahren zur Ausstellung eines neuen Erbscheins wurde eingeleitet. Ob Kevin gewusst hatte, was sein Großvater in Bielefeld unterschrieben hatte, blieb ungeklärt, und niemand stellte die Frage danach im Amtsgericht noch einmal.
Ich habe die Werkstatt nicht behalten. Drei Monate später saß ich mit Uwe und Kevin bei Herrn Nikolaidis am Tisch, mit dem Wertgutachten in der Hand, einhundertachtzigtausend Euro für Grundstück und Maschinen zusammen. Kevin wollte weitermachen, allein konnte er die anderen beiden Drittel nicht auszahlen. Ich sagte ihm, er solle sein Drittel behalten und uns, mich und Uwe, unsere zwei Drittel in bar auszahlen, aus einem Kredit, den ihm die Sparkasse Lemgo unter der Bedingung gab, dass ein unabhängiger Gutachter den Wert bestätigte.
Es dauerte bis zum Sommer. Im Juli unterschrieben wir den Vertrag, im Notariat, wieder Detmold, wieder derselbe harte Holzstuhl. Diesmal las Frau Dr. Beckmann etwas anderes vor: die Auszahlung von jeweils sechzigtausend Euro an mich und an Uwe, gegen die vollständige Übertragung unserer Anteile an Kevin.
Ich nahm den Überweisungsbeleg mit nach Hause, faltete ihn zusammen und legte ihn in Vaters alten Werkzeugkoffer, zu seinem Schraubenzieher-Set und der kleinen Messingschraube, die er immer in der Hosentasche trug. Dann klappte ich den Deckel zu, drückte die beiden rostigen Riegel nach unten, bis sie einrasteten, und stellte den Koffer zurück in die Ecke neben die Kellertreppe.
