Der Regen der Tiere

Die Stille in der Wohnung war das Schlimmste. Nicht die Abwesenheit von Geräuschen – der Verkehr von der Elbchaussee drang dumpf herauf, die alte Gasheizung tickte –, sondern diese spezielle, flache Leere, die dort hing, wo einmal Margrits Lachen gesessen hatte. Horst saß in seinem Sessel, die halb leergetrunkene Tasse Pfefferminztee von gestern noch auf dem Beistelltisch, und starrte auf den Bildschirm. Eine Doku über Kegelrobben auf Helgoland lief. Er hatte den Ton abgedreht.

Vor einem halben Jahr war sie einfach nicht mehr aufgewacht. Herzstillstand, mit siebenundfünfzig. Er hatte nie begriffen, warum er sich damals so stur gestellt hatte, wenn sie um ein Tier bettelte. “Ach, Horst, nur eine kleine Katze. Oder einen Hund vom Tierheim. Bitte.” Und er: “Margrit, nicht jetzt. Später vielleicht. Wer kümmert sich drum, wenn wir mal nach Sylt wollen?” Nach Sylt waren sie zuletzt vor acht Jahren gefahren.

In den ersten Wochen hatte er versucht zu trinken. Das Korn brannte, blieb ihm aber im Hals stecken, als ob sein Körper die Betäubung verweigerte. Die Kollegen von der Spedition hatten Beileidskarten geschickt. Er brachte es nicht über sich, zu antworten.

Es war wieder so eine Nacht von Samstag auf Sonntag, die schlimmste Zeit der Woche. Der Fernseher flimmerte, irgendwann sackte sein Kopf zur Seite. Er spürte nicht, wie der Schlaf kam – nur dass plötzlich eine Hand sein rechtes Schulterblatt berührte.

Er fuhr hoch. Sie stand neben ihm, im geblümten Kleid, das er vor Jahren auf dem Flohmarkt an der Fischauktionshalle für sie gekauft hatte.

“Du – ” mehr brachte er nicht heraus.

“Psst. Die Nachbarn”, flüsterte sie, und ihre Stimme war genau wie früher, wenn sie ihn dabei ertappte, wie er um drei Uhr morgens heimlich an die Reste vom Sauerbraten ging.

Er schluckte. “Du bist doch …” Er konnte es nicht aussprechen.

“Ja, und du hast mich gerufen. Jetzt komm mit. Ich will dir etwas zeigen. Aber danach musst du mich gehen lassen.”

“Dann bin ich doch wieder ganz allein.”

“Nein. Ich melde mich ab und zu. Versprochen.”

Sie gingen durch den Flur, in dem noch ihre Regenjacke am Haken hing, und plötzlich kippte der Raum, und sie standen auf dem Dach des Mietshauses. Der Hafen breitete sich unter ihnen aus, die Kräne ragten schwarz in den Nachthimmel. Aber zwischen den Schornsteinen und Fernsehantennen erstreckte sich etwas, was nicht dorthin gehörte: eine gewaltige, breite Allee aus Licht, die vom Boden der Speicherstadt direkt nach oben in die Sterne führte. Wie flüssiges Glas, durchsichtig und zugleich massiv.

Auf dieser Allee bewegte sich ein unendlicher Strom von Tieren. Hunde, Katzen, Kaninchen, ein altes Zirkuspferd, Tauben, Füchse. Manchmal auch eine Schildkröte, langsam und bedächtig.

“Komm”, sagte Margrit und nahm seine Hand. Sie waren mitten unter ihnen.

“Keine Angst, die sehen uns nicht. Hör einfach zu.”

Horst schüttelte den Kopf. “Tiere reden doch nicht.”

“Dann hör halt richtig hin.”

Er lauschte. Zuerst war da nur das Trippeln von Pfoten und Krallen. Dann, als würde jemand einen Vorhang beiseiteziehen, begannen die Stimmen.

Ein getigerter Kater mit zerrissener Ohrspitze sprach mit einem Golden Retriever. “Sie hat jeden Abend mein altes Kissen auf den Stuhl gelegt und dann zwei Stunden lang geweint. Ich hab versucht, ihr übers Gesicht zu lecken, aber es hat nichts genützt.”

Der Retriever trottete ruhig weiter. “Meiner war ein alter Mann in einer Dachwohnung in Ottensen. Er hat mir jeden Morgen das Brötchen vom Bäcker geteilt. Wer macht das jetzt für ihn?”

Eine Gruppe verwilderte Katzen aus dem Hafenviertel redete anders. “Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass der Winter vorbei ist. Kein Regen mehr in den Pfoten, keine leeren Mülltonnen. Kein Treten”, sagte eine schwarz-weiße.

“Mich hat nie einer gestreichelt”, gab ein abgemagerter roter Kater zurück. “Nicht einmal in den ganzen drei Jahren auf der Straße. Weißt du, was ich mir gewünscht habe? Ein Mensch, der seine Hand ausstreckt und mich einfach nur anfasst. Für fünf Minuten.”

Horst merkte nicht, dass ihm das Wasser über die Wangen lief. Er wanderte an den Gruppen vorbei, blieb stehen, hörte weiter, unfähig, sich loszureißen. Da war eine Hündin, die erzählte, wie sie unter einem geparkten Lkw eingeschlafen und nie mehr aufgewacht war – “aber die Kinder haben nach mir gerufen, das hab ich noch gehört”. Und ein alter Wellensittich, der immer wieder “Paul, Paul” krächzte.

Margrit berührte seinen Arm. “Es reicht, Liebster. Du musst zurück. Es wird gleich hell.”

“Kommst du wieder?”

“Immer”, sagte sie und küsste ihn auf die rechte Wange.

Das Morgenlicht brannte ihm auf der Haut. Zuerst dachte er, es wäre noch der Schein der Brücke. Aber es war die Sonne, die sich durch das schmutzige Fenster über dem Fernseher kämpfte. Er blinzelte, setzte sich auf. Sein T-Shirt war nass, als hätte er geschwitzt oder geweint – er wusste es nicht.

Er lief lange in der Wohnung umher, griff nach Margrits halbfertigem Strickschal, der über einer Stuhllehne hing, und roch daran. Nichts, kein Parfüm mehr. Nur Wolle und Zeit.

Gegen neun Uhr zog er sich die Jacke an und ging die Treppe hinunter. Er brauchte Zigaretten, und vielleicht diesen einen Aufbackkuchen von der Marke, die Margrit immer kaufte – obwohl er nie verstand, warum. Der Edeka an der Ecke hatte frische Schrippen, der Duft hing bis auf die Straße hinaus.

Er kaufte zwei Packungen Zigaretten, eine Packung Kaffee, ein Liter Milch und, ja, den verdammten Marmorkuchen. Schwer bepackt schlurfte er Richtung Ampel.

Als die Fußgängerampel auf Grün sprang, geschah es. Ein winziges graues Fellknäuel schoss unter einem parkenden Seat hervor und raste zwischen die anfahrenden Autos auf der mehrspurigen Straße. Ein BMW hupte, ein Linienbus legte eine Notbremsung hin.

Horst ließ die Tüten fallen. “Bist du verrückt geworden!” schrie er und stolperte dem Kätzchen hinterher. Bremsen kreischten, jemand schimpfte mit rollendem Hamburger Akzent aus dem Fenster.

Er bekam das Tier am Nackenfell zu fassen, riss es an sich und rollte sich instinktiv halb zur Seite, als ein Taxi fünf Zentimeter vor ihm zum Stehen kam. Da war eine Hand an seiner Schulter.

Ein Polizist, jung, mit Fahrradhelm in der Hand, zerrte ihn auf den Gehweg. Der Beamte holte Luft, sicher um eine ordentliche Standpauke zu halten, doch dann sah er Horst an.

Das nasse Gesicht, die bebenden Lippen, den grauen Winzling, der sich zitternd an seine Sweatshirtfalten krallte.

“So, jetzt … also … Sie weinen ja? Ist Ihnen was passiert?”

Horst bekam kaum Luft. “Sie … sie wäre zufrieden.”

“Wer?”

“Meine Frau. Margrit. Sie ist vor einem halben Jahr …” Seine Stimme brach einfach ab.

Die Miene des Polizisten veränderte sich. “Oh. Mein herzliches Beileid. Kommen Sie, setzen Sie sich kurz da vorn auf die Bank.”

Eine kleine Menschenmenge hatte sich gebildet. Eine Frau um die fünfzig, in einem dunkelblauen Kostüm, trat aus der Runde hervor und hob Horsts Einkaufstüten auf. “Sie sind ja ein Held”, sagte sie, und ein paar Leute klatschten.

Horst stierte auf die Tüten. “Die können Sie wegschmeißen.”

“Ich hab gehört, was passiert ist”, sagte die Frau leise, nahm die Tüten und hakte sich bei ihm unter. “Ich heiße übrigens Annette. Mein Wagen steht dort drüben. Darf ich Sie nach Hause fahren? Wir kriegen das schon hin, mit dem kleinen Kerl und den Einkäufen.”

Er sah sie an. Sie hatte Grübchen und blickte ihn nicht mitleidig an, sondern einfach … wach. “Ja”, murmelte er. “Danke.”

Sie gingen zu einem silbernen Golf. Horst setzte sich auf den Beifahrersitz, das Kätzchen wärmte seinen Bauch durch den Stoff. Annette startete den Motor, der Wagen summte los.

“Erzählen Sie mir von Ihrer Frau”, sagte sie und wechselte auf die linke Spur.

Und da kamen sie wieder, die Tränen. Er redete und redete, während die Sonne durch die Windschutzscheibe blendete, erzählte von Margrits Lachen, von ihrer Unsitte, jedes Fischbrötchen mit extra Remoulade zu bestellen, und davon, wie sie ihn anflehte, ein Tier aufzunehmen, und wie er so tat, als wäre das eine große Entscheidung. “Dabei … ich hätte ihr jeden Wunsch erfüllen müssen. Jeden einzelnen.”

Annette fuhr und schwieg die meiste Zeit. Auf der Rückbank bewegte sich nichts. Doch da war eine Hand, die Horsts Schulter streichelte, eine Hand, die nur er spüren konnte, und eine Stimme, die durch das Motorengeräusch hindurch direkt in Annettes Ohr drang: “Kümmer dich um ihn. Versprich es mir.”

Annette zuckte zusammen und sah in den Rückspiegel. Niemand da. Nur ein graues Sitzbezugsende und eine liegengebliebene Parkuhr. Trotzdem nickte sie. “Keine Sorge. Das mache ich”, antwortete sie den eigenen Gedanken, die ihr fremd vorkamen.

Horst drehte den Kopf. “Was?”

“Ach, nichts. Ich hab nur laut gedacht. Alles in Ordnung.”

Der Golf bog in Horsts Straße ein. Der Kater schnurrte im Schlaf und drückte seine Krallen sanft in Horsts Handrücken.

Vom Gehweg aus sah Margrit ihnen nach. Sie stand da im geblümten Kleid, vollkommen still, während der Verkehr an ihr vorbeirauschte. Dann hob sie die Hand, nicht zum Winken, sondern als würde sie einen unsichtbaren Vorhang schließen, und war fort.

An diesem Abend begann es zu regnen. Ein weicher, warmer Sommerregen, der leise aufs Fensterbrett trommelte. Horst stellte eine Untertasse mit Milch auf den Küchenboden und sah zu, wie der kleine Graue sie vorsichtig aufschleppte. Draußen wusch der Regen den Staub von den Blättern der Kastanie im Hinterhof. Irgendwo hoch über der Stadt wanderten Tiere auf einer Brücke aus Licht, und ihre Worte fielen als Tropfen auf die Erde, hörbar nur für jene, die bereit sind, einen Schritt zu tun.

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Odissea
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