Die junge Frau, die mein Leben in zwei Hälften riss

Ich war sechzig und ich hatte alles. Zwei erwachsene Kinder, drei Enkel, eine Frau, die mich seit fast vierzig Jahren erträgt. Ich stand an einem Donnerstagabend im November in meiner Werkstatt in Nürnberg, die Hände ölig, den Autoschlüssel eines Kunden noch in der Faust. Draußen fiel der Regen auf das Blechdach, und ich dachte an Lena.

Sie hieß nicht Lena. Aber so nenne ich sie hier.

Meine Frau Marianne hatte mir eine Familie geschenkt. Das klingt pathetisch, aber es stimmt. Als wir jung waren, hatte ich nichts außer einem verbeulten Opel und einem Koffer voller Werkzeug. Marianne arbeitete damals in einer Bäckerei in der Altstadt, ihre Hände rochen nach Hefe und Zimt. Wir wohnten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung über einem Dönerladen. Das Fenster im Schlafzimmer ließ sich nie richtig schließen. Trotzdem — wir haben gelacht, bis uns der Bauch wehtat.

Danach kamen die Kinder. Die Nächte, in denen wir uns mit dem Baby abwechselten. Die Sommerfeste im Kindergarten. Die erste Klassenfahrt, bei der Marianne heimlich geweint hat, obwohl sie tapfer sagte, sie freue sich für die Kleine. Dann die Enkel. Der Geruch von nassem Laub im Hof, wenn wir mit dem Kleinsten Kastanien gesammelt haben.

Und trotzdem schrieb ich an einem Mittwochmorgen eine SMS, die ich vorher nie gedacht hätte: Ich freu mich auf heute.

An Lena.

Sie war dreiunddreißig. Ihre Haare rochen nach etwas, das ich nicht benennen konnte — nicht Parfüm, eher wie ein Feld nach dem Regen. Sie kam zum ersten Mal im März in die Werkstatt, ihr alter Golf hatte ein Geräusch gemacht, das ich schnell fand: ein loser Keilriemen. Sie blieb eine halbe Stunde, trank einen Kaffee aus dem Automaten, und als sie ging, sagte sie: „Sie haben ruhige Hände. Das gefällt mir.“

Ich lachte. Mehr nicht.

Zwei Wochen später stand sie wieder da. Diesmal wegen eines platten Reifens. Dann wegen einer kaputten Scheibenwaschanlage. Irgendwann kam sie ohne Auto.

Ich erzählte Marianne nichts davon. Nicht, weil ich log. Sondern weil ich es selbst nicht verstand. Mit Lena fühlte ich mich nicht wie sechzig. Ich fühlte mich wie der junge Mann, der nachts auf der Autobahn fuhr, nur um bei Sonnenaufgang am Meer zu stehen. Ich kaufte mir plötzlich ein hellblaues Hemd — Marianne fragte, ob ich es verwechselt hätte, ich trug sonst nur Grau und Dunkelblau.

Dann, an einem Freitag im Oktober, saß ich mit Lena in ihrem Auto auf dem Parkplatz vor dem Real-Markt. Der Regen lief am Fenster herunter. Mein Handy lag im Fußraum, Marianne hatte schon zweimal angerufen, ich hatte es nicht gehört.

Ich sagte: „Du musst es wissen. Ich bin verheiratet. Seit fast vierzig Jahren. Ich habe Kinder und Enkel.“

Lena drehte das Radio leiser. Nicht aus. Nur leiser.

„Das hab ich mir gedacht“, sagte sie.

„Und?“

„Und was? Du stehst jeden Samstag um neun in der Werkstatt, weil deine Frau dann zum Markt geht. Du trinkst deinen Kaffee immer aus derselben Tasse. Du trägst einen Ehering, den du nie abnimmst, nicht mal beim Reifenwechseln.“ Sie zog die Handbremse an. „Ich bin keine Idiotin, Thomas. Aber ich fall nicht auf dich rein, damit du abends nach Hause fährst, dich neben Marianne legst und an mich denkst. Das mach ich nicht mit.“

Ich wollte etwas sagen, aber sie schnitt mir das Wort ab.

„Entscheide dich. Sie oder ich.“

Sie stieg aus, bevor ich antworten konnte. Ihr Schal blieb auf dem Beifahrersitz liegen, ein dunkelroter Kaschmirschal. Ich nahm ihn mit nach Hause und legte ihn ins Handschuhfach meines Wagens. Dort lag er noch, als ich an diesem Donnerstagabend im November vor der Werkstatt stand und auf den Regen hörte.

Mein Nachbar, der alte Herr Gruber, ging mit seinem Dackel vorbei. Der Hund blieb stehen, sah mich nicht an, schnüffelte nur an der Hauswand. Das Tier mochte mich nie. An diesem Abend bellte es nicht. Das hätte mir zu denken geben sollen.

Ich rief Marianne an. „Ich komme später“, sagte ich.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ja. Nur viel zu tun.“

„Ich lass dir dein Essen im Ofen. Es ist Rinderroulade.“

Ich wusste in dem Moment, ich würde keine Roulade mehr essen. Nicht weil ich Lena wählte. Sondern weil ich begriff, dass ich Marianne und die Familie schon verraten hatte, lange bevor irgendetwas mit Lena passierte. Ich hatte den Verrat in Gedanken zugelassen. Und Gedanken sind der einzige Ort, an dem man nicht lügen kann.

Ich schloss die Werkstatt ab, setzte mich in meinen Wagen und fuhr nicht nach Hause. Ich fuhr zu Lena.

Sie öffnete im Schlafanzug, ihre Haare zerzaust. Sie roch nach dem Schlaf, warm und weich.

„Komm rein“, sagte sie.

Ich blieb in der Tür stehen. „Ich habe mich entschieden.“

Sie zog die Augenbrauen hoch.

„Ich verkaufe die Werkstatt“, sagte ich. „Nächste Woche. Ich habe schon mit dem Makler telefoniert. 124.000 Euro. Davon gehen 15.000 ab für offene Rechnungen und die Hebebühne, die ich noch abbezahle. Bleiben 109.000. Davon bekommt Marianne 60.000. Sie hat vor zwanzig Jahren ihr Erbe in den Betrieb gesteckt, das hat sie nie zurückverlangt. Den Rest lege ich für die Enkel an. Ein Festgeldkonto, drei Jahre Laufzeit, danach können sie die Fahrschule bezahlen oder das Studium oder was auch immer.“

Lena starrte mich an. Das ist das eine Wort, das ich hier benutze, weil es stimmt: sie konnte nicht glauben, was sie hörte.

„Und ich?“, fragte sie.

„Du bekommst die Schlüssel für die kleine Wohnung in der Fürther Straße“, sagte ich. „Die hatte ich für uns gemietet. Vor zwei Monaten. Ich dachte, ich bräuchte einen Ort, an dem ich du sein kann. Aber das ist falsch. Die Wohnung ist auf deinen Namen umgemeldet. Mietvertrag läuft noch bis Ende des Jahres. Danach musst du selbst übernehmen — 680 Euro kalt, das schaffst du mit deinem Job.“

Lena trat einen Schritt zurück. Ihre Zehen waren nackt auf den kalten Fliesen.

„Du hast mich nie geliebt“, sagte sie.

„Doch“, sagte ich. „Das ist ja das Schlimme.“

Ich gab ihr den Schlüsselbund. Nicht den für die Werkstatt — den hatte ich schon an den Makler gegeben. Sondern den für die Wohnung. Drei Schlüssel an einem Ring, einer davon für den Briefkasten.

„Und was wird aus deiner Familie?“, fragte sie.

„Ich fahre jetzt nach Hause und sage es Marianne.“ Ich schluckte. „Nicht alles. Aber genug. Dass ich gegangen wäre, wenn du es verlangt hättest. Und dass ich mich dagegen entschieden habe. Sie wird schreien. Vielleicht wirft sie mir die Roulade an den Kopf. Das dauert dann eine Weile.“

Lena lehnte sich an den Türrahmen. Sie weinte nicht. Sie drückte die Schlüssel so fest, dass die Rillen in ihre Handfläche schnitten.

Ich drehte mich um und ging die Treppe hinunter. Der Dackel von Herrn Gruber bellte jetzt doch, irgendwo im Hausflur. Als ich auf die Straße trat, hörte ich, wie Lena die Tür zuschlug. Nicht wütend. Eher müde.

Am nächsten Morgen stand ich in der Küche und machte Marianne Frühstück. Sie saß im Bademantel am Tisch, die Tageszeitung aufgeschlagen, die Kaffeetasse in beiden Händen. Sie wusste von nichts.

Ich legte ihr die Papiere der Bank hin. Die Überweisung über 60.000 Euro. Den Festgeldvertrag für die Enkel.

„Ich muss dir etwas erzählen“, sagte ich.

Marianne schaute nicht auf. Sie strich die Ecke der Zeitung glatt.

„Ich weiß“, sagte sie.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

„Was weißt du?“

„Du hast ein hellblaues Hemd gekauft. Und dein Schal riecht nach einem anderen Parfüm.“

Sie trank einen Schluck Kaffee. Der Dampf stieg auf, verdeckte ihr Gesicht.

„Ich wusste nur nicht, ob du zurückkommst“, sagte sie.

Ich setzte mich. Meine Beine waren plötzlich aus Holz.

„Ich bin hier“, sagte ich.

„Für wie lange?“

Ich schob die Papiere näher zu ihr. „Ich habe die Werkstatt verkauft. Das Geld gehört dir und den Kindern. Und ich habe eine Mietwohnung auf den Namen einer Frau übertragen, die jetzt nicht mehr zu meinem Leben gehört. Ich will, dass du alles weißt. Danach können wir reden. Oder auch nicht. Aber ich bleibe. So lange, wie du mich lässt.“

Marianne legte die Zeitung weg. Sie faltete sie einmal, dann noch einmal, bis sie ein kleines ordentliches Quadrat war. Sie sah auf die Überweisung.

„60.000 Euro“, sagte sie.

„Ja.“

„Das ist mehr, als du mir je zum Hochzeitstag gegeben hast.“

Ich lachte. Es war ein trockenes, raues Lachen.

„Das war ein Versehen“, sagte ich.

Sie schob die Papiere zu mir zurück.

„Heb die auf“, sagte sie. „Die Enkelin braucht nächstes Jahr ein Auto für die Ausbildung. Und ich will eine neue Küche. Das dauert. Du hilfst beim Fliesenlegen.“

Ich nickte nicht. Ich stand auf, holte den Schal aus dem Handschuhfach und legte ihn in die Altkleidersammlung vor dem Haus. Als ich zurückkam, hatte Marianne den Tisch gedeckt. Rinderroulade vom Vorabend, kalt, mit Senf.

Ich setzte mich. Sie setzte sich mir gegenüber. Wir aßen schweigend, während draußen der Novemberregen gegen das Küchenfenster schlug.

Am Abend hörte ich, wie mein altes Handy summte. Eine SMS von Lena. Ich öffnete sie nicht. Ich löschte sie, ohne zu lesen, schaltete das Telefon aus und legte es in die Schublade neben dem Besteckkasten.

Dann ging ich ins Wohnzimmer, wo Marianne mit den Enkelkindern Domino spielte. Der Älteste schummelte. Ich setzte mich daneben, zog einen Stein und legte ihn an.

„Opa, du bist dran“, sagte die Kleine.

„Ich weiß“, sagte ich.

Und zum ersten Mal seit Monaten wusste ich es auch.

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