# Der Schlüssel, der nicht mehr ins Schloss passte

Ich habe Tomas an einem Dienstag im November kennengelernt, und zwar durch meine Kollegin Sabine aus der Apotheke in der Kölner Südstadt. Sie meinte, sie kenne da einen „ganz ruhigen, anständigen Mann“, dem das Leben einfach übel mitgespielt habe. Seine frühere Freundin sei mit dem gemeinsamen Konto verschwunden, sagte sie, während sie den Kaffeeautomaten im Pausenraum bediente. Ich hörte zu, weil ich an diesem Tag vier Rezepte für Psychopharmaka abgezeichnet hatte und mich nach etwas Normalem sehnte.

Meine Zwei-Zimmer-Wohnung in Ehrenfeld hatte ich mit vierunddreißig allein abbezahlt. Der Notartermin im Mai, die Unterschrift unter den Kreditvertrag, die erste Rate von 683 Euro — alles meine Sache. Meine Mutter wohnt in Gummersbach, und jeden zweiten Sonntag fahre ich mit der Regionalbahn zu ihr. Meine Routinen sind mir nicht peinlich. Ich mag den Geruch von frisch gebohnertem Treppenhaus am Samstagvormittag und das Gefühl, abends die Tür zweimal abzuschließen, weil ich es so will.

Tomas redete leise. Er unterbrach mich nicht. Er erzählte keine Geschichten, bei denen man spürt, dass sie hundertmal geübt sind. Nach dem dritten Treffen im Café Eichhörnchen am Venloer Wall dachte ich: Vielleicht ist das einer, bei dem man abends die Schuhe nicht neben die Tür stellt, um im Notfall schneller laufen zu können.

Der Haken kam in Raten.

Zuerst wollte er wissen, warum auf dem Briefkasten nur mein Nachname steht. Dann, wie viel ich verdiene. Dann, ob ich wirklich allein im Grundbuch stehe. Er fragte das nicht wie ein Mann, der neugierig ist. Er fragte wie einer, der eine Rechnung prüft.

„Wir sind doch jetzt eine Familie“, sagte er, als ich ihn auf das Thema Sparkonto ansprach. „Da gibt es keine Geheimnisse.“

Ich stand am Herd und rührte in einer Sauce, die ich für ihn gekocht hatte. Mit dem Holzlöffel machte ich Kreise, Gegenrichtung, immer schneller.

„Ich habe elf Jahre lang für diese Wohnung gearbeitet“, sagte ich. „Das ist kein Geheimnis. Das ist mein Eigentum.“

Er antwortete nichts. Er nahm sich den Teller, den ich ihm hingestellt hatte, und aß schweigend. Aber sein Gesicht verlor für einen Moment diese weiche Miene, die ich für seine echte gehalten hatte. Sie rutschte nach unten wie eine Maske, die man in der Sauna vergisst.

Nach einem halben Jahr zog er bei mir ein. Er brachte zwei Koffer mit, einen Kaffeevollautomaten, den er bei Kleinanzeigen gekauft hatte, und eine Angelrute, die er in den Keller stellte. In den ersten Wochen brühte er morgens Kaffee und brachte das Altglas runter. Einmal machte er sonntags Reibekuchen mit Apfelmus, und ich dachte, das wäre Glück.

Dann begann er, mein Handy in die Hand zu nehmen, angeblich um nach der Uhrzeit zu sehen. Er fragte, warum ich mich abends noch schminke, obwohl in der Apotheke nach achtzehn Uhr fast nur Stammkunden mit Rezepten gegen Bluthochdruck kommen. Er stand in der Tür zum Bad, solange ich duschte, und sagte, er müsse „etwas aus dem Schrank holen“.

Als ich ihn bat, das zu lassen, legte er den Kopf schief und legte mir eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Du bist überempfindlich. Das kommt von deiner Kindheit. Deine Eltern haben dir nie gezeigt, wie normale Zuneigung aussieht.“

Meine Kindheit, das wusste er, hatte ich nicht erwähnt. Er hatte sie sich zusammengesetzt aus dem, was ich nicht sagte. Aus dem, wie ich beim Fernsehen zusammenzuckte, wenn jemand rief.

Der Abend, an dem alles zerbrach, war kein besonderer Abend. Es war ein Samstag im Oktober, wir waren auf dem Geburtstag seines Cousins in einem Vereinsheim in Leverkusen. Ich trug ein dunkelrotes Kleid, das ich seit zwei Jahren besaß. Tomas trank Kölsch aus kleinen Gläsern und lachte zu laut, wenn die anderen lachten.

Beim Rausgehen half mir der Bruder des Cousins in die Jacke. Ein Mann mit grauem Schnurrbart, der den ganzen Abend über seine kranke Mutter in Bergisch Gladbach geredet hatte. Er hielt mir die Jacke auf, ich drehte mich um, und dabei berührte er mit dem Handrücken meinen Nacken. Zwei Sekunden, nicht mehr. Ein Akt der Höflichkeit, wie ihn Männer dieses Alters automatisch ausführen.

Im Auto sagte Tomas nichts. Die Scheibenwischer fuhren im Takt, und ich dachte, er sei müde. Vor unserer Haustür kramte er nach seinem Schlüssel, obwohl er wusste, dass ich meinen griffbereit in der Manteltasche habe.

„Was wolltest du von dem Alten?“, fragte er, während ich die Wohnungstür aufschloss.

„Wie bitte?“

„Du weißt genau, was ich meine. Du hast dich zu ihm rübergebeugt. Beim Reden. Er hat dir in den Ausschnitt geguckt, und du hast nichts dagegen getan.“

Ich hängte den Mantel an den Haken. Neben der Tür stand der Schuhschrank aus Buche, den ich vor sechs Jahren bei Höffner gekauft hatte. Links unten klebte ein Preisschild, das ich nie abgezogen hatte.

„Der Mann hat über seine Mutter gesprochen. Er wollte nicht in meinen Ausschnitt gucken. Er wollte mir erzählen, dass sie im Pflegeheim das Fernsehen nicht mehr bezahlen kann.“

Tomas trat einen Schritt nach vorn. Das Licht im Flur war an, weil er es beim Reinkommen eingeschaltet hatte. Es hing ein schlichter grauer Lampenschirm über dem Spiegel, und ich sah sein Gesicht zweimal: einmal direkt, einmal spiegelverkehrt.

„Du machst dich lächerlich“, sagte ich. „Ich habe nicht einmal seinen Vornamen behalten.“

Er griff nach meinem Handgelenk. Nicht schnell, nicht ruckartig. Er legte seine Finger um den Knochen und drückte zu, als wollte er prüfen, wie viel er sich erlauben kann. Meine Finger kribbelten, dann wurden sie taub.

„Lass mich los.“

„Oder was?“, fragte er. „Dann rufst du die Polizei? Dann sagt ihr, der ruhige Tomas hat zugedrückt? Ich zahle hier die Hälfte der Miete, oder? Ich darf dir sagen, wie du dich benimmst, wenn du mit fremden Männern Händchen hältst.“

„Du zahlst keine Hälfte der Miete. Du zahlst, was dir passt. Das waren deine Worte.“

Er drückte fester.

Ich sah auf den Boden. Zwischen seinen Turnschuhen und meinen Stiefeletten lag die Fußmatte, auf der „Willkommen“ stand. Ich hatte sie bei Nanu-Nana gekauft, für sechs Euro neunzig. Sie war das Erste gewesen, was ich für diese Wohnung angeschafft hatte.

„Du gehst jetzt ins Schlafzimmer“, sagte Tomas. „Und morgen reden wir darüber, wie das hier weiterläuft. Vielleicht sollte dein Name im Grundbuch nicht mehr allein stehen. Wenn du Angst hast, dass ich dich sitzenlasse, hilft Sicherheit, oder?“

Ich sagte nichts. Ich spürte, wie in meinem Kopf eine Tür zufiel, und zwar leise, ohne Knall. Eine Tür mit einem Schloss, das ich noch nie benutzt hatte.

Am nächsten Morgen war Tomas fort. Zur Arbeit gefahren, wie jeder normale Mann, der Kaffee trinkt und Kölsch trinkt und sonntags Reibekuchen macht. Ich rief nicht bei der Polizei an, weil mein Handgelenk keine sichtbaren Spuren zeigte. Ich rief bei der Bank an und fragte, ob es Möglichkeiten gäbe, den Zugriff auf meine Konten zu sperren, wenn jemand meinen PIN kennen würde. Danach rief ich einen Schlüsseldienst an.

Der Monteur kam um halb zwölf. Er tauschte den Zylinder im Wohnungstürschloss und den im Kellerabteil und gab mir vier Schlüssel, an einem Ring aus solidem Stahl. Das Ganze kostete 148 Euro, bar, mit Quittung.

„Hat Sie jemand belästigt?“, fragte der Monteur, während er die Späne zusammenfegte.

„Nein“, sagte ich. „Ich will nur wieder allein aufschließen.“

Am Abend stand Tomas vor der Tür. Ich hörte ihn von drinnen: das Kratzen des Schlüssels, der nicht passt, das Rütteln am Griff, das unterdrückte Fluchen.

Dann klingelte er. Einmal. Zweimal. Siebenmal.

Ich saß am Küchentisch und aß einen Apfel. Auf dem Tisch lag der neue Schlüsselbund, daneben die Kreditunterlagen, daneben mein Handy mit der Nummer des Notars, den ich am Nachmittag kontaktiert hatte. Nicht weil Tomas mir die Wohnung nehmen konnte — sie war mein Eigentum, elf Jahre lang abbezahlt, das war dokumentiert und beglaubigt. Sondern weil ich den Gedanken nicht mehr aushielt, dass er einen Schlüssel zu den Räumen besaß, in denen er mich angeschrien hatte.

Um zweiundzwanzig Uhr vierzehn kam eine SMS: „Mach auf. Wir müssen reden. Das ist auch meine Wohnung, das weißt du.“

Um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn schrieb ich zurück: „Der Zylinder ist getauscht. Deine Sachen stelle ich dir morgen vor die Tür. Bring jemanden mit, der dir beim Tragen hilft.“

Dann schaltete ich das Handy aus, legte es mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch und zog die Vorhänge zu.

Am Donnerstag standen zwei Bananenkartons im Treppenhaus, ordentlich mit Paketband verschlossen, beschriftet mit „Tomas, Keller“. Obenauf lag die Angelrute. Auf dem ersten Karton klebte ein Zettel aus meiner Apotheke, auf dem stand: „Abholung bis Sonntag, 18 Uhr. Danach entsorge ich.“

Er kam am Samstag, mit seinem Cousin, dem aus Leverkusen. Sie trugen die Kartons die Treppe hinunter, ohne zu klingeln. Ich stand am Fenster und sah ihnen nach, sah, wie Tomas die Angelrute quer über die Rückbank legte, wie sein Cousin den Motor startete und wie der Wagen vom Parkplatz fuhr, Richtung A 3.

Auf der Fensterbank lag der vierte Schlüssel, den der Monteur mir gegeben hatte. Ich nahm ihn in die Hand und legte ihn in die Küchenschublade, zu den Gummibändern und den alten Kassenzetteln.

Dann setzte ich Teewasser auf, öffnete das Fenster und ließ die kalte Oktoberluft herein. Draußen übte jemand Trompete, irgendwo drei Stockwerke tiefer, falsch und mit Hingabe.

Meine Hand lag auf der Arbeitsplatte. Sie zitterte nicht.

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Odissea
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