Als Martha aus der Klinik nach Hause kam, war ihr Zimmer verschwunden.
Nicht die Wände. Nicht das Fenster. Aber alles, was es zu ihrem Zimmer gemacht hatte: das Bett mit der hellen Decke, der alte Schrank, der kleine Tisch mit den Kreuzworträtseln, das Foto ihres Mannes im braunen Rahmen.
Stattdessen standen dort ein Gaming-Stuhl, ein Computer und die Turnschuhe ihres Enkels.
Ihr Sohn Andreas stand im Flur.
— Mama, bitte bleib ruhig. Wir haben eine gute Lösung gefunden.
Seine Frau Sabine hielt einen Prospekt hoch.
— Seniorenresidenz Lindenblick. Sehr gepflegt. Du wirst dort betreut.
Martha sah sie an. Nach dem Schlaganfall fiel ihr das Sprechen schwerer. Aber schwer heißt nicht unmöglich.
— Wer hat gefragt, ob ich will?
Sabine seufzte.
— Du kannst doch nicht erwarten, dass wir unser Leben komplett umstellen.
Martha hätte fast gelacht.
Ihr Leben hatten sie gern umgestellt, als sie vor neun Jahren mit Koffern vor ihrer Tür standen. Andreas arbeitslos, Sabine schwanger, kein Geld. Martha hatte Platz gemacht. Erst im Wohnzimmer, später überall. Sie hatte Enkel betreut, Rechnungen bezahlt, gekocht, geschwiegen.
Jetzt machten sie Platz für sich.
Mit ihr draußen.
Sie fuhren sie in ein Heim, das in der Broschüre hell und freundlich aussah. In Wirklichkeit stand es neben einer Schnellstraße. Im Eingangsbereich roch es nach Suppe, Chlor und Einsamkeit.
— Hier unterschreiben, sagte die Mitarbeiterin. Freiwillige Aufnahme.
Martha schob den Stift zurück.
— Nicht freiwillig.
Sabine wurde rot.
— Sie ist verwirrt.
Martha sah die Mitarbeiterin direkt an.
— Ich bin langsam. Nicht verwirrt.
Die Frau zögerte. Dann sagte sie:
— Ohne ihre Unterschrift können wir sie nicht aufnehmen.
Im Auto zurück war Sabine wütend.
— Und jetzt? Soll unser Sohn wieder im Wohnzimmer schlafen?
Martha antwortete erst in der Wohnung.
Sie setzte sich an den Küchentisch, holte Luft und sagte zu Andreas:
— Ihr habt mein Zimmer geräumt. Jetzt räume ich eure Illusion.
Andreas blinzelte.
— Was meinst du?
— Die Wohnung gehört mir. Ihr habt hier gewohnt, weil ich euch lieb hatte. Liebe war kein Mietvertrag auf Lebenszeit. Ihr habt sechs Wochen.
Sabine schrie. Andreas bat. Martha schwieg nicht mehr.
Am nächsten Tag kam ihre Freundin Irmgard. Sie brachte Suppe, Telefonnummern und eine Energie, die Martha fehlte. Gemeinsam riefen sie einen Anwalt, die Bank, den Schlüsseldienst. Martha entdeckte, dass Sabine von ihrer Karte die Anzahlung für das Heim bezahlt hatte.
— Soll ich Anzeige erstatten? fragte Irmgard.
Martha dachte lange nach.
— Nein. Aber ich will, dass sie wissen, dass ich könnte.
Das reichte.
Sechs Wochen später standen Kisten im Flur. Andreas weinte.
— Mama, ich habe mich geschämt. Aber ich wusste nicht, wie ich Sabine widersprechen soll.
Martha sah ihn traurig an.
— Dann lernst du es jetzt. Nicht bei mir. In deinem eigenen Zuhause.
Ihr Enkel kam abends zurück und stellte das Foto des Großvaters auf die Kommode.
— Oma, das war noch in meinem Karton.
— Danke.
— Darf ich dich besuchen?
— Ja. Aber nicht, um Platz zu nehmen. Nur, um Zeit zu geben.
Das Zimmer wurde wieder ihres. Anders als früher. Weniger voll. Heller. Vielleicht auch ehrlicher.
Martha ging langsam.
Aber jeder Schritt gehörte ihr.
