Emmy wählte den Kakadu

Leonie stand im Zoofachgeschäft in Köln-Ehrenfeld, auf dem Arm ihre schnaufende französische Bulldogge Emmy. Draußen nieselte Novemberregen, und auf der Venloer Straße bimmelte die Linie 3 vorbei. Drinnen roch es nach Heu und Hundekuchen. Leonie träumte seit Monaten von einem Wellensittich, aber sie hatte Angst, dass Emmy einen neuen Mitbewohner nicht akzeptieren würde. Also ein Plan: Der Hund entscheidet selbst, vor wessen Käfig er hinfiept.

„Mit dem Hund hier rein? Ist das Ihr Ernst?“, knurrte der eine Verkäufer, ein Typ mit Augenbrauenpiercing, und wischte sich die Hände an der grünen Schürze ab, auf der noch ein Kaffeefleck prangte. „Die Vögel bekommen einen Schock.“

„Emmy ist die Ruhe selbst“, sagte Leonie und rückte das Geschirr zurecht, an dem ein kleiner Brezel-Anhänger baumelte. „Wenn sie einen Vogel akzeptiert, passiert nichts. Wenn nicht, gehe ich wieder.“

Der zweite Verkäufer, ein schlaksiger Kerl mit einer Anker-Tätowierung am Handgelenk, die er sonst immer unter dem Ärmel versteckte, seufzte. Die paar Kunden im Laden – eine Handvoll Leute mit Futtersäcken und Aquarienzubehör – drehten sich neugierig um. Leonie steuerte zielstrebig die Volieren an, Emmy stellte die Segelohren auf.

Sie blieben vor jeder Zelle stehen. Wellensittiche hüpften und tschilpten, Emmy drehte gleichgültig den Kopf weg. Nymphensittiche mit Federhaube ließen sie kalt. Bei den Unzertrennlichen gähnte die Hündin demonstrativ. Leonies Nervosität wuchs – mehr als fünfhundert Euro hatte sie nicht eingeplant. Dann erreichten sie die große Voliere mit einem schneeweißen Kakadu. Preisschild: 2000 Euro.

Emmy verharrte. Kein Bellen, kein Jaulen – sie reckte den Hals so weit es die Speckfalten zuließen und gab ein leises, fast katzenhaftes Fiepen von sich. Der Kakadu, ein imposantes Tier mit zitronengelbem Schopf, trat ans Gitter und schob den gewaltigen Schnabel hindurch. Emmy hob die Pfote, und Leonie trug sie näher heran. Die Pfote legte sich auf den gebogenen Schnabel, und der Kakadu schloss die Augen und begann sachte zwischen den Zehen zu knabbern. Eine ältere Dame mit einem Sack Katzenstreu japste hörbar.

„Na großartig“, murmelte Leonie und spürte, wie ihr Hals eng wurde. Sie kramte einen zerknitterten Fünfhunderter aus der Tasche und strich mit dem Daumen über die Kante. „Schatz, der kostet zwei Riesen. Wo soll ich das denn hernehmen?“

Emmy stieß bereits mit der Nase in das Gefieder und wedelte mit dem Stummelschwanz.

In dem Moment löste sich ein Mann um die fünfzig aus der kleinen Traube der Umstehenden. Sein Jackett war abgetragen, aber die Bügelfalte saß akkurat, die Schuhe blank poliert, doch das Leder brüchig. In der linken Hand balancierte er eine Packung Fischfutter.

„Wie viel haben Sie dabei?“

Leonie seufzte. „Fünfhundert … mehr kann ich mir nicht leisten, und der Vogel –“ Sie verstummte.

Der Mann rieb sich das Kinn. „Dann fehlen fünfzehnhundert. Wissen Sie was? Ich habe heute Geburtstag. Eigentlich wollte ich mir etwas gönnen, aber ich bin ständig auf Montage, da wäre ein Tier zu Hause einsam. Ich kaufe Ihnen diesen Kakadu – und Sie nehmen ihn sozusagen in Pflege. Wenn ich in Köln bin, komme ich zu Besuch. Einverstanden?“

Während er sprach, holte er sein Portemonnaie aus dem Innenfutter, ein dickes schwarzes Lederteil. Dabei rutschte ein kleines, abgegriffenes Foto heraus – eine Bulldogge, die verblüffend aussah wie Emmy – und fiel auf den Tresen. Er hob es sofort auf, strich mit dem Daumen über die Ränder, als wolle er es glätten, und schob es zurück ins Fach. Leonie konnte auf der Rückseite eine verblasste Zahl erkennen: *Lotte 2017–2023*. Der Mann sagte kein Wort dazu. Dann legte er zwanzig nagelneue Hunderteuroscheine auf den Tresen.

Der gepiercte Verkäufer nahm das Geld mit zittrigen Händen entgegen, dann schoss er plötzlich los: „Mensch, ich bin doch auch ein Mensch! Warten Sie!“ Er verschwand im Lager und kam zwei Minuten später keuchend zurück, eine riesige Edelstahl-Voliere hinter sich herschleifend.

„Vom Geschäft. Als Geburtstagsgeschenk!“, rief er.

Alle klatschten, der Mann im Jackett wollte ablehnen, aber es half nichts. Schließlich grinste er breit. „Mit dem größten Vergnügen. Ich reserviere heute Abend Tische im Brauhaus Päffgen auf der Friesenstraße. Für alle, mit Familien. Dann habe ich endlich mal einen richtigen Geburtstag und nicht nur Arbeit, Arbeit, Arbeit.“

Leonie, die Kakadu, Zubehör und die schwere Voliere kaum bändigen konnte, rief ihm hinterher: „Moment! Wie heißen Sie überhaupt? Wem soll ich danken?“

Der Mann drehte sich an der Tür um. „Wagner. Rolf Wagner.“ Er deutete mit dem Kinn auf den Kakadu. „Und der Kollege da – wie heißen wir ihn? Herr Schmidt? Perfekt. Bis heute Abend.“ Damit trat er hinaus.

Leonie holte tief Luft, dann schob sie dem zweiten Verkäufer ihren zerknitterten Fünfhunderter über den Tresen. „Das hier ist für den Vogel – nein, für Herrn Schmidt. Für gutes Kakadu-Futter und ordentliches Spielzeug. Wird schon reichen fürs erste halbe Jahr.“

Rolf, der noch einmal kurz stehen geblieben war, protestierte. „Behalten Sie Ihr Geld. Das war mein –“

„… Geburtstag. Weiß ich. Aber es ist meine Kölner Ehrenpflicht, wenigstens die Miete an Herrn Schmidt zu zahlen.“ Sie hielt den Schein zwischen zwei Fingern hoch. „Emmy bestand darauf. Sie wedelte mit dem Schwanz, das heißt: ohne Futter kein Einzug.“

Rolf zögerte, dann ein warmes Grinsen. „Na schön. Aber dann bestelle ich Ihnen heute Abend ein großes Kölsch. Ihr Kakadu, meine Möbel – ich will nur sehen, wie es ihm bei Ihnen geht.“ Damit ging er.

Am Abend wurde es laut im Päffgen. Leonie saß mit einem Kölsch in der Hand an einem langen Holztisch neben Leuten, die sie erst heute kennengelernt hatte. Emmy lag unter dem Tisch und schnarchte leise. Der Kakadu, den nun alle nur noch „Herr Schmidt“ nannten, hockte auf einer umgedrehten Holzkiste und zupfte mit dem Schnabel an einer Papierserviette. Rolf Wagner saß wenige Plätze weiter, stieß mit allen an und erzählte von seiner letzten Montage in Ludwigshafen.

Beim dritten Kölsch sah Leonie, wie Rolf kurz nach draußen trat, die Hände in den Taschen, den Kragen gegen den Regen hochgeschlagen. Sie nahm ihr Glas und folgte ihm auf die Friesenstraße. Er stand an der Hauswand, den kleinen Fotofetzen in der Hand, und strich wieder über die Kanten. Das Laternenlicht brach sich in den Kölschgläsern der anderen Gäste. Sie stellte sich wortlos neben ihn. Nach einer Weile sagte er, ohne den Kopf zu heben: „Heute ist ein guter Tag.“ Dann drehte er das Bild zu ihr. „Lotte. Mein altes Mädchen. Sie wurde sieben, dann musste sie gehen, während ich auf Montage in Schweden war. Seitdem halte ich kein eigenes Tier mehr – ich könnte es nicht ertragen, wieder nicht da zu sein. Aber wenn ich jetzt nach Köln komme und Herrn Schmidt besuchen darf …“ Er brach ab und steckte das Foto ein. Leonie spürte, wie sich seine Schultern einen Millimeter hoben.

„Dann sind Sie sein Pate“, sagte sie leise. „Emmy wird Sie schon erkennen, wenn Sie das nächste Mal klingeln. Sie merkt sich solche Dinge mit dem Stummelschwanz.“

Rolf grinste kurz, nahm ihr Glas ab und bedeutete ihr mit einer Kinnbewegung, wieder reinzugehen.

Zurück im Warmen hob Herr Schmidt den Schopf und gähnte aus voller Kehle, sodass eine Servietten-Ecke mitsamt einem Fetzen Konfetti durch die Luft flog. Emmy jaulte leise im Schlaf und zuckte mit der Pfote.

Eine Stunde später zu Hause in Ehrenfeld stellte Leonie die Voliere neben das Sofa. Emmy schnupperte an den Gitterstäben, die Nase dicht über dem Boden. Herr Schmidt kletterte auf seine Stange und schloss die Augen, den Kopf unter den Flügel gesteckt. Leonie zog eine Decke über die halbe Voliere und löschte das Licht. Als sie sich umdrehte, lag Emmy nicht mehr auf ihrem Kissen, sondern mit der Schnauze zwischen den Pfoten genau vor dem Gitter, die schwarze Nase beinahe an den Stäben. Der Kakadu raschelte, dann schob er den Schnabel durch die Maschen und knabberte vorsichtig an Emmys Ohr. Die Hündin seufzte und ließ es geschehen.

Like this post? Please share to your friends:
Odissea
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: