Frieda Bauer übernimmt die Werkstatt in Gelsenkirchen zurück

Frieda Bauer war zweiundsechzig, als ihr Schwiegersohn ihr erklärte, die Buchhaltung mache ab jetzt seine Freundin, das sei "einfacher für alle".

Die Werkstatt lag in Gelsenkirchen, gleich hinter dem Kiosk an der Ecke, wo der alte Herr Yilmaz jeden Morgen die Bild-Zeitung auf den Ständer klemmte und dabei mit seinem Dackel schimpfte, weil der an der Leine zog. Fünfunddreißig Jahre hatte Friedas verstorbener Mann Karl-Heinz die Bauer & Sohn Kfz-Technik aufgebaut, Schraube für Schraube, bis daraus ein Betrieb mit sechs Hebebühnen und einer Stammkundschaft wurde, die man sich in dieser Stadt nur über Jahrzehnte verdient. Nach seinem Tod hatte Frieda die Buchhaltung übernommen, hatte gelernt, was ein Vorsteuerabzug ist, hatte mit dem Steuerberater in der Bahnhofstraße jeden März zwei Stunden verbracht, um die Bilanz auf den Cent genau hinzubekommen.

Ihr Schwiegersohn Marco hatte die Werkstatt vor vier Jahren übernommen, als er ihre Tochter Sabine heiratete. Frieda war geblieben — als Buchhalterin, als diejenige, die die Löhne der vier Mechaniker überwies, die die Rechnungen an die Kunden schrieb, die wusste, wann welcher Kredit bei der Sparkasse fällig war. Sie hatte nie Gehalt verlangt. "Ich helfe eben", hatte sie immer gesagt, wenn Sabine sie fragte, ob das nicht zu viel sei für eine Frau in ihrem Alter.

An diesem Dienstag im August saß Frieda am Küchentisch ihrer Wohnung in der Ückendorfer Straße, das Fenster war gekippt, draußen roch es nach dem Grill vom Nachbarbalkon und nach dem Diesel der Linienbusse, die an der Haltestelle bremsten. Auf dem Tisch lag ihr Ordner mit den Kontoauszügen, gelb, mit Karl-Heinz' Handschrift auf dem Rücken: "Bauer & Sohn — laufendes Konto". Sie hatte ihn seit fünfzehn Jahren geführt.

Marco kam ohne anzuklopfen herein, wie immer, den Autoschlüssel seines BMW noch in der Hand. "Frieda, ich muss dir was sagen." Er setzte sich nicht. "Jasmin macht ab September die Buchhaltung. Sie hat das studiert, das geht schneller mit dem neuen Kassensystem."

Frieda blätterte weiter in den Kontoauszügen, ohne aufzuschauen. "Und ich?"

"Du kannst dich ausruhen. Du hast doch die Rente von Karl-Heinz." Er zog schon die Tür wieder auf. "Ach, und — der Ordner, den brauchst du nicht mehr zurückzubringen. Jasmin hat schon alles digital."

Sie sagte nichts dazu. Aber am nächsten Morgen ging sie nicht zur Werkstatt, sondern zur Sparkasse in der Husemannstraße, wo sie seit fünfunddreißig Jahren Kundin war. Herr Radtke, der Kundenberater, kannte sie noch aus der Zeit, als Karl-Heinz den ersten Kredit für die zweite Hebebühne aufgenommen hatte.

"Frau Bauer, was kann ich für Sie tun?"

Sie legte ihm eine Mappe auf den Tisch. Darin: die Vollmacht, mit der sie über das Geschäftskonto der Bauer & Sohn Kfz-Technik verfügen durfte — eine Vollmacht, die Karl-Heinz ihr in seinem Testament ausdrücklich als Nießbrauchrecht am Betriebsvermögen eingeräumt hatte, weil er wusste, dass ihre Tochter allein manchmal zu gutgläubig war. Marco hatte das Papier nie gelesen. Er hatte nur die Werkstatt übernommen, nicht das Konto.

"Ich möchte die Verfügungsberechtigung für das Geschäftskonto auf mich allein umstellen. Herr Kluge hat kein eigenes Zeichnungsrecht mehr, ab heute."

Herr Radtke blätterte die Unterlagen durch, nickte kurz. "Das Nießbrauchrecht ist eindeutig, Frau Bauer. Das war schon immer so, nur — bisher haben Sie es nie genutzt."

"Ich nutze es jetzt."

Zweiundvierzigtausend Euro lagen auf diesem Konto, Rücklagen für die nächste Steuervorauszahlung und für den Ersatz der defekten Diagnosesoftware. Frieda ließ eine Kopie der Kontoauszüge ausdrucken, steckte sie zurück in Karl-Heinz' gelben Ordner und fuhr mit dem Bus 380 nach Hause.

Marco merkte es erst am Donnerstag, als er versuchte, die Löhne für die Mechaniker zu überweisen und die Banking-App ihm eine Fehlermeldung anzeigte: keine Berechtigung. Er rief bei der Sparkasse an, wurde an Herrn Radtke weitergeleitet, der ihm knapp erklärte, die Verfügungsberechtigte habe die Vollmacht geändert, das sei rechtlich bindend, er könne gern Einsicht in die Testamentsunterlagen nehmen.

Er stand noch am selben Nachmittag vor Friedas Wohnungstür, den Autoschlüssel in der Faust so fest umklammert, dass die Metallkante sich in seine Handfläche drückte. Er klingelte dreimal.

Frieda öffnete, den gelben Ordner unter dem Arm.

"Was soll der Scheiß, Frieda? Ich muss die Löhne zahlen, Ronny und die anderen stehen morgen ohne Geld da!"

"Dann überweise sie von dem Konto, auf das du Zugriff hast." Sie blieb im Türrahmen stehen, ließ ihn nicht herein. "Das Geschäftskonto ist meins, seit fünfzehn Jahren war es das schon auf dem Papier. Ich habe nur nie danach gefragt."

"Das ist die Werkstatt von meinem Schwiegervater —"

"Die Werkstatt gehört dir, das stimmt. Das Konto nicht." Sie klappte den Ordner auf, zeigte ihm die erste Seite — Karl-Heinz' Testament, notariell, mit dem Stempel des Notars aus der Overwegstraße. "Steht alles hier drin. Du hättest es lesen können, bevor du Jasmin an meinen Platz gesetzt hast."

Er wollte etwas sagen, öffnete den Mund, sagte aber nichts. Hinter ihm bremste gerade ein Linienbus quietschend an der Haltestelle, jemand stieg aus mit einer randvollen Einkaufstüte von Aldi, die an einer Ecke aufriss — Klopapier rollte über den Gehweg. Marco starrte ihm kurz hinterher, als könne das die Situation aufhalten.

"Sabine wird das nicht gutheißen", sagte er schließlich.

"Sabine wird verstehen, dass ich fünfzehn Jahre lang umsonst gearbeitet habe, weil ihr Mann dachte, das sei selbstverständlich." Frieda trat einen Schritt zurück in den Flur. "Die Löhne kannst du aus der Kasse vorstrecken, das ist bar genug da für zwei Tage. Und dann setzt du dich mit mir und Herrn Radtke an einen Tisch, und wir reden über eine ordentliche Anstellung mit Gehalt — oder ich behalte die Vollmacht, wie sie ist."

Sie schloss die Tür. Nicht hart, nur bestimmt, das Schloss klickte einmal.

Drei Tage später saßen sie zu dritt in der Filiale, Herr Radtke mit dem Vertrag zwischen sich, Marco mit hochrotem Gesicht, Frieda mit dem gelben Ordner auf den Knien. Sie einigten sich auf zweitausendzweihundert Euro monatlich für die Buchhaltung, rückwirkend nicht, aber ab sofort, schwarz auf weiß, mit ihrer Unterschrift unter der Vollmacht als Sicherheit, dass es dabei auch blieb.

Als sie danach an der Bushaltestelle stand, den Ordner fest unter dem Arm, kam Herr Yilmaz vom Kiosk vorbei, den Dackel an der kurzen Leine. "Alles gut, Frau Bauer?" Sie nickte nur, kaufte sich eine Zeitschrift, die sie eigentlich nie las, und stieg in den Bus, als er kam.

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Odissea
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