Mein Name ist Jonas Brechner, ich bin einundvierzig, wohne in Freiburg und arbeite seit sechzehn Jahren als Elektromeister – die letzten neun davon mit meinem eigenen kleinen Betrieb, drei Mitarbeiter, ein Lieferwagen, eine Werkstatt in Haslach. Nichts Großes. Aber es war meins. Meine Frau Katharina ist Steuerberaterin, arbeitet in einer Kanzlei am Augustinerplatz, verdient gut, deutlich besser als ich in schlechten Monaten. Wir haben zwei Kinder, Elias ist neun, Mira sechs. Und ich erzähle das hier, weil ich weiß, wie die Geschichte klingt, wenn nur sie sie erzählt. Ich habe sie gehört, über Umwege, von ihrer Schwester. Darin bin ich der Mann, der ihr alles genommen hat. Kann ich verstehen. Nur stimmt es nicht so, wie sie es erzählt.
Vor elf Jahren, als wir geheiratet haben, stand die Werkstatt schon. Mein Vater hatte sie mir übergeben, ich hatte sie umgebaut, moderne Ausrüstung reingeholt, einen zweiten Wagen gekauft. Katharina hat in den ersten Jahren mitgearbeitet, die Buchhaltung gemacht, kostenlos, sagt sie heute. Stimmt. Aber ich habe in der Zeit auch jeden Cent, den der Betrieb abgeworfen hat, in unser gemeinsames Leben gesteckt – die Wohnung in der Wiehre, die Geburt von Elias, drei Jahre später Mira, den Kindergartenplatz, den wir uns freigekauft haben, weil die Warteliste zwei Jahre lang war.
Der Bruch kam, als meine Mutter krank wurde. Bauchspeicheldrüse, Stadium vier, die Ärzte an der Uniklinik haben uns nicht viel Hoffnung gemacht. Acht Monate. Ich war fast jeden Abend bei ihr, in Emmendingen, eine halbe Stunde Fahrt, nach der Arbeit, oft bis spät. Katharina hat das getragen, anfangs. Hat die Kinder ins Bett gebracht, hat gekocht, hat nichts gesagt. Bis sie doch was gesagt hat. Und dann noch was. Und irgendwann war jeder Satz zwischen uns eine Rechnung: du bist nie da, du kümmerst dich nicht, ich mach hier alles allein.
Meine Mutter ist im Februar gestorben. Drei Wochen später hat Katharina mir gesagt, sie will die Scheidung.
Ich hab sie gefragt, ob es einen anderen gibt. Sie hat gelacht. Nicht böse, eher erschöpft. "Es geht nicht um einen anderen, Jonas. Es geht darum, dass ich seit Jahren die Einzige bin, die dieses Leben zusammenhält, und du kriegst den Applaus, weil du der nette Handwerker bist, der ehrenamtlich beim Sportverein die Elektrik macht." Das saß. Weil es zur Hälfte stimmte.
Was ich nicht erwartet habe: dass sie mit ihrer Anwältin auf die Werkstatt zielt.
Nicht auf die Wohnung – die haben wir eh geteilt verkauft, fairer Deal, keine Diskussion. Aber die Werkstatt, mein Betrieb, den es schon gab, bevor wir uns überhaupt kannten, wollte sie im Zugewinnausgleich mit reinrechnen lassen, weil er während der Ehe im Wert gestiegen ist. Rechtlich nicht komplett aus der Luft gegriffen, das gebe ich zu. Aber es hat sich angefühlt, als würde man mir das Werkzeug aus der Hand nehmen, mit dem ich meine Familie überhaupt ernährt habe.
Der Termin beim Familiengericht in der Karlstraße war an einem Dienstag im März, halb zehn morgens. Ich saß da mit meinem Anwalt, Herr Dettmer, ein ruhiger Mann mit einer Aktentasche, die aussah wie aus den Achtzigern. Katharina saß mit ihrer Anwältin auf der anderen Seite des Flurs, Kaffeeflecken auf dem Linoleum zwischen uns.
Sie hat mich vor der Verhandlung angesprochen. "Jonas, ich will dir nicht die Firma wegnehmen. Ich will, dass gesehen wird, was ich reingesteckt habe. Neun Jahre Buchhaltung, unbezahlt, während du bei deiner Mutter warst und ich beide Kinder allein durch den Alltag gebracht habe."
Ich hab ihr gesagt, dass ich das sehe. Dass ich es immer gesehen habe. Aber dass "gesehen werden" nicht heißt, dass sie einen Teil von etwas kriegt, das mein Vater mir vor unserer Hochzeit gegeben hat.
Der Richter, ein Mann Ende fünfzig namens Vogler, hat sich das angehört, zwei Stunden lang, und am Ende einen Vergleich vorgeschlagen: die Werkstatt bleibt komplett bei mir, dafür bekommt Katharina eine Ausgleichszahlung von achtundvierzigtausend Euro, verteilt über vier Jahre, und den vollen Wert unseres gemeinsamen Sparkontos, das waren nochmal einundzwanzigtausend.
Ich hab unterschrieben. Nicht weil ich musste. Weil ich in dem Moment kapiert hab: sie wollte nie die Werkstatt. Sie wollte, dass irgendjemand mit einer Robe sagt, dass ihre neun Jahre auch was wert waren.
Katharina hat drei Tage später angerufen, wegen der Kinder, wer sie zum Judo bringt am Donnerstag. Ganz normales Gespräch. Am Ende hat sie gesagt: "Die Zahlung ist eingegangen. Danke." Nicht "gern geschehen" von mir. Nur: "Ist so vereinbart."
Elias fragt mich manchmal, ob Mama und ich uns wieder vertragen. Ich sag ihm, wir vertragen uns, wir wohnen nur nicht mehr zusammen. Das reicht ihm mit neun. Mit fünfzehn wird er wahrscheinlich mehr Fragen haben, und dann erzähl ich ihm vielleicht die ganze Version – dass es keinen Bösewicht gab, nur zwei Leute, die beide zu lange zu leise waren, bis das Gericht in der Karlstraße für uns laut sprechen musste.
