Vierzehn Monate am Gleis

Der Mann saß seit drei Stunden auf dem Bahnsteig, und niemand sprach ihn an.

Neben seinem Stiefel lag eine Hündin. Rotbraun, abgemagert, das Fell in stumpfen Büscheln, die Rippen sichtbar. Um den Hals trug sie ein altes blaues Halsband, fast grau vom Wetter.

Sabine sah die beiden aus ihrem kleinen Kiosk am Bahnhof von Erfurt. Die Hündin kannte sie. Alle nannten sie Fritzi. Seit über einem Jahr lebte sie dort, schlief unter der Bank am Ende des Bahnsteigs und fraß nur, wenn niemand zusah. Sabine brachte ihr jeden Morgen etwas Huhn, Brot und Wasser.

Den Mann sah sie zum ersten Mal.

Er war über fünfzig, mit grauer Jacke und rissigen Händen. Immer wieder öffnete und schloss er den Metallknopf seiner Brusttasche. Klick. Klick. Fritzi zuckte jedes Mal, blieb aber liegen.

Sabine trat hinaus.

— Sie gehört hierher — sagte sie. — Ich füttere sie.

Der Mann sah auf.

— Ich weiß.

— Woher?

— Sie gehört mir.

Sabine spürte, wie ihr der Atem stockte. Fritzi blickte nicht zu ihm. Sie sah zu den Gleisen, wie immer.

Kurze Zeit später kam Nora vom Tierschutz. Sie kniete sich hin, drehte vorsichtig die Marke am Halsband und leuchtete mit dem Handy.

„Fritzi“. Darunter eine Nummer.

Nora wählte.

Das Handy klingelte in der Tasche des Mannes.

Sabines Stimme wurde hart.

— Vierzehn Monate. Sie lag hier vierzehn Monate.

Der Mann bedeckte sein Gesicht.

— Wir sind umgezogen. Meine Frau wollte sie nicht in der neuen Wohnung. Ich dachte, ich hole sie später. Eine Woche. Einen Monat. Dann schämte ich mich. Und je länger es dauerte, desto leichter wurde die Lüge, dass es ihr hier schon irgendwie gut geht.

— Gut? — Nora sah auf die dünne Hündin. — Sie hat überlebt.

Er nickte nur.

Dann holte er einen kleinen roten Ball hervor. Zerbissen, ausgeblichen, an einer Seite eingerissen. Er legte ihn auf den Asphalt.

Fritzi hob den Kopf.

Sie roch. Ihre Ohren bewegten sich. Der Schwanz zuckte kaum sichtbar. Langsam stand sie auf, ging zum Ball, berührte ihn mit der Nase und drückte ihn dann mit der Pfote fest.

Der Mann ließ die Hand offen auf seinem Knie liegen.

— Ich bin zu spät — sagte er. — Aber ich gehe nicht wieder.

Fritzi schnupperte an seiner Hand. Dann setzte sie sich neben ihn, so nah, dass ihr Körper sein Bein berührte.

Nora gab klare Regeln vor: Tierarzt, Vertrag, Kontrolle, tägliche Besuche. Er akzeptierte alles.

Und er kam.

Jeden Tag. Bei Regen, Wind, Kälte. Er saß auf derselben Bank und wartete. Nach einer Woche fraß Fritzi bei ihm. Nach drei Wochen durfte er sie berühren. Nach sechs Wochen stieg sie selbst in sein Auto.

Sabine sah zu und wusste nicht, ob sie glücklich oder wütend war.

Vielleicht beides.

Später brachte er ein Foto: Fritzi auf einer Decke, der rote Ball zwischen den Pfoten.

— Ich weiß nicht, ob sie mir vergibt — sagte er.

Sabine antwortete:

— Dann leben Sie so, dass sie nie wieder warten muss.

 

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Odissea
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