Der rote Kater vor der blauen Tür

Die Salami verschwand drei Tage hintereinander aus dem Kühlschrank. Erst dachte ich, ich hätte sie selbst gegessen und es vergessen. Dann fehlte plötzlich ein halber Block Gouda. Am vierten Morgen sah ich, wie mein sechsjähriger Sohn Jonas leise die Kühlschranktür aufzog, ein Stück Fleischwurst abriss und es in die Tasche seiner Jacke steckte.

„Jonas."

Er erstarrte. Zog die Schultern hoch, als könnte er sich so unsichtbar machen.

„Ich hab nichts genommen."

„Du hältst es gerade in der Hand."

„Das ist nicht für mich", sagte er in einem Ton, als wäre damit alles erklärt. Wischte sich mit der Faust über die Nase. „Das ist für Rostikus."

Wer Rostikus war, wusste ich fünf Minuten später, als er mich am Ärmel meines Morgenmantels über die Straße zog, zu dem Haus mit der blauen Tür.

Das Haus stand seit Mitte September leer. Familie Brenner war überstürzt weggezogen — an einem einzigen Tag fuhr ein Umzugswagen vor, Männer in Arbeitshandschuhen trugen Schränke, Kartons, ein Kinderfahrrad hinaus. Frau Brenner rief mir noch über den Gartenzaun zu, ihr Mann habe eine Stelle in Stuttgart bekommen, das Haus stehe zum Verkauf, wir sollten uns nicht wundern, wenn fremde Leute mit dem Makler herumliefen.

Fremde Leute liefen tatsächlich herum. Zweimal kam ein Paar aus München, schaute aufs Dach, fragte nach den Kosten für eine Fassadendämmung. Einmal maß ein Mann in grauer Jacke mit dem Zollstock die Veranda aus.

Und auf der Veranda saß eine Katze. Rotbraun, mit weißen Pfoten vorne und einem leicht eingerissenen linken Ohr. Sie saß aufrecht direkt vor der Haustür, mit dem Rücken zur Welt, und schaute die Türklinke an. Nicht die Menschen. Nicht die Autos. Die Klinke einer Tür, die sich nicht mehr öffnete.

„Die ist schon lange da", flüsterte Jonas, als wären wir in einer Bibliothek. „Ich seh sie vom Fenster aus. Immer da."

Ich wollte etwas Vernünftiges sagen. Dass Katzen ortsgebunden sind, dass sie sich ein neues Zuhause sucht, dass man sich darüber keine Gedanken machen muss. Aber genau in dem Moment hob die Katze den Kopf, als ein Auto vorbeifuhr, spannte den ganzen Körper an. Das Auto fuhr weiter. Sie senkte den Kopf wieder, setzte sich genauso aufrecht hin wie vorher.

Und ich sagte nichts Vernünftiges.

Um eine Katze hatte Jonas mich zwei Jahre lang gebeten. Nein, länger. Zum Geburtstag. Zu Weihnachten. Einfach so, an einem Dienstag, während wir bei der Post in der Schlange standen. Er malte Katzen an den Rand seiner Matheaufgaben, formte sie aus Knete, immer gleich: runder Kopf, vier Striche, ein Schwanz so lang wie das ganze Blatt.

Ich lehnte ruhig ab, mit Argumenten, wie man sie eben im Internet liest.

„Jonas, um eine Katze muss man sich kümmern."

„Mach ich."

„Du räumst nicht mal dein Spielzeug weg."

„Bei der Katze mach ich's."

„Gutes Katzenfutter kostet Geld. Jeden Monat."

„Ich will dann keine Chips mehr."

An dieser Stelle blieb mir jedes Mal die Luft weg, weil ich nichts dagegenzusetzen hatte. Er war wirklich bereit, alles zu verhandeln, was er besaß: Chips, Eis, Abendfernsehen. Einmal brachte er mir sein Sparschwein.

Im Frühjahr, beim Bettenbeziehen, fand ich unter seinem Bett einen Schuhkarton. Darin lag ein vierfach gefaltetes Handtuch, darauf ein kleiner Ball und ein Plastikfisch.

„Was ist das?"

„Das Bett."

„Wessen Bett?"

„Na wessen", sagte er leicht genervt, als würde ich schon wieder etwas Offensichtliches nicht kapieren. „Von der Katze. Sie muss doch irgendwo schlafen, wenn sie kommt."

Der Karton stand bis Oktober unter seinem Bett.

Wir gingen jeden Tag zu der Veranda. Erst trug ich die Schale allein, solange Jonas im Kindergarten war. Dann gingen wir nachmittags zusammen. Er trug eine Plastikflasche Wasser und war furchtbar stolz, dass man ihm ausgerechnet das Wasser anvertraute — weil man es am leichtesten verschüttet.

Die Katze ließ uns nicht nah heran. Sie wich drei Schritte zurück, setzte sich, wartete, bis wir das Futter hingestellt hatten und uns entfernten. Erst dann kam sie. Fraß schnell, ohne den Kopf zu heben, und kehrte zurück auf ihren Platz vor der Tür. Klinke.

Jonas redete mit ihr aus sicherer Entfernung. Ging in die Hocke, Hände auf den Knien, erzählte die Neuigkeiten des Tages.

„Rostikus, heute gab's Grießbrei. Grauenhaft. Dir hätt's auch nicht geschmeckt."

Die Katze blinzelte.

„Rostikus, frierst du nicht? Nachts wird's schon kalt."

Nachts wurde es tatsächlich kalt. Ende Oktober, feucht und windig, morgens Raureif auf dem Rasen, in den Pfützen eine dünne Eisschicht, die Jonas mit der Stiefelspitze auf dem Weg zum Kindergarten immer zertrat. Wir hatten die Heizung schon angestellt, die Wolldecken aus dem Schrank geholt, eine neue Winterjacke gekauft, zwei Nummern größer zum Reinwachsen.

Und die Katze saß auf dem kalten Beton.

Frau Kowalski aus dem Nachbarhaus sagte mir über den Zaun, was ich wohl selbst schon geahnt hatte: „Die haben die nie mitgenommen. Die ist denen vor drei Jahren zugelaufen. Frau Brenner hat immer gesagt: Streunerin, die kommt schon klar."

Kommt schon klar. Ein bequemes Wort.

Wir brachten einen großen Karton von einem Elektrogerät auf die Veranda, mit doppeltem Boden. Ich legte eine alte Decke hinein, drehte die Öffnung zur Wand, damit es nicht hineinzog, beschwerte alles mit einem Ziegelstein gegen den Wind.

Die Katze umkreiste den Karton zweimal. Beschnupperte die Ecke. Schaute hinein, so wie man in eine fremde Wohnung schaut. Und legte sich daneben. Nicht hinein. Daneben.

„Warum geht sie nicht rein?", Jonas war den Tränen nahe.

„Vielleicht hat sie Angst, dass sie es nicht mitkriegt, wenn die zurückkommen."

Das war die ehrlichste Antwort, die mir einfiel. Und wohl die falsche, denn am nächsten Abend setzte sich Jonas mit einem Bleistift hin und riss ein Blatt aus genau diesem Matheheft. Er schrieb lange, die Zunge zwischen den Zähnen, in Druckbuchstaben, mit spiegelverkehrtem „S":

WENN IHR ZURÜCKKOMT HOLT DIE KATZE ZURÜCK SIE WARTET SCHON LANGE

Wir klebten den Zettel mit Tesafilm an das blaue Gartentor. Er hing dort drei Tage, bis der Regen ihn aufweichte.

Das Katzenkörbchen bestellte ich am Montagabend, als Jonas schon schlief. Rund, mit hohem Rand, gefüttertem Boden. Er kontrollierte die Lieferung intensiver als jemand eine Wohnungsrenovierung überwacht. Fragte morgens, fragte im Auto, fragte vorm Einschlafen. Als die Benachrichtigung kam, das Paket liege bei der Postfiliale, war er in zwei Minuten fertig — sonst suchen wir eine halbe Stunde nach dem zweiten Stiefel.

Den Karton trug er selbst. Er war größer als er, versperrte ihm die Sicht, er ging seitlich, fast wäre er zweimal gestolpert.

Wir stellten das Körbchen in das Karton-Häuschen, steckten die Deckenränder fest. Die Katze beobachtete uns aus der Ferne, unter einem Strauch, und in ihrem Gesicht stand nichts Freundliches.

„Komm", sagte ich. „Solange wir da sind, geht sie nicht rein."

Wir zogen uns zum Gartentor zurück und warteten. Die Katze näherte sich dem Karton. Beschnupperte lange den Rand. Setzte eine Pfote hinein, dann die andere. Trat das Fell fest, wie Katzen es tun, wenn sie prüfen, ob es ein Trick ist.

Und plötzlich legte sie sich hin. Nicht misstrauisch, nicht seitlich, bereit aufzuspringen — sondern richtig: rollte sich zusammen, deckte die Schnauze mit dem Schwanz zu, schloss die Augen.

Die Tür war einen Meter entfernt. Sie sah nicht mal mehr hin.

Jonas krallte sich in meine Finger. „Mama, sie schläft."

„Sie schläft."

„Heißt das, sie wartet nicht mehr?"

Ich stand da und schaute auf das rotbraune Fellknäuel im Karton, und in meinem Hals saß etwas, das ich meinem Sohn nicht erklären konnte. Dass ein Lebewesen manchmal nicht deshalb aufhört zu warten, weil es ihm gut geht. Sondern weil die Kraft einfach zu Ende ist.

In der Nacht zum Donnerstag setzte Regen ein. Kein leiser Herbstregen, sondern der, bei dem Wasser im Hof steht und stundenlang gegen die Fensterbank trommelt. Ich wachte um zwei auf. Im Flur brannte Licht. Jonas stand am Haustür in Schlafanzug und Gummistiefeln, barfuß darin.

„Wo willst du hin?"

„Zu Rostikus. Der Karton wird nass."

„Jonas, es ist mitten in der Nacht."

„Na und", sagte er und schaute zu mir hoch. „Ihr ist es doch egal, ob Nacht oder nicht."

Wir gingen zu zweit. Ich mit einem großen Schirm und der Transportbox, die ich mir bei Frau Kowalski geliehen hatte, er mit den Resten der Fleischwurst in der Faust.

Die Katze saß im Karton, die Pfoten eingezogen. Die Decke unter ihr war trocken, aber die Kartonwände weichten schon auf. Sie schaute uns an.

Ich stellte die Box hin, öffnete die Klappe, trat zurück — ohne große Hoffnung.

Sie stand auf. Streckte sich. Ging an mir vorbei, an Jonas vorbei, an der offenen Klappe vorbei — und blieb stehen. Drehte sich zu dieser Tür um, ein letztes Mal, sah sie lange an, im Regen.

Dann ging sie von selbst in die Transportbox.

Zu Hause verschwand sie sofort hinter der Waschmaschine und blieb dort bis zum Morgen. Ich zog sie nicht heraus. Stellte Wasser und eine Schale daneben, ging schlafen. Jonas schlief, da bin ich mir sicher, mit einem offenen Auge.

Um sieben weckte er mich, an der Schulter rüttelnd, direkt ins Ohr atmend: „Mama. Mama! Komm. Aber leise."

Die Katze lag in seinem Zimmer. Nicht im neuen Körbchen, das wir von der Veranda mitgebracht und neben die Heizung gestellt hatten. Auch nicht auf seinem Bett. Sie schlief im Schuhkarton, auf dem vierfach gefalteten Handtuch, neben dem Plastikfisch. In dem Bett, das seit dem Frühjahr auf sie gewartet hatte.

Jonas hockte sich hin, stützte die Wangen in die Hände und schaute sie fünf Minuten lang an, ohne sich zu rühren. Dann sagte er leise, fast zu sich selbst, in dem sachlichen Ton, mit dem Sechsjährige Entscheidungen verkünden:

„So. Jetzt bist du zu Hause."

Die Katze wachte nicht auf.

Das blaue Gartentor gegenüber wurde später verkauft. Dort wohnen jetzt andere Leute, im Hof steht ein anderes Auto, im Frühjahr wollen sie das Dach erneuern lassen. Bei uns in der Küche steht jetzt eine zweite Schale, im Bad liegt eine fremde Zahnbürste, und auf all meinen dunklen Pullovern klebt rotbraunes Fell, das keine Fusselrolle wirklich entfernt.

Ich weiß bis heute nicht, wer wen mehr gebraucht hat: der Junge, der zwei Jahre lang um eine Katze bat, oder die Katze, die drei Wochen lang eine Türklinke anstarrte. Wahrscheinlich haben die beiden sich einfach zur richtigen Zeit gefunden — an einem Dienstag im Kindergartenwarteraum, an einer verlassenen Veranda, in einer Regennacht im Oktober, in der niemand mehr hätte warten sollen.

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Odissea
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