Der süßeste Verrat

Das Summen ihres Handys riss Katharina aus der Konzentration. Sie wischte sich die mehlbestäubten Hände an der Schürze ab und nahm den Anruf entgegen, während der KitchenAid-Mixer im Hintergrund eine steife Buttercreme schlug.

„Tortenatelier Bergmann?"

„Ja, hallo? Ich brauche eine absolute Meistertorte", schnurrte eine selbstbewusste Stimme am anderen Ende. „Etwas Atemberaubendes. Mein Schatz und ich feiern unser Einjähriges, da kann ich nicht einfach einen popeligen Kuchen vom Bäcker an der Ecke hinstellen."

Katharina schob sich eine lose Strähne aus dem Gesicht und trat an die Espressomaschine. „Da sind Sie bei mir richtig. Was hatten Sie sich denn vorgestellt? Eine Hochzeitstorte? Motivtorte?"

„Keine Hochzeit! Noch nicht", die Frau lachte kehlig. „Also, er mag es klassisch, aber mit einem Wow-Effekt. Ich dachte an dieses Ding mit den Schokoböden und der Himbeer-Mascarpone-Füllung. Und dann oben drauf eine riesige, glänzende Kugel aus Zucker oder so, die man mit so einem süßen kleinen Hämmerchen zerschlagen muss. Da kommt dann der Gutschein für den Segeltörn rein, den ich ihm schenke."

Die Augen der Konditorin wanderten zu dem aufgerufenen Kalender. Der kommende Samstag war tatsächlich noch frei. Ein gut zahlender Auftrag, sechshundert Euro Mindestpreis. Perfekt für die Nebenkostenabrechnung, die nächste Woche fällig wurde.

„Das klingt machbar. Schicken Sie mir doch bitte ein Foto von ihm, dann drucke ich es mit auf den Kuchen. Wird ein Hingucker, versprochen."

Während die Fremde am anderen Ende lachte und die Adresse im Leipziger Villenviertel Schleußig durchgab, druckte Katharina bereits die Auftragsbestätigung. Sie lächelte müde, während sie notierte: Samstag, 18:30 Uhr, Mainzer Landstraße 112.

Ein neuer Tag, ein neuer Kuchen. Manchmal fühlte sich ihr Leben wie eine einzige Montage an: Kinder zur Schule bringen, einkaufen, backen, dekorieren, liefern, abholen, kochen, Hausaufgaben, Gute-Nacht-Geschichten. Und jedes dritte Wort von Thomas, wenn er denn mal da war, drehte sich um den Sparkurs. Ihre Torten seien zu teuer im Einkauf. Ob die Kinder wirklich diese neuen Schuhe bräuchten. Ob der Bio-Hofladen nötig sei.

Das Geld, das sie verdiente, floss fast komplett in den Familienalltag. Seine Karriere als Architekt bei „Raum & Form" in Halle hatte oberste Priorität. Sie hatte sich irgendwann nicht einmal mehr gefragt, ob das fair war. Es war einfach so.

Der nächste Morgen begann mit dem Geruch von zu lange gebrühtem Kaffee. Die elfjährige Lotta schlürfte ihren O-Saft, während der neunjährige Paul in seinen Cornflakes rührte, ohne wirklich zu essen. Draußen zog ein Nieselregen auf.

Um kurz vor neun klingelte das Handy erneut. Eine WhatsApp der neuen Kundin, mit einer Sprachnachricht von fast zwei Minuten. Katharina tippte auf Abspielen und stellte das Gerät auf den Küchentisch, während sie die leeren Müslischalen in die Spülmaschine räumte.

„…also hier das Foto. Ist das nicht ein Prachtkerl? Sieht man ihm gar nicht an, dass er auf die fünfzig zugeht! Der Aufdruck sollte sein: Für den Sieger. Er hat nämlich das größte Glosch gehabt, mich zu treffen. Seine Frau, also die Noch-Ehefrau, ist so eine graue Maus. Verbittert, jung geheiratet, hat sich null um sich gekümmert, weißt du? Nur Kinder und Küche. Hat ständig an ihm rumgenörgelt, wie unglücklich sie ist, und dass sie sich für ihn aufopfert. Und dann so eine Überraschung: mein Steffen hat sich endlich getraut, ihr am Freitag die Scheidungspapiere auf den Tisch zu legen. Krass, oder? Der Kuchen ist quasi unser Befreiungsschlag."

Katharinas Finger, die gerade nach einem Geschirrhandtuch griffen, stoppten mitten in der Bewegung.

Steffen.

Ihr Mann hieß Steffen.

In ihrem Brustkorb zog sich alles für einen Moment schmerzhaft zusammen, bevor eine eigenartige, kristallklare Ruhe in ihr aufstieg. Nein, unmöglich. Reiner Zufall. Es gab Tausende von Steffens in dieser Stadt.

Sie öffnete das Bild.

Die Welt kippte leise aus den Angeln. Auf dem Display sah sie ihn. Sein schmales Gesicht, das markante Grübchen am Kinn, die viel zu teure Sonnenbrille ins schüttere graue Haar geschoben. Im Hintergrund das von wildem Wein überwucherte Gartenhaus seines Bruders an den Störmthaler Seen. Das Foto musste vor zwei Wochen beim Grillfest entstanden sein, dem, zu dem er allein gefahren war, weil sie ja backen musste.

Praktischerweise.

Sie starrte auf sein Lächeln. Entspannt. Unbeschwert. So, wie er sie seit Jahren nicht mehr angesehen hatte. Ein Lächeln, das offenbar einer vierunddreißigjährigen Sylt-Ärztin namens Maren gehörte, wie aus dem Profil der Kundin kurz ersichtlich war.

Graue Maus. Hat sich geopfert. Hat nur genörgelt.

Katharina füllte den Wassertank des Bügeleisens auf und bügelte mechanisch Pauls zerknittertes T-Shirt fertig, während im Hintergrund die Spülmaschine rumpelte. Ihr Atem ging flach, aber ihre Hände zitterten nicht. Sie hatten aufgehört zu zittern, als sie mit achtundzwanzig in einer Blutlache im Badezimmer aufgewacht war, nachdem die zweite Fehlgeburt sie fast umgebracht hätte, und Steffen auf Dienstreise war. Sie hatten aufgehört zu zittern, als sie merkte, dass sie außergewöhnlich gut darin war, Dinge zu kitten und zu regeln.

Ihr Daumen schwebte über dem Display. Dann tippte sie mit ruhiger Präzision ihre Antwort: „Das Bild ist optimal. Zucker-Essay für die Kugel bekommen Sie separat. Noch Wünsche für die Deko?"

Maren tippte sofort zurück, offenbar erleichtert über die professionelle Kühle. „Ich hab gehört, man kann in diese Zuckerbomben kleine Botschaften legen, so zarte Papierröllchen? Voll romantisch. Schreiben Sie bitte rein: Auf uns, mein Löwe. Der erste Tag vom Rest unseres wunderbaren Lebens. PS: Das hässliche alte Sofa von ihr kommt morgen auf den Sperrmüll."

Katharina schob die Backformen in den auf 190 Grad vorgeheizten Ofen und schloss leise die Tür. Sie würde genau diesen Text in die Kugel legen. Nicht mehr und nicht weniger.

Den ganzen Donnerstag über flog das Mehl. Drei Schokoladenböden. Himbeer-Coulis. Schicht für Schicht Mascarpone-Creme. Der Geruch von Obstbrand und Kakao waberte durch die Loftwohnung über der alten Konservenfabrik in Plagwitz. Sie blanchierte Mandeln, dämpfte einen Zuckersirup auf 118 Grad und zog daraus unter den wachsamen Blicken von Paul und Lotta, die von der Schule heimgekommen waren, hauchzarte Isomalt-Blüten.

„Mama, wird der nicht zu süß?", fragte Lotta und stupste mit dem Finger in die Schüssel mit der übrig gebliebenen Ganache.

„Das wird der süßeste Kuchen, den ich je gemacht habe", antwortete Katharina leise und strich mit der Winkelpalette über die Torte, bis die Oberfläche spiegelglatt glänzte. „Er ist für einen ganz besonderen Anlass."

Am Freitagmorgen um 10:14 Uhr, nachdem sie die Kinder am Schultor abgesetzt hatte und erwartete, dass Steffen noch in seinem Architekturbüro war, klingelte ihr Telefon. Es war Steffen.

„Kat, du, ich hab' schlechte Nachrichten. Das Projekt in Jena, der Gewerbepark, da ist der Teufel los. Die Baustofflieferung ist feucht geworden, der Investor tobt. Ich muss das ganze Wochenende vor Ort sein, Notfallplan machen. Tut mir echt leid. Sag den Kindern, dass Papa sie ganz doll lieb hat."

Vierzehn Jahre Ehe. Sie kannte jede Nuance seiner Stimme. Die kleine zu hohe Note, wenn er log. Genau die war da. Leicht, kaum hörbar, aber da.

„Das ist aber schade, Schatz. Ausgerechnet dieses Wochenende?", fragte sie mit einem Hauch von Enttäuschung in der Stimme.

„Total ätzend, ich weiß. Ich fahr heute Abend gleich los, okay? Spare ich mir den Stau morgen früh. Bin dann Montag wieder da."

„Soll ich dir eine Tasche packen? Was brauchst du für drei Tage?"

„Nee, lass mal. Ich hab noch ein paar Klamotten im Büro. Die reichen. Kathi, muss Schluss machen, der Makler klingelt auf der anderen Leitung. Küsschen."

Er legte auf. Kein „Ich liebe dich". Nicht einmal ein richtiges „Tschüss".

Sie stand in ihrem Atelier vor der fertigen Torte und dem letzten fehlenden Stück: der Zuckerkugel. Sie hatte zwei Halbkugeln aus zerstoßenem, buntem Bonbon-Zucker im Ofen geschmolzen. Jetzt lagen sie vor ihr, bereit, versiegelt zu werden.

Sie griff in die Schublade, holte den altmodischen Füller ihres Vaters hervor und schrieb in akkurater Schönschrift auf ein pergamentartiges Papier:

„Auf uns, mein Löwe. Der erste Tag vom Rest unseres wunderbaren Lebens. PS: Das hässliche alte Sofa von ihr kommt morgen auf den Sperrmüll."

Darunter fügte sie zwei eigene Sätze hinzu, die sie schnell und präzise notierte, während das Nachmittagslicht durch die großen Fenster der Loftwohnung fiel:

„Ach ja, Steffen hat seit Jahren einen Bandscheibenvorfall, weswegen er im Bett liegt wie eine Stoffpuppe. Er wäscht seine Socken nur bei 30 Grad, sonst kratzen sie. Die nächste Rate für seinen geleasten Audi A6 ist Ende des Monats fällig, achttausendvierhundert Euro für das Restjahr. Die Nummer der Pizzeria, die auch glutenfrei anbietet, klebt am Kühlschrank. Viel Glück, Maren. Unterschrieben: Die graue Maus, die jetzt die Katze ist."

Sie rollte das Papier zusammen und zog ihren Ehering vom Finger. Er war ein wenig angelaufen. Vierzehn Jahre getragen. Die Haut darunter war etwas blasser, aber kein tiefer Abdruck, kein Mal, nichts, was blieb. Sie ließ den Ring in die eine Hälfte der Kugel fallen, platzierte das Röllchen daneben und versiegelte das ganze mit flüssigem, heißem Karamell.

Samstag, 18:17 Uhr. Der Kuchen stand perfekt verpackt in einer stabilen Box auf dem Beifahrersitz ihres weißen Fiat Ducato. Auf der Rückbank standen zwei große Umzugskartons, ordentlich verschnürt mit Paketband. Darin: Steffens gesamte Garderobe aus dem begehbaren Kleiderschrank, seine PlayStation, seine geliebte French-Press-Kanne, das personalisierte Bayern-München-Trikot aus dem Keller, die Krawattenkollektion. Und zwei Kartons mit Unterlagen und den Jahresbilanzen seines Architekturbüros, bei dem sie als stillschweigende, unbezahlte Buchhalterin jedes Quartal die Einnahmen-Überschuss-Rechnung gemacht hatte, während er schlief.

Sie parkte vor dem sanierten Jugendstilhaus in der Mainzer Landstraße, genau um 18:28 Uhr.

Ihr Outfit: ein marineblauer Hosenanzug, den sie sich im Januar im Schlussverkauf bei Breuninger gekauft hatte. Dazu dezente Perlenohrringe. Sie sah aus wie eine Frau, die zu einer Vernissage geht, nicht zu einem Ehedrama. Aber das hier würde kein Drama werden. Das hier war eine Zustellung.

Sie klingelte, die schwere Tortenbox elegant auf der linken ausgestreckten Hand balancierend.

Die Tür sprang auf. Eine hochgewachsene, athletische Frau in einem fließenden roten Seidenkleid, das blonde Haar kunstvoll aufgesteckt, musterte sie mit flüchtiger Anerkennung, die sofort auf den Kuchen wanderte.

„Ach, wunderbar! Sie sind die Konditorin! Pünktlich wie die Maurer. Hereinspaziert, den stellen wir einfach auf den Esstisch, ich hole kurz… Steffen, Schatz? Die Torte ist da!"

Katharina betrat die Diele, die vollgestellt war mit Designermöbeln und riesigen abstrakten Gemälden. Überall standen Orchideen. Es roch nach einem teuren, holzigen Duft.

Da erschien er. Im perfekt sitzenden blauen Leinenhemd, das er sonst nur zu „wichtigen Präsentationen" trug. In der Hand ein Glas Champagner. Sein Lächeln war breit, satt, das Lächeln eines Mannes, der sich am Ziel wähnt.

Dann erkannte er sie.

Sein Arm mit dem Champagnerglas sank herab. Die Röte wich aus seinem Gesicht und machte einer wächsernen Blässe Platz, als hätte jemand bei ihm einen Schalter umgelegt. Seine Kinnlade bewegte sich, als versuche er zu kauen, ohne Nahrung im Mund zu haben.

„Ka…", seine Stimme kippte. Er fing sich unsicher. „Kathi? Was…"

Maren, die nichtsahnend den Plastikdeckel der Tortenbox lösen wollte, sah irritiert auf. „Ihr kennt euch? Ja cool, dann willst du sicher ein Glas mit uns trinken, oder?"

Katharina ignorierte Steffen. Sie wandte sich mit einem sanften, professionellen Lächeln direkt an Maren. „Hier ist Ihr Kuchen. Das Zuckerkunstwerk öffnet sich mit diesem kleinen Hammer, den ich separat beigelegt habe. Und bevor ich es vergesse…"

Sie trat einen Schritt zurück zur Wohnungstür, zog von draußen den ersten der beiden schweren Kartons über die Türschwelle und stellte ihn mit einem dumpfen Laut auf dem hellen Fischgrätenparkett ab.

„…das sind seine Sachen."

Marens Lächeln fror ein. „Was… was soll das?"

Katharina richtete sich auf und sah Steffen an, der wie versteinert im Durchgang zum Wohnzimmer stand. Ein kleines, fast belustigtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Die Sprachnachrichten hast du alle bekommen, Maren. Jede einzelne wurde gelesen. Ich bin die, die ständig an ihm rumgenörgelt hat, während sie sich aufopfert. Stimmt ja fast. Ich hab mich wirklich aufgeopfert. Für einen Mann, der seine Unterhosen nicht von allein in den Wäschekorb legen kann." Sie richtete ihren Blick auf Steffen, freundlich, kühl. „Du hast Samstagmittag gesagt. Samstagmittag legst du ihr die Scheidungspapiere auf den Tisch. Ich nehm's dir ab. Ist doch eine Überraschung weniger, über die du dich ärgern musst. Die Anwältin meldet sich am Montag bei euch."

Sie griff in ihre Handtasche und legte einen kleinen Umschlag auf die Tortenbox. „Die zweite Kiste mit dem Rest von Steffens Kram steht vor der Tür. Frohes Einjähriges."

Marens Kopf ruckte zu Steffen herum. „Du wolltest es ihr samstags sagen? An unserem JAHRESTAG?" Ihre Stimme schrillte hysterisch. „Du wolltest unser ganzes Fest mit deiner Noch-Frau und ihren Möbeln und ihrem Drama verplanen?"

Steffen stammelte nur unzusammenhängende Worte.

Katharina drehte sich auf dem Absatz um und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus hörte sie, wie drinnen der erste wütende Streit begann. Marens aufgebrachte Stimme und Steffens fahriges, panisches Beschwichtigen hallten durch die geschlossene Tür.

Im Fahrstuhl summte leise Musik. Sie atmete einmal tief durch und atmete ebenso tief wieder aus. Unten an der Haustür fuhrwerkte sie kurz mit ihrer Schlüsselkarte herum, kickte dann etwas mit der Schuhspitze vom Gehsteigrand und sah zu, wie es in den Gully fiel. Der Hausschlüssel. Ihr Haus, in Plagwitz, das ihrer Oma gehört hatte, stand auf ihren Namen. Das hatte sie immer gewusst.

Zurück im Transporter, startete sie den Motor. Ihr Handy leuchtete auf. Nicht Steffen. Lotta.

„Mamaaa? Sind wir jetzt bald im Kino? Du hast uns versprochen, wir gehen in den neuen Disney-Film."

Katharina lächelte in die hereinbrechende Dunkelheit des frühen Abends. „In zwanzig Minuten bin ich zu Hause, Lotta-Maus. Macht euch schon mal fertig. Wir holen uns vorher noch ein riesengroßes Popcorn."

Sie legte den ersten Gang ein, verließ die Mainzer Landstraße und fuhr nach Hause. Zurück zu den Kindern, in ihre helle, große Loftwohnung mit den riesigen Fenstern zur alten Konservenfabrik, in der kein Steffen mehr auf dem Sofa liegen und über den Geruch von Vanilleextrakt nörgeln würde.

An der nächsten roten Ampel betrachtete sie ihren linken Ringfinger. Die kleine Vertiefung vom Ehering war noch da. Morgen würde sie sich mit den Kindern auf den Wochenmarkt stellen, frische Blumen kaufen und vielleicht einen riesigen Topf voll Chili kochen. Und übermorgen? Da würde sie wahrscheinlich einen neuen Kuchen backen. Einen, der nur für sie und ihre Kinder war.

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Odissea
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