Zwölf Minuten nach fünfzig Jahren

 

Der alte Mann stieg an der Haltestelle am Rathaus ein und hielt die Chrysanthemen, als wären sie zerbrechlicher als Glas.

Miriam bemerkte ihn sofort. Nicht, weil er laut war. Im Gegenteil. Er war so still, dass er in einem vollen Bus fast verschwunden wäre. Sein Mantel war alt, die Hände schmal, die Augen fest auf die Uhr gerichtet.

Der einzige freie Platz war neben ihm.

Miriam setzte sich.

— Schöne Blumen, sagte sie nach einer Weile.

— Hoffentlich schön genug, antwortete er. — Ich habe fünfzig Jahre Verspätung.

So begann er zu erzählen.

Er hieß Karl. Sie hieß Margot. Früher wohnten sie in Magdeburg in derselben Straße. Er brachte ihr im Frühjahr Flieder, sie nähte ihm einen Knopf an die Jacke, bevor er zur Armee musste. Sie schrieben Briefe. Dann bekam er keine mehr. Als er heimkam, war Margot fort.

— Ich dachte, sie hätte mich aufgegeben, sagte Karl. — Also gab ich irgendwann auch auf. Äußerlich zumindest.

Er heiratete, arbeitete, wurde Vater, wurde Witwer. Das Leben war nicht schlecht zu ihm, aber es hatte eine falsche Abzweigung genommen, und das wusste er immer.

Vor einigen Tagen hatte eine alte Bekannte angerufen.

Margot lebte. Allein. Ihre Mutter hatte damals die Briefe verschwinden lassen. Aus Stolz. Aus Angst. Aus dem Wunsch, das Leben der Tochter zu planen.

Heute hatte Margot zwölf Minuten Aufenthalt in Leipzig. Zwölf Minuten, bevor ihr Zug weiterfuhr.

Dann kam der Stau.

Der Bus stand zwischen Autos, hupenden Fahrern und diesem besonderen Schweigen, das entsteht, wenn alle merken, dass nichts weitergeht.

Karl flüsterte:

— Ich komme zu spät.

Miriam sah auf ihr Handy. Ihr Termin war wichtig. Ihr Chef würde wütend sein. Aber der Mann neben ihr hatte nicht Angst vor einem Termin. Er hatte Angst vor einem zweiten verpassten Leben.

Sie ging zum Fahrer.

— Bitte öffnen Sie die Tür.

— Das darf ich nicht.

— Doch. Vielleicht nicht nach Plan. Aber nach Menschlichkeit.

Der Fahrer sah erst sie an, dann Karl, dann die Blumen.

— Na los, sagte er. Aber schnell.

Miriam bestellte ein Taxi und schob Karl fast hinein.

— Bahnhof, Gleis Ostseite. Bitte beeilen Sie sich.

— Wie heiße ich Ihnen das zurück? fragte Karl.

— Indem Sie ankommen.

Eine Stunde später saß Miriam in einem Besprechungsraum und hörte nichts von dem, was gesagt wurde. Ihr Handy lag stumm vor ihr.

In der Pause sah sie das Foto.

Karl und Margot auf dem Bahnsteig. Zwei alte Gesichter, die einander ansahen, als prüften sie, ob die Jugend noch irgendwo hinter den Falten wartete. Margot hielt die weißen Blumen.

Die Nachricht lautete:

„Ich habe sie erreicht. Der Zug hatte zwei Minuten Verspätung. Sie sagte: ‘Karl, ich dachte, du wolltest nicht.’ Ich sagte: ‘Ich wollte immer.’ Wir treffen uns morgen wieder. Danke. Sie haben uns zwölf Minuten geschenkt, und daraus ist vielleicht der Rest unseres Lebens geworden.”

Miriam setzte sich auf die Treppe im Flur und weinte leise.

Nicht vor Traurigkeit.

Vor Erleichterung, dass das Leben manchmal doch noch ein Fenster öffnet, wenn alle Türen schon lange geschlossen scheinen.

 

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