Als meine Schwester zur Ernte kam

 

Meine Schwester hatte den Garten den ganzen Sommer vergessen.

Sie erinnerte sich erst wieder daran, als die Tomaten rot waren.

Ich stand an diesem Samstagmorgen im Garten unserer verstorbenen Oma in der Nähe von Hannover. Hinter mir lagen Monate Arbeit: Beete anlegen, Wasser tragen, Schnecken sammeln, Bäume schneiden, Himbeeren retten, Marmelade kochen. Vor mir stand Nora mit leeren Körben und dem Satz:

— Oma hat uns das doch beiden vererbt.

Ja. Das hatte sie.

Aber Oma hatte uns keine fertigen Gläser Marmelade vom Himmel geschickt. Sie hatte uns Erde hinterlassen. Arbeit. Erinnerung. Verantwortung.

Im März hatte Nora gesagt:

— Du magst so etwas. Ich habe dafür keine Zeit.

Ich hatte Zeit gemacht. Urlaub genommen, Wochenenden geopfert, mir Rat von den Nachbarn geholt. Frau Meier zeigte mir, wie man Johannisbeeren schneidet. Herr Kranz reparierte die Regentonne. Jeden Abend fiel ich erschöpft ins Bett, aber mit dem Gefühl, etwas Lebendiges gerettet zu haben.

Nora kam im Juni einmal. Sie sagte:

— Sieht ja nett aus.

Mehr nicht.

Jetzt riss ihr Mann Birnen vom Baum, als stünde er im Selbstpflückfeld.

— Stopp, sagte ich.

— Warum so empfindlich? fragte Nora.

— Weil ihr nicht erntet. Ihr nehmt.

Sie lachte kurz.

— Du klingst geizig.

Das Wort traf mich härter, als ich erwartet hatte.

Frau Meier hörte es vom Nachbargrundstück.

— Geizig? Dieses Mädchen hat hier bei dreißig Grad Wasser geschleppt, während ihr nicht mal gefragt habt, ob sie lebt.

Nora wurde steif.

— Das geht Sie nichts an.

Herr Kranz antwortete:

— Doch. Wir haben den Garten mit ihr wachsen sehen.

Der Mann meiner Schwester stellte seinen Korb ab. Er sah plötzlich beschämt aus.

— Nora, vielleicht hat sie recht.

Nora ging wütend zum Auto.

Ich ließ sie gehen.

Am Abend saß ich mit den Nachbarn auf der Terrasse. Wir aßen Brot, Tomaten und Pflaumenkuchen. Ich weinte nicht mehr. Ich war müde, aber klar.

Eine Woche später kam eine Nachricht:

„Ich war unfair. Kann ich helfen?”

Ich schrieb:

„Samstag. Acht Uhr. Nicht in weißen Schuhen.”

Sie kam tatsächlich.

Es war nicht sofort wieder gut. Aber sie lernte, dass eine Ernte keine Sache ist.

Sie ist eine Geschichte von Händen, die vorher da waren.

 

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