Dr. Thomas Berger wusste schon beim Hereinkommen, dass dieses Gespräch wieder nichts bringen würde. Klaudia und Ralf saßen in seinen Praxisstühlen, als wären sie aus Porzellan, und ihre zehnjährige Tochter Leonie kauerte daneben — blass, lustlos, mit stumpfen Haaren. Sie hatten schon drei Termine in seiner Heidelberger Kinderarztpraxis, in der Altstadt unterm Schloss, und jedes Mal dasselbe: Die Eltern verlangten, dass Leonie nur mit Kindern aus „bestem Hause“ spielen dürfe — Anwaltstöchter, Professorensöhne, Nachfahren angeblicher Freiherren. Die eigene Großmutter, so betonten sie jedes Mal, habe schließlich den Grafen von Wartenburg persönlich gekannt.
Leonie hatte einfach nur mit Mia aus der Parallelklasse Mandarinen tauschen wollen. Seitdem aß sie kaum noch, saß nachts wach und malte stundenlang schwarze Vögel.
Der Doktor seufzte, während draußen die Mittagsglocken der Heiliggeistkirche läuteten und durchs gekippte Fenster der Geruch von gebrannten Mandeln vom Weihnachtsmarkt zog. Er wollte schon wieder mit einem Rat zu mehr Toleranz ansetzen, als sein Blick auf das Blatt fiel, das Leonie gerade im Wartezimmer mit Filzstift bekritzelt hatte: eine Katze mit einer winzigen Krone auf dem Kopf.
Da schoss ihm eine rettende Albernheit durch den Kopf.
„Wissen Sie, was Ihr Kind wirklich braucht?“ Er beugte sich vor, senkte die Stimme, als verriete er ein Staatsgeheimnis. „Eine Katze. Aber keine gewöhnliche. Die seltenste und vornehmste Rasse der Welt: die Engelstädter Katze. Jedes europäische Königshaus besitzt so ein Tier — zumindest hinter vorgehaltener Hand. Gerüchten zufolge hat sogar Queen Victoria persönlich ein Exemplar in ihrem Schlafgemach gehalten. Ein Tier mit nahezu königlichem Blut, verstehen Sie?“
Leonies Kopf flog hoch, und sie klatschte in die Hände.
Klaudia und Ralf zückten sofort ihre Notizblöcke.
Dem Doktor wurde heiß. Er kassierte 200 Euro für die Konsultation, murmelte etwas von einem dringenden Hausbesuch und blockierte ihre Nummern, kaum dass die Tür zufiel.
### Das Wundertier für jeden Preis
Die beiden stellten sich noch am selben Abend zu ihren Nachbarn, die zwei preisgekrönte Bengalkatzen hielten und in deren Flur immer der Geruch von teurem Shampoo hing. Ob sie je von einer Engelstädter Katze gehört hätten? Kopfschütteln. Also setzten sie eine Anzeige in sämtliche Facebook-Gruppen und auf Kleinanzeigen: „Suche Engelstädter Kätzchen, zahle jeden Preis, Stammbaum mit königlichem Siegel erwünscht.“ Schon am nächsten Morgen hatte der Posteingang 80 Angebote — aus allen Teilen Deutschlands und darüber hinaus. Offenbar war die Engelstädter Rasse gar nicht so selten, wenn der Preis stimmte.
Sie entschieden sich für das teuerste: 5000 Euro, inklusive einer Pergamentrolle mit Wachssiegel, auf der tatsächlich „Queen Victoria“ unterschrieben hatte, und einer tierärztlichen Bescheinigung vom „königlichen Hof“ — mit dem handschriftlichen Zusatz auf Deutsch: *Ehrenwort der Mutter*. Das klang amtlich.
Am Tag der Abholung standen sie im Treppenhaus ihres Mietshauses im Stadtteil Weststadt. Wieder saß er da, der kleine graue Streuner mit den verklebten Augen, der schon die ganze Woche im Hauseingang kauerte. Er piepste, rappelte sich hoch und torkelte Ralf vor die Füße. Ralf stieg mit einem ungeduldigen Schritt darüber hinweg. An der Stelle klebte ein alter Kaugummi und eine verlorene Haarspange mit Glitzersternchen — die hatte Leonie wahrscheinlich auf dem Schulweg verloren.
Sie fuhren mit der nagelneuen Transportbox los und kamen mit einem winzigen, fuchsroten Kater zurück, der sich misstrauisch in eine Ecke drückte. Fünf Meter vor der Haustür schoss der graue Winzling wieder aus dem Schatten. Ralf stolperte, die Box knallte auf die Stufen, der Verschluss sprang auf, und der rote Kater schoss in die Büsche — für immer verschwunden.
Klaudia rang die Hände. Ralf fluchte. Sie irrten minutenlang über den Hof, fanden nichts als einen umgekippten Biomüll-Eimer und den argwöhnischen Blick einer Nachbarin hinter der Gardine. Schließlich fasste Ralf einen Entschluss, packte den grauen, verweinten Kotzbrocken mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung in die Box und schloss den Deckel. Sie würden Leonie nicht noch mehr enttäuschen.
### Zwei erobern ein Kinderzimmer
Das Mädchen sah den Kleinen, der sich zitternd an das Polster klammerte, und zog ihn ohne ein Wort an ihre Wange. Seine tränenden Augen hinterließen einen feuchten Streifen auf ihrem Pullover. Sie küsste das nasse Fell, gab ihm mit zwei Fingern ein Stückchen von ihrem Pausenbrot, und eine Stunde später saß die ganze Familie beim Tierarzt. Der spülte die Augen, verordnete Salbe und sagte trocken: „Straßenkatze, etwa acht Wochen. Aber mit einem Kämpferherz. Wo haben Sie die her?“
Leonie sagte: „Sie heißt Flocke und ist meine beste Freundin.“ Vor dem Rückweg kauften sie im Drogeriemarkt an der Ecke noch eine Dose Aufzuchtmilch und eine Packung Katzenfutter mit Lachs.
Am nächsten Morgen zog Ralf die Jacke über, um Brötchen zu holen, und hörte auf dem Hof ein Fauchen und Kreischen. Am überquellenden Mülleimer kämpfte der rote Ausreißer mit einem großen getigerten Kater um den Rest eines angebrannten Bratwurststücks. Der Kleine fauchte wie ein Tiger, die Ohren angelegt, und ließ nicht locker, bis er das Stückchen davontrug — stolz und schief im Maul.
Ralf packte ihn mit einem Griff in den Kragen und trug ihn, noch warm und nach Soße riechend, nach oben. Als er die Tür öffnete, stieß Flocke einen Begrüßungslaut aus, und der rote Kater schoss schnurstracks zu ihr. Keine Spur von Fremdeln. Sie beschnupperten sich kurz, dann jagten sie einander um Leonies Bettpfosten, und das Mädchen lachte so schallend wie seit Monaten nicht mehr, dass die Kaffeetasse auf dem Schrank klirrte.
### Das Geheimnis der Papiere
Die Wochen vergingen, und die Wohnung der Familie gehörte nun den beiden Katern. Flocke und der Rote, den Leonie „Paprika“ getauft hatte, klauten ihr das Rührei vom Teller, stibitzten Socken aus der Wäsche und schliefen nachts auf Leonies Kopfkissen. Das Kind aß dreimal am Tag, brachte Schulfreundinnen mit nach Hause und verlor das blasse Aussehen, das dem Doktor solche Sorgen gemacht hatte.
Klaudia und Ralf streichelten die Tiere, kauften Kratzbäume und schmunzelten, wenn Paprika morgens um sechs auf dem Fensterbrett saß und die Amseln anfauchte.
Eines Tages meinte Klaudia, es sei an der Zeit, vor ihrem alten Bekanntenkreis zu glänzen. Sie postete ein Foto in der WhatsApp-Gruppe, die sich ironischerweise „Die Erlauchten“ nannte: Flocke und Paprika Seite an Seite auf dem Sofa. Darunter schrieb sie: *„Ratet mal, welche von beiden die echte Engelstädter Katze mit königlichem Stammbaum ist.“*
Die Antworten prasselten herein. Spekulationen, diplomatische Einschätzungen, versteckte Spitzen.
Eine Woche später kam bei einem Routinebesuch der Tierärztin die Wahrheit ans Licht. Die junge Veterinärin blätterte in den Akten und zog die Augenbrauen hoch. „Wissen Sie, was ich hier habe? Der Graue ist ein Ägyptischer Mau — eine sehr seltene, sehr alte Rasse, Silberzeichnung, smaragdgrüne Augen. Und der Rote ist … nun, ein liebenswerter Mischling, vermutlich mit einem Elternteil aus dem Nachbarhof.“ Sie zeigte auf Paprika, der gerade versuchte, sein Spiegelbild an der Chromleiste zu jagen. „Unbezahlbar, dieser Kerl. Aber eine Engelstädter Rasse gibt es übrigens gar nicht. Habe extra recherchiert. Vermutlich hat sich da jemand einen Scherz erlaubt.“
Klaudia sackte kurz das Kinn herunter, dann prustete sie los. Sie lachte so heftig, dass Ralf erschrocken aus der Küche kam. „Fünftausend Euro für die edelste Streunerkatze Heidelbergs“, keuchte sie. „Und der kleine Graue hier war die ganze Zeit der Adlige!“
Sie griff zum Handy und tippte in die Gruppe: *„Ehrlich gesagt: Es ist uns völlig egal. Wir lieben beide. Flocke ist ein Mau, Paprika ein Meisterwerk mit vier Pfoten — und beide gehören zu uns.“*
### Adel wird ausgeklinkt
Innerhalb von zehn Minuten kamen die Antworten. Eine frühere Bekannte schrieb: *„Wie kann man eine Edelrasse mit einem Straßenköter gleichsetzen? Das ist geschmacklos.“* Eine andere, Sekretärin eines Zuchtvereins, echauffierte sich: *„Du hast wohl jede Contenance verloren, Klaudia. Mich siehst du nicht mehr.“*
Eine nach der anderen verließ die Gruppe. Einige blockierten sie direkt. Das Handy summte und summte, dann wurde es still.
Klaudia saß am Küchentisch, vor sich die Konto-App, die sie eigentlich für Leonies Reitstunden hatte einrichten wollen — für die elitäre Erziehung, die nun niemanden mehr interessierte. Sie tippte auf „Überweisung“. Empfänger: das Tierheim Heidelberg. Betrag: 5000 Euro. Verwendungszweck: *Für echte Freunde, die keine Papiere brauchen*. Sie drückte auf Senden, klappte den Laptop zu und warf Ralf einen kurzen Blick zu. Er zuckte die Schultern, grinste und öffnete eine Dose Thunfisch für die Katzen.
Dr. Berger erfuhr die ganze Geschichte zwei Tage später, als Ralf ihn vom Wartezimmer aus anrief. Der Doktor lehnte sich in seinem Sessel zurück und lachte, bis ihm die Tränen kamen. „Fünftausend Euro“, wiederholte er kopfschüttelnd, noch immer glucksend, „und am Ende hat der Streuner aus dem Hauseingang gewonnen.“ Er legte auf, öffnete die Schreibtischschublade und holte die Zeichnung heraus, die Leonie ihm vergangene Woche geschenkt hatte — eine Katze mit einer goldenen Krone und der Unterschrift *Meine Helden*. Er pinnte sie neben seinen Diplomen an die Wand, direkt über dem Stethoskop, und tippte noch schnell eine Nachricht an Ralf: *„Grüßen Sie Flocke und Paprika von mir. Und sagen Sie Leonie, ihr Bild hängt jetzt in der Praxis.“*
