— Tee? — fragte die Zugbegleiterin und stellte den Becher auf den Klapptisch.
Der Nachtzug von Berlin nach München war schon halb eingeschlafen. Draußen glitten Bahnhöfe vorbei, drinnen roch es nach Kaffee, belegten Broten und feuchten Jacken.
In Leipzig stieg ein junges Paar ein.
Sie trug ein zerknittertes Sommerkleid, er zwei Taschen und eine Stoffbox. Aus der Box kam sofort:
— Miau.
Frau Berger, die Zugbegleiterin, blieb stehen.
— Was haben Sie da?
— Persönliche Sachen — sagte der junge Mann.
— Persönliche Sachen miauen selten.
Das Mädchen wurde rot.
— Das ist unser Kater. Leo. Wir mussten heute aus der Wohnung. Der Vermieter hat gesagt: entweder die Katze oder alle raus. Wir fahren zu meiner Oma nach Bayern.
— Ohne entsprechende Buchung geht das nicht — sagte Frau Berger. — Ich muss das melden.
— Bitte nicht — flüsterte sie. — Wir haben heute Nacht keinen anderen Ort.
Im Wagen entstand Unruhe. Eine ältere Dame schüttelte den Kopf. Ein Student murmelte:
— Man kann sie doch nicht nachts rauswerfen.
Ich sah das Mädchen an und erinnerte mich an eine Reise vor Jahren, als ich mit meiner kranken Katze unterwegs war und eine Fremde mir half. Seitdem wusste ich: Güte ist manchmal leise, aber sie verändert alles.
— Vielleicht gibt es eine Lösung — sagte ich. — Zuschlag, anderer Platz, irgendetwas.
Da öffnete sich der Reißverschluss der Box.
Ein roter Kopf erschien. Dann eine Pfote. Dann sprang Leo heraus.
— Leo!
Der Wagen wurde lebendig. Der Kater rannte unter Sitzen durch, stieß eine Flasche um, ließ Menschen die Füße hochziehen und sprang schließlich auf die obere Liege eines Mannes, der bisher schweigend zur Wand gelegen hatte.
Alle erstarrten.
Der Mann drehte sich langsam um. Er hatte ein müdes Gesicht und Augen, in denen etwas Schweres lag. Leo setzte sich neben ihn und begann sich zu putzen.
— Ich hole ihn — sagte der junge Mann.
— Lassen Sie ihn — sagte der Fremde heiser.
Er streichelte das rote Fell.
— Meine Frau hatte so einen. Moritz. Nach ihrer Beerdigung ist er verschwunden. Vielleicht hat er sie gesucht.
Plötzlich war es still. Nicht unangenehm. Menschlich.
Der Mann sah Frau Berger an.
— Ich zahle alles. Nur lassen Sie die beiden nicht nachts aussteigen.
Frau Berger seufzte.
— Ich bin nicht herzlos. Ich habe nur Vorschriften.
Die ältere Dame holte etwas Wurstbrot heraus.
— Dann halten Sie ihn wenigstens satt.
Jemand brachte eine Schnur für den Reißverschluss. Jemand gab eine Decke. Der Student bot an, am nächsten Halt Wasser zu kaufen.
Frau Berger schrieb etwas auf.
— Der Kater bleibt gesichert. Bis München keine Ausflüge mehr.
Leo blieb beim stillen Mann. Er schnurrte die ganze Nacht, während dessen Hand ruhig auf seinem Rücken lag.
Am Morgen gab der Mann dem Paar seine Nummer.
— Wenn Ihre Oma ihn nicht behalten kann, rufen Sie mich an. Bei mir ist es sehr still geworden.
Das Mädchen nickte weinend.
— Vielleicht hat er Sie deshalb ausgesucht.
Der Mann lächelte zum ersten Mal.
Als der Zug weiterfuhr, dachte ich: Manchmal hält ein Zug nicht nur an Bahnhöfen.
Manchmal hält er genau dort, wo Menschen wieder lernen müssen, ein Herz zu haben.
