Mein Name ist Karl Brenner. Ich bin vierundsiebzig Jahre alt und wohne in einem kleinen Haus am Rand von Regensburg.
Früher war dieses Haus laut. Meine Frau backte Apfelkuchen, das Radio lief in der Küche, mein Sohn Matthias rannte mit Holzschwertern durch den Garten. Heute höre ich vor allem die Uhr.
Ich habe einen Enkel. Er heißt Ben. Er ist vier Jahre alt. Er wohnt nur fünfundzwanzig Kilometer entfernt.
Ich habe ihn nie umarmt.
Mit Matthias spreche ich seit fast fünf Jahren nicht mehr. Damals bat er mich um Geld für ein eigenes Geschäft. Ich konnte es ihm nicht geben. Ich hatte selbst Ersparnisse verloren, schämte mich aber zu sehr, das zuzugeben. Also wurde ich hart.
— Ich kann nicht. Du musst lernen, allein klarzukommen.
Matthias sah mich an.
— Allein klarzukommen war das Einzige, was du mir je beigebracht hast.
Dann ging er.
Als Ben geboren wurde, schickte ich Geschenke. Bücher, eine kleine Jacke, ein Holzpferd. Keine Antwort. Eines Tages kam eine Nachricht:
„Nenn dich nicht Opa. Du warst nicht einmal Vater, als ich einen gebraucht hätte.”
Ich las den Satz immer wieder.
Zuerst verteidigte ich mich innerlich. Ich hatte gearbeitet. Bezahlt. Repariert. Ich hatte Matthias zum Angeln mitgenommen. Aber ich hatte selten gefragt, was in ihm vorging. Wenn er traurig war, sagte ich: „Reiß dich zusammen.” Wenn er Angst hatte: „Sei kein Kind.”
Vielleicht hatte ich ihn versorgt.
Vielleicht hatte ich ihn nicht gesehen.
Im Schrank stand eine Kiste für Ben. Buntstifte, ein kleines Holzauto, ein Foto von Matthias als Junge, das Rezept meiner Frau für Apfelkuchen. Jedes Jahr legte ich etwas hinein. Jedes Jahr wurde die Kiste schwerer.
An Bens viertem Geburtstag schrieb ich einen Brief.
„Matthias, ich bitte nicht um Rechte als Großvater. Ich möchte dir sagen, dass ich bereue, oft hart gewesen zu sein, wenn du Wärme gebraucht hättest. Wenn du nie antwortest, werde ich es akzeptieren. Aber ich bin hier. Ohne Forderung.”
Ich schickte ihn ab.
Wochen vergingen.
Dann stand Matthias an einem Samstag vor meiner Tür. Neben ihm seine Frau. Hinter ihr ein kleiner Junge.
— Das ist Ben — sagte er.
Ich blieb stehen.
— Hallo, Ben.
Der Junge sah mich ernst an.
— Papa sagt, du kannst Autos aus Holz machen.
— Manchmal.
Wir setzten uns in die Küche. Der Kuchen stand auf dem Tisch. Ben aß vorsichtig, dann fragte er nach der Kiste. Ich sah Matthias an.
— Darf ich?
Er nickte.
Ben nahm das Holzauto und fuhr damit über die Tischkante.
— Es braucht eine Garage.
Matthias atmete aus. Fast wie ein Lachen.
Beim Abschied sagte er:
— Nicht zu schnell, Papa.
— Nein. Langsam.
Seitdem kommen sie manchmal. Ben sagt noch nicht Opa. Er sagt Karl. Ich nehme es an. Denn Versöhnung ist kein Geschenk, das man verlangt.
Sie ist ein Besuch, für den man den Tisch deckt, auch wenn man nicht weiß, ob jemand kommt.
