Der Hund vor dem Krankenhaus

Als Karl Meinhardt das Krankenhaus in Rostock verließ, hatte er den Entlassungsbrief in der Jackentasche und einen rotbraunen Hund an der Leine. Der Pförtner sah ihn an und schüttelte den Kopf.

— Herr Meinhardt, Sie sollen sich schonen.

Karl lächelte.

— Genau deshalb nehme ich ihn mit.

Der Hund hieß Fuchs. Groß, rotbraun, weiße Brust, ein eingerissenes Ohr und eine Hinterpfote, die nicht ganz mitwollte. Vierzehn Tage hatte er vor dem Seiteneingang des Krankenhauses gewartet. Auf kalten Fliesen, unter dem Vordach. Schwestern brachten Wasser, der Hausmeister ein altes Handtuch, jemand aus der Küche Fleischreste.

Fuchs ging nicht weg.

Bei jeder Türbewegung hob er den Kopf.

Die Ärztin, Frau Dr. Weber, holte Karl am Parkplatz ein.

— Sie hatten keinen Schnupfen. Sie hatten einen ernsten Vorfall. Blutdruck, Herz, Medikamente. Ein Hund braucht Bewegung. Es gibt gute Pflegestellen.

Karl sah Fuchs an.

— Er hat zwei Wochen auf mich gewartet. Ich gebe ihn nicht weg, nur weil ich plötzlich unbequem geworden bin.

Dr. Weber schwieg.

Der Regen erwischte sie auf halbem Weg. Karl spürte, wie seine Knie weich wurden. Fuchs verlangsamte sofort. Er zog nicht, lief dicht neben ihm und sah immer wieder hoch.

Im Treppenhaus roch es nach nasser Kleidung und alter Farbe. Der Aufzug war kaputt. Vier Stockwerke. Im zweiten musste Karl stehen bleiben. Fuchs setzte sich an sein Bein. Im dritten wieder.

Im vierten öffnete Frau Krüger die Tür.

— Soll ich helfen?

— Wir schaffen das.

Sie nickte langsam. Den Ersatzschlüssel zu Karls Wohnung, den seine verstorbene Frau ihr gegeben hatte, behielt sie trotzdem im Blick.

Nachts begann Fuchs zu bellen.

Nicht kurz. Nicht wütend. Verzweifelt.

Frau Krüger nahm den Schlüssel und ging hinüber.

Karl lag in der Küche. Neben ihm ein umgestürztes Glas. Das Telefon lag auf der Fensterbank. Zu weit weg. Fuchs rannte zwischen Frau Krüger und Karl hin und her, als hätte er nur auf jemanden gewartet, der endlich verstand.

Der Notarzt sagte später, es sei knapp gewesen.

Als Karl wieder im Krankenhaus aufwachte, stand Dr. Weber an seinem Bett.

— Ihr Hund hat Ihnen das Leben gerettet.

Karl bewegte mühsam die Finger.

— Er hat nur weitergemacht, was er vor der Tür angefangen hat.

Nach der zweiten Entlassung sprach niemand mehr von Pflegestelle. Frau Krüger ging morgens mit Fuchs. Der junge Mann aus dem Erdgeschoss brachte Hundefutter. Dr. Weber kontrollierte den Blutdruck und hatte auffällig oft ein Hundeleckerli in der Tasche.

Karl lernte, Hilfe anzunehmen. Widerwillig. Langsam. Aber er lernte es.

Im Frühling saßen er und Fuchs jeden Nachmittag auf der Bank vor dem Haus. Zwei Hinkende in der Sonne. Zwei Sture, die einander nicht losgelassen hatten.

— Ohne ihn wären Sie vielleicht nicht mehr da, sagte Frau Krüger einmal.

Karl nickte.

— Ohne mich vielleicht auch er nicht.

Manche nennen ein Tier im Alter eine Last.

Karl nannte Fuchs seinen Grund, morgens die Tür zu öffnen.

 

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