Jeden Morgen um acht Uhr öffnete sich die schwere Haustür von Eingang drei mit einem Quietschen, das den halben Innenhof weckte. Dann trat Frau Anneliese hinaus. In der rechten Hand trug sie den Müllbeutel, sorgfältig doppelt verknotet. In der linken ihre alte Einkaufstasche. Darin lagen ein Brötchen, ein abgewetzter Geldbeutel, ein Einkaufszettel und eine kleine Dose für Kleingeld.
Sie war einundsiebzig und lebte allein in einer Einzimmerwohnung in einem Plattenbau am Rand von Leipzig. Ihr Mann, Herr Paul, war vor zehn Jahren gestorben. Der Sohn wohnte in München, die Tochter in Dresden. Beide riefen an, aber immer hastig, immer zwischen Arbeit, Kindern und dem nächsten Termin.
Anneliese nahm es ihnen nicht übel.
— Solange der Tee warm ist und die Beine tragen, soll man nicht jammern — sagte sie den Nachbarinnen, wenn sie auf der Bank vor dem Haus saßen.
Unter dem alten Fliederbusch im Hof saß seit zwei Wochen ein junger Mann. Vielleicht fünfundzwanzig. Eine dünne Jacke, kaputte Schuhe, eingefallene Wangen. Er bettelte nicht. Er sprach niemanden an. Er saß nur da und schaute auf den Boden, als hätte er dort etwas verloren, das er nicht wiederfinden konnte.
Die Nachbarinnen tuschelten.
— Das gibt Ärger — sagte Frau Krüger. — Solche kommen nicht ohne Grund.
— Man sollte die Polizei rufen — meinte Frau Behnke. — Am Ende späht er Keller aus.
Anneliese hörte es und sagte nichts. Aber jedes Mal, wenn sie an ihm vorbeiging, zog sich ihr Herz zusammen. Nicht aus Angst. Aus Mitleid. Er erinnerte sie an einen Hund, der schon zu oft getreten worden war und deshalb selbst vor einer freundlichen Hand zurückwich.
An einem Donnerstag backte sie Kartoffeltaschen. Mit Zwiebeln, so wie Paul sie geliebt hatte. Sie machte mehr, als sie essen konnte, wickelte sechs Stück in ein Küchentuch und ging hinunter.
Der junge Mann saß unter dem Flieder, die Schultern hochgezogen.
— Junge — sagte sie —, wann hast du zuletzt richtig gegessen?
Er sah auf. In seinen Augen flackerte Panik.
— Bitte nicht. Ich brauche nichts.
— Das sehe ich anders. Nimm.
— Ich kann nicht bezahlen.
— Habe ich eine Rechnung geschrieben?
Er nahm das Tuch mit zitternden Fingern.
— Danke.
— Ich bin Anneliese. Und du?
— Lukas.
Von da an brachte sie ihm immer wieder etwas. Suppe in einem Schraubglas, Brot, ein gekochtes Ei, heißen Tee in Pauls alter Thermoskanne. Lukas sprach am Anfang kaum. Später erzählte er stückweise: Streit mit dem Vater, Arbeit verloren, falsche Freunde, Scham.
— Mein Vater sagte, ich sei zu nichts zu gebrauchen — murmelte er eines Abends. — Vielleicht hatte er recht.
Anneliese sah ihn streng an.
— Unsinn. Menschen sind nicht kaputt, nur weil sie falsch abgebogen sind.
— Ich kann nicht zurück.
— Nicht können und sich schämen sind zwei verschiedene Dinge.
Die Nachbarinnen schüttelten den Kopf.
— Anneliese, du bist zu gutgläubig.
— Nein — sagte sie. — Nur alt genug, um Angst von Bosheit zu unterscheiden.
Eines Morgens war Lukas verschwunden.
Der Platz unter dem Flieder blieb leer. Am zweiten Tag auch. Am dritten stand Anneliese so oft am Fenster, dass sie den Einkauf vergaß. Sie stellte sich vor, wie er irgendwo in der Kälte lag, krank, hungrig, verloren.
Am vierten Tag klingelte es.
Vor der Tür stand Lukas.
Rasiert, sauber, in einem karierten Hemd und einer neuen, einfachen Jacke. In der Hand hielt er einen kleinen Strauß gelber Blumen.
— Frau Anneliese… ich wollte mich verabschieden.
Ihr wurde kalt.
— Wohin denn?
— Nach Hause.
Sie ließ ihn in die Küche. Der Wasserkocher rauschte. Lukas saß am Tisch und drehte die Tasse zwischen den Händen.
— Ich habe meinen Vater angerufen — sagte er. — Ich dachte, er legt auf. Aber er hat nur geatmet. Dann sagte er: „Komm heim, Junge. Ich war auch ein Idiot.“ Er hat Arbeit für mich in seiner Werkstatt. Wir wollen es versuchen.
Anneliese wandte sich zum Fenster. Der Flieder war kahl.
— Siehst du. Manchmal wartet ein Zuhause nur auf ein einziges Wort.
Lukas schluckte.
— Wenn Sie mich damals nicht angesprochen hätten, hätte ich nicht angerufen. Ich dachte, ich sei niemandem mehr etwas wert. Sie haben mich wie einen Menschen behandelt.
— Weil du einer bist. Das vergisst man nur manchmal, wenn man zu lange friert.
Er umarmte sie unbeholfen und fest. Sie packte ihm Kartoffeltaschen und ein Glas Marmelade ein.
— Für deinen Vater. Sag ihm, Versöhnung geht besser mit vollem Magen.
Ein Monat später kam ein Paket. Die Nachbarinnen sahen den Postboten und wunderten sich laut. In dem Paket lagen ein warmer Wollschal, feiner Tee und ein Brief.
„Liebe Frau Anneliese, ich arbeite wieder. Vater und ich haben geredet, richtig geredet. Es ist nicht alles heil, aber es beginnt. Sie haben mir nicht nur Essen gegeben. Sie haben mir Mut gegeben, an eine Tür zu klopfen, vor der ich mich geschämt habe. Danke. Ihr Lukas.“
Anneliese stellte den Brief neben Pauls Foto.
— Na, alter Mann — flüsterte sie. — Du hast immer gesagt, man soll erst fragen, bevor man verurteilt.
Am Abend backte sie wieder.
Frau Krüger rief von der Bank:
— Und? Hat Ihr Hofgast Sie beklaut?
Anneliese lächelte.
— Ja. Ein bisschen Einsamkeit hat er mitgenommen.
Dann ging sie hinauf, denn der Teig wartete. Und solange Teig aufging, war das Leben noch nicht fertig.
