Der rote Beifahrer

 

Ralf war Fernfahrer.

Nicht einer von denen, die romantisch über Sonnenaufgänge auf der Autobahn redeten. Ralf kannte die andere Seite: kalten Kaffee, zu kurze Nächte, überfüllte Rastplätze, Rückenschmerzen und das Summen des Motors, das irgendwann lauter wird als die eigenen Gedanken.

Zu Hause in Dortmund warteten seine Frau Sabine und zwei Söhne. Warten war ein großes Wort in ihrer Familie. Ralf kam, ging, kam wieder, schlief ein, bevor der Film begann, und fuhr los, bevor der Morgen richtig hell wurde.

— Noch ein paar Jahre, sagte er. Wenn der Kleine mit der Ausbildung durch ist, mache ich weniger.

Sabine nickte dann. Aber ihre Augen sagten, dass sie dieses „weniger” schon lange kannte.

Den Kater fand Ralf an einem Logistikzentrum bei Kassel. Rot, dünn, dreckig, mit grünen Augen und einem Miauen, das klang wie eine Beschwerde beim Chef.

Ralf gab ihm ein Stück Frikadelle.

Der Kater fraß, sah ihn an und sprang in die Fahrerkabine.

— Freundchen, sagte Ralf, ich habe kein Katzenhotel.

Der Kater setzte sich auf den Beifahrersitz.

Von da an hieß er Schröder.

Schröder wurde ein Star auf Ralfs Strecke. In der Raststätte „Zum alten Tank” kannte man sie. Ralf bestellte:

— Für mich Schnitzel. Für Schröder Hähnchen, ohne Gewürz.

Die Kellnerin lachte jedes Mal.

Schröder lag auf dem Armaturenbrett, hörte dem Funk zu und weckte Ralf manchmal mit einer Pfote, wenn dieser auf dem Parkplatz zu lange in einem seltsamen Halbschlaf hing.

Dann kam die Rechnung für die Ausbildung des jüngeren Sohnes.

Ralf nahm mehr Touren an. Zu viele. Er redete sich ein, dass er das kann. Dass er Erfahrung hat. Dass Müdigkeit eine Schwäche ist, die man mit Kaffee überfährt.

In einer Nacht auf der A7 verlor er für Sekunden das Bewusstsein.

Der Lkw kam von der Fahrbahn ab, durchbrach die Leitplanke und rutschte eine Böschung hinunter.

Als Ralf im Krankenhaus aufwachte, war sein erster Satz:

— Wo ist Schröder?

Sabine weinte.

Man erzählte ihm, der Kater sei aus der zerstörten Kabine gekrochen. Er sei auf die Straße gelaufen, habe Autos zum Bremsen gezwungen, sei immer wieder zur Böschung gerannt und zurück. Ein Fahrer habe angehalten und sei ihm gefolgt. So fand man den Lkw. So kam der Rettungsdienst rechtzeitig.

Schröder aber war verschwunden.

Nach seiner Entlassung ließ Ralf sich zur Unfallstelle bringen. Mit Schmerzen, blass, kaum auf den Beinen.

— Schröder! Komm her, alter Spinner!

Sabine bat ihn aufzuhören.

— Ralf, vielleicht hat ihn jemand mitgenommen.

— Dann finde ich den jemand.

Er suchte jeden Tag. Hängte Zettel auf, fragte an Tankstellen, schrieb in Gruppen für Fernfahrer. Bald suchten andere mit. „Roter Kater rettet Lkw-Fahrer” stand unter seinem Foto.

Nach zwei Wochen rief ein Mann von einem Bauernhof an.

— Bei uns sitzt ein roter Kater in der Scheune. Er lässt niemanden ran. Aber wenn ein Lkw vorbeifährt, kommt er heraus.

Ralf fuhr hin.

Schröder war mager, schmutzig, die rechte Pfote verletzt. Als er Ralfs Stimme hörte, hob er den Kopf. Einen langen Moment geschah nichts. Dann humpelte er los und drückte sich gegen Ralfs Brust.

Ralf hielt ihn fest und sagte immer wieder:

— Ich hab dich. Ich hab dich.

Nach dem Unfall änderte sich vieles. Ralf fuhr weiter, aber nicht mehr gegen den Schlaf. Nicht mehr gegen den Körper. Nicht mehr gegen die Angst seiner Familie. Sein Sohn nahm einen Nebenjob an. Sabine sagte:

— Wir brauchen nicht mehr Geld. Wir brauchen dich.

Schröder fuhr manchmal wieder mit. Aber oft blieb er zu Hause auf dem Fensterbrett und schlief in der Sonne.

Ralf erzählte später jedem jungen Fahrer:

— Wenn du müde bist, halt an. Ich habe das von einem Kater gelernt.

 

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Odissea
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